| Tempo, Farbe und Witz |
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Neues Programm "Vertigo" des Varietés "Da Capo" in Darmstadt |
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Da sage noch Einer, der Zirkus sei tot! Wer geglaubt hatte, dass die Artisten dank Fernsehen und Internet mittlerweile "ratlos in der Zirkuskuppel" säßen, musste sich von dem Varieté-Veranstalter Da Capo eines Besseren belehren lassen. Das neue Programm "Vertigo", was soviel wie "Rausch" oder "Schwindel" bedeutet, läuft vom 4. Dezember bis zum 4. Januar und brilliert mit temporeichen Nummern und atemberaubender Akrobatik.
"Da Capo"-Chef James Jungelis ist nicht nur "Spiritus Rector" des Varietés sondern tritt auch selbst auf, und zwar als unprätentiöser Clown. Ohne die üblichen Requisiten - karierte Hose, durchlöcherte Schuhe und rote Knollennase - präsentiert er sich als unglücklicher Musiker, dem rein gar nichts gelingt. Mit viel Sinn für die Ironie der Situation und Liebe zum Detail zeichnet er diese Figur als Mischung aus Parodie und Wehmut und erntet dafür viel Beifall. Später dann tritt er als vermeintlicher Zauberkünstler auf, der die bekannten Tricks mit viel Augenzwinkern "enthüllt" und damit trivialisiert. Doch Jungelis-Auftritte waren nur die Übergänge und Ruhepausen zwischen teilweise furiosen Nummern. Da ist zum Beispiel die Moskauer Artistengruppe "New Russians", die einzelne Mitglieder mit Hilfe kräftiger Kollegen über eine katapultartige Wippe in die Luft "schießt", wo sich die leichten und gelenkigen Artisten in mehreren Schrauben und Salti drehen, bis sie sicher auf einer Matte auftreffen. Der Höhepunkt war der Start mit einer Stelze an den Beinen, die beim Überschlag fast das Zeltdach berührte. Glücklicherweise ging alles gut. Doch im Gegensatz zu traditionellen Vorführungen dieser Art, die sich ganz auf die technische Leistung konzentrieren, inszeniert die Gruppe das Ereignis geradezu mit Showtanz-Rahmen, der immer wieder humorvolle "Gags" enthält, so wenn ein junger Springer plötzlich den etwas fülligen und bejahrteren Anführer der Gruppe in den Zirkushimmel zu schießen gedenkt oder wenn sich die einzige Frau dieser Gruppe in gespielter Empörung Anzüglichkeiten eines Mannes verbittet.
Die "Luftnummer" von Sergey Akimov am Seil begeistert sowohl durch die perfekte Körperbeherrschung als auch durch die hohe Ästhetik der ausgewogenen Choreographie. Wenn er hoch über dem Boden mit nur einer Hand am Seil seine akrobatischen Figuren vorführt, wirkt er geradezu schwerelos. Eine andere Gruppe aus der Ukraine zeigt Sprünge eines Fliegengewichtes von der Spitze einer von seinen Kameraden gebildeten Pyramide, die den Besuchern den Atem stocken lassen. Die beiden südamerikanischen "Schlangen- menschen" zeigen, wieweit sich ein Mensch verbiegen kann, indem sie die Füße (nicht die Hände!) hinter dem Kopf kreuzen und auf den Händen stehen. Bisweilen muten ihre Körper wie vorzeitliche oder breughelsche Fabeltiere aus, und dem Besucher gerinnt ungewollt das Blut in den Adern bei ihren extremen Verren- kungen, die aber dennoch nie unästhetisch wirken. Auch der portugiesische Balance-Künstler Dany Daniel zeigt, wie man auf einem Turm von übereinander gestapelten Zylindern noch stehen kann, obwohl die Höhe und die Labilität dieses Turms dieses eigentlich unmöglich machen sollte, und der Seiltänzer springt auf dem Seil sogar über Kronleuchter, die ihm scheinbar den Weg versperren. So jagt eine Nummer die andere, mal am Hochseil, mal am Ring, mal am Boden, wobei auch der Nachwuchs des Chefs sich hervortut, und das Ganze wird zusammengehalten durch fetzige Tanzeinlagen einer kleinen Truppe von gertenschlanken und attraktiven jungen Frauen, die mal Feuer symbolisieren und mal die Wellen des Meeres. Der Amerikaner St. Jules aus Las Vegas jongliert auf eine neue Art, indem er die Bälle auf eine übergroße Klaviatur tanzen lässt und auf dieser fehlerfrei den Can Can und andere Musikstücke spielt und dabei den Rhythmus so exakt hält, dass das Publikum spontan mitklatscht. Man sieht, auch scheinbar "alten" Künsten kann man immer wieder neue Seiten abgewinnen.
James Jungelis spielt zum Abschluss einen Evergreen auf der Klarinette und der als angejahrter Hippy auftretende Moderator singt dazu mit durchaus fülliger und einfühlsamer Stimme. Der zweite Moderator, ein veritabler Liliputaner, liefert eine mitreißende "Elvis"-Nummer in weißem Glitzerdress zum Original-Playback ab und führt zum Schluss sogar einen Handstand auf den Händen eines der Artisten vor.Wenn das Programm nach nahezu drei Stunden zu Ende geht, ist die Zeit wie im Fluge vergangen, und man möchte eigentlich noch gar nicht nach Hause gehen. |