Freier Tag für die Violinen

Zweites Sinfoniekonzert mit Méhul, Ligety, Franke und Brahms

 

Der Umbau des großen Hauses des Staatstheaters Darmstadt wirkt sich offensichtlich auch auf das Programm des Sinfonieorchesters aus. Große sinfonische Musik leidet unter den anderen akustischen Bedingungen des Kleinen Hauses, das ursprünglich für das Sprechtheater und für Kammerkonzerte konzipiert war. Daher muss auch das Sinfonieorchester in seinem Programm die kammermusikalische Aspekte etwas mehr in den Vordergrund stellen. Im 2. Sinfoniekonzert hatte man daher ein Programm gewählt für verkleinertes Orchester gewählt. Die Violinen glänzten durch Abwesenheit, ihren Part übernahmen die Bratschen und die Celli. Dafür kamen an diesem Abend die Blasinstrumente, und hier vor allem die Holzbläser, vermehrt zum Einsatz.

Den Beginn machte die Ouvertüre zur Oper Uthal des französischen Komponisten Ètienne Nicolas Méhul (1763-1817), die sich vor allem durch ihren dunklen und warmen Klang auszeichnet. Diese Oper behandelt keltische Themen, und deren Heldenmythen lassen sich am besten durch dunkle und warme Blasinstrumente darstellen. Die Musik wirkt streckenweise erstaunlich modern und könnte auch der Romantik zugerechnet werden.

György Ligeti

Nach dieser kurzen "Aufwärmphase" führte der nächste Programmpunkt um über eineinhalb Jahrhunderte ins ausgehende 20. Jahrhundert. György Ligetis (*1923) Doppelkonzert für Flöte, Oboe und Orchester führt zwei Soloinstrumente zusammen, die man selten zusammen hört, wohl, weil sie in der Tonlage auch ziemlich eng beieinander liegen. Die Solisten Andrea Lieberknecht (Flöte) und Christian Wetzel (Oboe) spielten statt an der Rampe aus der Mitte des Ensembles. Diese Konstellation sollte offensichtlich verdeutlichen, dass die beiden Instrumente nicht wie bei klassischen Solokonzerten sich gegen das Orchester abheben, sondern zeitweise bewusst mit dem Orchesterklang verschmelzen. Und wenn sie sich vom Orchesterkörper trennen, dann ergibt sich aufgrund der tonalen Nähe und der Interferenz beider Instrumente ein schwebender Klang, der eine besondere Intensität ausstrahlt. Eine thematische Linie wie bei den klassischen oder romantischen Konzerten lässt sich hier nicht mehr erkennen. Der Klang ist alles, das "Motiv" zählt nicht. Immer neue Klangmischungen und -kombinationen entstehen aus dem Zusammenspiel von Bläsern und Streichern, die Harfe spielt eine wesentliche Rollen, und die Saiten der Streichinstrumente werden nicht nur vom Bogen gestrichen, sondern auch gezupft und geschlagen. Dabei sind die entstehenden Klanggebilde durchaus nicht unharmonisch, ja, bisweilen schimmern aus der traditionellen Musik bekannte Harmonien und kurze Motive durch. Bisweilen ähnelt Ligetis Musik in seinen feinen Variationen der Harmonien der "minimal music" von Philip Glass.

Bernd Franke

Unmittelbar nach diesem Konzert kam mit "Double Life for flute, oboe and orchestra" ein Auftragswerk des deutschen Komponisten Bernd Franke (*1959) zur Uraufführung. Franke hat eine besondere Kompositionstechnik entwickelt: den CUT. Das sind kurze "Schnitte" (engl. "cut") wie im Film, die beliebig aneinandergereiht oder simultan gespielt werden können. Dabei sind die Partituren mal bis in den letzten Ton auskomponiert, mal haben die Musiker innerhalb eines vorgegeben Rahmens viel Freiheit bei der konkreten Ausgestaltung. In den neun Einzelsätzen dieses Werkes werden die CUTs IV (für Flöte) und V (für Oboe) immer wieder neu kombiniert. Anfangs klingt das - mit den kurzen, aufsteigenden Motiven wie ein aufgeregter Hühnerhaufen, dann wieder - in einem anderen Satz - wie ein zäh dahin fließender Klangbrei. Andere Sätze überraschen durch ungewohnte Instrumentierung - ein überdimensionierter Holzhammer schlägt mehrmals laut knallend auf eine Holzkiste und die Bässe werden richtiggehend geschlagen - oder durch ungewohnte Klangbildungen, an denen immer wieder die beiden Solisten an der Flöte und der Oboe beteiligt sind. Diese beiden wechseln dabei auch die Instrumente, um ein möglichst breites Klangspektrum zu erzeugen. Dabei zeigten sie eine außerordentliche Virtuosität und Ausdrucksbreite. Allerdings forderte diese Musik vom Publikum die Bereitschaft, sich auch neuen und ungewohnten Klängen zu stellen, denn als eingängig lässt sich die Musik Bernd Frankes sicher nicht bezeichnen. Ja, man kann sogar darüber diskutieren, ob dies Musik im eigentlichen Sinn ist oder ein experimenteller Klangraum.

Andrea Lieberknecht, Flöte

Christian Wetzel, Oboe

Nach der gut und fest in einen traditionellen Rahmen verpackten Moderne tröstete dann nach der Pause der letzte Programmpunkt das Stammpublikum. Johannes Brahms´ Serenade in A-Dur bietet ausgewogene und eingängige Musik der Romantik, lebhaft in den Ecksätzen und innig im Mittelsatz, einem "Adagio non troppo". Das besondere an dieser Komposition liegt darin, dass sie ebenfalls ganz ohne Violinen auskommt und somit bestens zu den anderen Werken des Abends passt. Serenaden wurden schon zu Mozarts Zeiten vor allem für öffentliche Auftritte komponiert und sind von der Grundstruktur leichter als Sinfonien, da sie deren Anspruch nicht vor sich her tragen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie minderwertig sind. Im Gegenteil, sowohl Mozart als auch Brahms haben in ihre Serenaden all ihr musikalisches Können eingebracht, und die Reaktion der Zeitgenossen -so Clara Schumann im falle der A-Dur-Serenade von Brahms - zeigen das auch deutlich. Die marschmäßigen Ecksätze reflektieren die Tatsache, dass die Orchester in den Ecksätzen ein- und ausmarschierten, die "Zwischensätze", ein Scherzo und ein Menuett, bilden einen idealen Übergang zu dem zentralen Adagio-Satz, der Clara Schumann so gerührt hat.

 

Das Orchester unter der Leitung von Stefan Blunier zeigte sich den Anforderungen des Programms, vor allem der modernen Stücken, mehr als gewachsen. Die Einsätze der Bläser, die dieses Mal im Mittelpunkt standen, kamen exakt und fehlerfrei, und die Bratschen vertraten die Violinen in professioneller Manier. Dass am Ende nur freundlicher Beifall erklang, lag wohl mehr am Programm, das in der Mitte schwer verdaulich und in den Eckwerken ohne besondere Höhepunkte war. Kurz und gut, ein Musikabend, dem die ganz großen "Highlights" fehlten, der sich aber dank seiner mutigen Zusammenstellung gelohnt hat.