Melancholischer Tanz durch das Paris der Chansons

Wiesbadener Ballett gastiert mit "La Vie en Rose" in Darmstadt
Das Wiesbadener Ballett hat sich (nicht nur) in Darmstadt den Ruf ausgefallener Produktionen erworben. Nach der überaus erfolgreichen Hommage an Irland "Irish Soul" im letzten Jahr hatte sich man bereits in der letzten Saison Paris und seinen Chansons zugewandt. Die Produktion mit dem Titel "La Vie en Rose" feierte am 10. Oktober im Rahmen der Kooperation beider Bühnen jetzt auch im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt Premiere. Ein alter Clochard betritt im Nebel einer imaginären Seine mit seinem Akkordeon den Boulevard und erzählt dazu den vorbeieilenden Passanten von den Höhen und Tiefen seines Lebens. Er hat sie alle gekannt, die großen Chansonniers: Maurice Chevalier, der ihm schon früh sein Schicksal in Gestalt der Frauen und des Wodkas prophezeit hat, Edith Piaf, den "Spatz von Paris", Gilbert Bécaud, den "100000- Volt-Mann", und Jaques Brel, den Autor und Sänger melancholischer Chansons.
Diese musikalischen Größen der Vergangenheit steigen zu den sehnsüchtigen Klängen des unverwüst- lichen Evergreens "Akkordeon" jetzt in seiner Erinne- rung empor. Auf der Bühnen-Rückwand erscheinen ihre Portraits, und das Ensemble des Wiesbadener Balletts setzt die Chansons in Tanz um. Von Maurice Chevalier ertönen "Fearful Symmetries" und "Paris, je t´aime", von der Piaf "La vie en rose", der Namens- geber der Choreografie, "Padam", natürlich "Mylord" und zum Schluss "Je ne regrette rien". Zum Original- ton vom Band interpretiert Adeline Pastor im schwar- zen Kleid Leben und Leiden der so kleinen wie großen Chansonnière.

Der nächste Besucher auf dem "Boulevard" ist Gilbert Bécaud, dargestellt von Marko Tuma als weltläufiger Beau in Anzug und Krawatte (es ist sicher nicht ein- fach, in diesem Aufzug zu tanzen). Von ihm ertönen "Maintenant", "Le mort de poète", natürlich der Ohrwurm "Natalie" und zum Schluss "L´important c´est la rose". Wer in den Sechzigern und Siebzigern des letzten Jahrhunderts seine musikalischen Erstein- drücke gesammelt hat, konnte sich nostalgischer Anwandlungen kaum erwehren.

Um die Originalatmospäre zu beschwören, hatte man sich weit gehend auf Playback beschränkt. Bisweilen leidet darunter etwas die Unmittelbarkeit, aber dafür kommt auch noch einmal der Glanz der frühen Tage auf. Nur einmal singt Adeline Pastor selbst ein Chanson der Piaf.

Hatten die Chansons des "Boulevards" noch viel Tempo und Witz, was sich auch in den Tanz- szenen niederschlug, so überwiegt im "Bistro" des zweiten Teils die Melancholie. Jaques Brel war ein Meister dieses Fachs, und seine Chansons drehen sich hauptsächlich um das Ende von Beziehungen und atmen Vergänglich- keit. Diese etwas schwere Atmosphäre können auch die kurzen Einschübe von Bécaud und "Barbara" nicht ausgleichen.

Während der choreographische Teil des "Boulevard" immer wieder durch Gruppen vorbei eilender Passanten, einschließlich lebenden Hündchens, gestaltet wird, die sich mal um sich selbst kümmern - Liebespaare -, mal um den armen Clochard, den offensichtlich alle Pariser Bürger lieben, konzentriert sich der zweite Teil auf das "Bistro". Im Hintergrund sieht man Stühle und Tische, an denen sich "tanzfreie" Darsteller auf- halten und von woher sie zu ihren tänzerischen Interpretationen der lyrischen und teilweise schwermütigen Chansons aufbrechen. Der Clochard Jef verschwindet für eine Weile, da er offensichtlich keinen Zutritt zu dem Bistro hat, doch am Schluss wird er von den Besuchern des Bistros im Triumphzug herein und damit auf die Bühne geholt und als Vertreter einer untergegan- genen Epoche gefeiert.

Zygmunt Apostol verbindet als singender und bisweilen auch bewusst ungelenk tanzender Clochard die einzelnen Szenen mit viel Gespür für den emotionalen Gehalt der jeweiligen Chansons und Situation. Mal melancholisch, mal sentimen- tal, mal forciert lustig, zeigt er sich in jeder Szene präsent und schwört das Publikum auf entspre- chende Reaktionen ein. So animiert er die Premierenbesucher erfolgreich zum Mitsummen und sogar - singen, und einige Male singt das Publikum sogar allein, wenn auch reichlich verhalten.

Alles in allem ist diese Choreografie trotz des nachlassenden Tempos im zweiten Teil eine sehenswerte Hommage an Frankreich, Paris und seine legendären Chansonniers, wie sie nur die Franzosen hatten. Wer etwas für diese Musik- gattung übrig hat und dazu noch gekonnten Tanz genießen möchte, sollte sich diese Produktion unbedingt ansehen.

Das Publikum jedenfalls dankte dem Ensemble für diese Leistung mit langem, mehr als freundlichem Beifall; und den hatte sich das Ensemble wirklich verdient.