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Vladimir Nabokovs "Walzers Erfindung" im Staatstheater Darmstadt |
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Apokalyptische Visionen hatten in Literatur und Theater vor allem in Zeiten politischer Umbrüche oder schwerer kriegerischer Auseinandersetzungen Konjunktur. In neuerer Zeit ist hier vor allem Dürrenmatts "Die Physiker" zu erwähnen, in dem scheinbar geisteskranke Physiker und eine resolute Anstaltsleiterin das brisante Thema der nuklearen Bombe auf ihre Weise angehen. Der Vergleich mit einem anderen Stück dieser Prägung gleich zu Beginn einer Rezension sei hier einmal ausnahmsweise erlaubt, um die Unterschiede der Behandlung eines solchen Themas aufzuzeigen. Dürrenmatt inszeniert dabei ein doppel- wenn nicht mehrbödiges Spiel mit tief gehenden intellektuellen Auseinandersetzungen um Sinn und Verantwortung der Forschung, das Ganze eingekleidet in eine nur scheinbar komödiantische Handlung.
Nabokov hat "Walzers Erfindung" in den dreißiger Jahren als Emigrant in Berlin geschrieben, als er die Schrecken der russischen Revolution mit ihren Verwaltern Lenin und Stalin hinter sich hatte und den Faschismus deutscher Prägung aufsteigen sah. Die Atombombe kannte er noch nicht und hielt daher sein Sujet - wahrscheinlich - für eher hypothetisch. Dass er der Wahrheit so nah kam, konnte er nicht ahnen. Der Erfinder Walzer teilt dem Minister eines fiktiven Staates mit, er könne jederzeit und an jedem Ort der Erde eine Explosion bisher unbekannten Ausmaßes hervorrufen, und verlangt als Gegenleistung für sein Wohlverhalten die sofortige Abrüstung und den Übergang zum friedfertigen Leben. Als man den vermeintlich Verrückten hinauswirft, lässt er wie angekündigt den Berg vor dem Ministerium hochgehen. Als die verschreckten Politiker ihm die Erfindung in einem schäbigen Spiel abkaufen wollen, um damit zum Beispiel den Nachbarstaat militärisch zu erpressen, lehnt er ab und schwingt sich mit seiner Erfindung als Faustpfand zum Herrscher auf. Einmal im Amt, mutiert er bald vom idealistisch-kompromisslosen Pazifisten zum Despoten, der je nach Lust und Laune an beliebigen Orten der Erde Explosionen gegen vermeintlich Unbotmäßige verursacht und seine eigenen Landsleute unterdrückt, wobei er alle Eigenarten eines aus dem Ruder laufenden Alleinherrschers entwickelt. Die Frau, die von Anfang an zu ihm hielt, verrät und demütigt er, lässt sich Frauen bringen, droht seiner Umgebung wahllos mit dem Tod und steigert sich unaufhaltsam in einen Rausch hinein, der nur den fehlenden Grenzen zu schulden ist. Er sucht offensichtlich geradezu nach Widerstand, findet aber um sich herum nur verängstigte Speichellecker. Welch Wunder, schließlich hält er ja den Schlüssel zum Weltuntergang in den Händen. Erst als er die minderjährige Tochter eines Generals von diesem zur Geliebten verlangt und dieser ihm den Wunsch mehr als deutlich abschlägt, bricht er zusammen. Auf den ersten Blick erscheint diese Handlung wie ein Menetekel, das auf die Atombombe und den kalten Krieg verweist. Daneben beinhaltet sie durchaus Parallelen zur Gegenwart, so die systematische Mutation idealistischer Revolutionäre zu mitleidlosen Terroristen, heißen sie nun Bader/Meinhof oder Usama Bin Laden. Doch auf den zweiten Blick hält das Stück nicht, was es zu versprechen scheint. Die Grundanlage der Handlung verhindert jegliche intellektuelle Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Lagern. Walzer ist allmächtig - Punkt. Diese Allmächtigkeit erstickt alle Diskussionen und schafft ein Schwarz-Weiß-Bild mit harten Konturen. Und so zeigen sich die Minister und Generäle auch nur als Marionetten, die nichts anderes tun können als den Allmächtigen zufrieden zu stellen. So sah es zumindest Nabokov und inszenierte den Gang der Ereignisse als bloße Sequenz neronischer Attitüden. Eine Extravaganz nach der anderen des Potentaten wird vorgeführt und bloßgestellt, und das murrende Volk kann nichts ändern. Diese Abfolge despotischer Allüren wird jedoch bald langweilig, weil sie keine Neuigkeiten über den Menschen im Besitz der Macht bringen. Wir wissen das alles aus Geschichtsbüchern und Romanen und hätten gerne eine etwas tiefer gehende Analyse der Macht und ihrer Mitspieler. Doch bei Nabokov bleibt alles im Vordergründigen, bisweilen fast Klamaukhaften. Und wenn Walzer am Schluss zusammenbricht, weiß der Zuschauer nicht einmal, warum er nicht zur Strafe wenigstens - wie angedroht - noch ein paar Städte hochgehen lässt.
Regisseur Werner Schroeter muss diese Schwäche des Stückes gespürt haben, denn er legt das Ganze von vornherein als Groteske an. Der Hofstaat besteht aus einer Ansammlung von pompös gekleideten Ministern und Generälen, die ihre Uniformen wie Trophäen vor sich her tragen. Die alliterierenden Namen - General Plump, General Trump, General Klumps usw. - sind betont ins Lächerliche gezogen, und ihre Träger verhalten sich wie eine Bande dekadenter, verblödeter, infantiler Tagediebe. Bewusst hat Schroeter Männerrollen durch Frauen besetzt - so den Minister durch Elisabeth Kreijcir - und umgekehrt. Die Journalistin Trance, die Walzer lange die Treue hält, legt Tim Bierbaum als blonden Schwulen an, wobei jedoch der Text weiterhin von einer Frau spricht. Alles ist austauschbar, nichts das , was es scheint. Die Kabinettssitzung verkommt zum Kabinettstück der Trivialität, und Entscheidungen werden eher nach dem Prinzip des Zufalls getroffen. Schroeter hilft dem Text durch die austauschbaren Figuren etwas auf die Beine, aber am Ende hat man das Gefühl, hier wollte sich der Autor eher die Wut von der Seele schreiben als sich mit der Komplexität der Welt auseinander zu setzen. Und so schreitet denn die Handlung von einer Skurrilität zum nächsten - bewusst eingesetzten - Kalauer fort, reproduziert die groteske Sinnlosigkeit und bleibt schließlich in ihr stecken. Der Zusammenbruch Walzers am Ende ist auch ein Symbol für die Sackgasse des Stücks, das sich aus der kreisförmigen Endlosbewegung nicht anders lösen kann. Die Darsteller versuchten, das Beste aus dem Text zu machen, aber über weite Strecken hatte man das Gefühl, das sie sich selbst über die Aussage des Stückes nicht im Klaren waren bzw. seine Schwäche spürten. Von dem bei den Darmstädter Darstellern sonst deutlich zu spürende Engagement war hier wenig zu sehen. Allerdings hatte außer den Hauptdarstellern auch kaum jemand die Chance, sich schauspielerisch auszuzeichnen, mussten die Anderen doch vornehmlich nach vorgefertigten Schablonen Schwachsinn reden. Christian Wirmer mühte sich als Walzer um so etwas wie Interpretation, aber die Rolle ließ ihm dazu nicht viel Gelegenheit. Elisabeth Kreijcir gab einen hutzligen und leicht senilen Minister mit Halbglatze und Kinnbart, lustig anzusehen und halb satirisch, halb hintergründig. Tim Bierbaum verlieh der Trance sogar so etwas wie Gefühl und Anstand - eine Reverenz an die Frauen, gespielt von einem jungen Mann, und Uwe Zerwer versuchte, beim Adjudanten Oberst Plump die Balance zwischen Lächerlichkeit und Betroffenheit zu halten. Aber auch hier überlagerte die von der Regie vorgegebene Farce eine eventuelle Ernsthaftigkeit. Doch. wie gesagt, es ist fraglich, ob eine ernsthafte Interpretation die generelle Schwäche des Textes nicht noch deutlicher zum Ausdruck gebracht hätte. Das Publikum jedenfalls zeigte sich nicht besonders begeistert und entließ die Darsteller nach wenigen "Vorhängen" und zahmem Beifall in die Garderobe. |
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