Weihnachtsgeschenk für Beethoven-Fans

Drittes Sinfoniekonzert mit Werken von Beethoven

 

Weihnachten ist das Fest der Liebe, an dem man seinen Freunden nur Gutes tut. Das hat sich wohl auch GMD Stefan Blunier vom Staatstheater Darmstadt gedacht, als er das Programm für das 3. Sinfoniekonzert am 19./20. Dezember zusammenstellte. Einmal im Jahr kann man dem treuen Abonnementspublikum ein "reines" Repertoire-Programm ohne 20. oder gar 21. Jahrhundert gönnen, und das sei hier ohne alle Ironie oder gar versteckte Polemik gesagt. Also hatte man sich auf Beethoven festgelegt, Mozart hätte auch gepasst. Um jedoch nicht allzu sehr der Konvention zu verfallen - Beethoven ist nun mal klassisches Repertoire - hatte Blunier sich etwas abseits des Beethoven-"Mainstreams" umgesehen, also NICHT die "Leonore", NICHT das ES-Dur-Konzert und NICHT die "Fünfte"! Stattdessen hatte er als Auftakt die "Musik zu einem Ritterballett" (WoO) aus dem Jahr 1790 gewählt, die Beethoven als "Ghostwriter" für seinen Gönner Graf Waldstein komponiert hat und die ihm erst posthum zugerechnet wurde. Dem schlossen sich das dritte Klavierkonzert in c-moll, op. 37, und die Sinfonie Nr. 6, die "Pastorale", an.

Ludwig van Beethoven im Alter von 32 Jahren

Der Rittermusik merkt man sowohl das jugendliche Alter des Komponisten als auch den Zweck - Graf Waldstein war zum Ritter geschlagen worden - deutlich an. Außerdem durfte die Komposition natürlich nicht zu anspruchsvoll sein, weil man sie dann vielleicht dem Hobby-Komponisten Waldstein nicht abgenommen hätte. Motive der Jagd und des Ritterlebens stehen im Mittelpunkt: Marsch sowie Jagd-, Kriegs.- und Trinklied bilden die Elemente, und alle enden jeweils in dem "Deutschen Gesang", einem rein instrumentalen Element mit sanglichem Charakter, der auch als eigenständiger "Satz" nach dem eröffnenden Marsch ertönt. Das Werk kann man durchaus als schlicht und gefällig bezeichnen; für das heutige Konzertpublikum ist es ein seltenes Fundstück und dient der Abrundung des Beethoven-Bildes. Dass dieses Stück für Blunier und sein Orchester keine Herausforderung darstellte, versteht sich von selbst. Es diente sozusagen zum "Warmspielen" für größere Aufgaben, die da kommen sollten.

Der Solist Lars Vogt

Das dritte Klavierkonzert trug der noch junge Lars Vogt - Jahrgang 1970 - aus dem Gedächtnis vor. Er fand den richtigen Zugang zu einer Komposition, die nicht mehr die mozartsche Leichtigkeit der ersten beiden Klavierkonzerte aufweist und anstelle reiner Virtuosität die Gestaltung des thematischen Materials in den Vordergrund stellt. Schon die außergewöhnlich lange Orchestereinleitung von 111 Takten nimmt alle Motive vorweg und übergibt sie dann dem Klavier zur Ausarbeitung. Lars Vogt wusste bei seiner Interpretation den schmalen Grat zwischen einer gefälligen und einer wuchtigen Spielweise einzuhalten, obwohl er - wo angemessen - durchaus auch energisch in die Tasten griff und an anderen Stellen, so wenn er mit den Bläsern in den Dialog trat, auch einen verhaltenen und fast innigen Anschlag fand. Dazu lieferte er eine passende Mimik, die wie eine zusätzliche Interpretation der musikalischen Vorlage wirkte. Den zweiten Satz nahmen Solist und Orchester ausgesprochen langsam, so dass es für das Orchester angesichts retardierter Passagen und gedehnter Pausen zeitweise schwierig war, den Spannungsbogen zu erhalten. Dennoch strahlte dieser Satz eine hohe Intensität aus, und Vogt wählte die Tasten zeitweise wie kostbare Schmuckstücke aus, verzögerte den Einsatz und lauschte den Klängen konzentriert nach. Doch kaum war der letzte Ton des Largos halbwegs verklungen, stürzte er sich unvermittelt in den Finalsatz. Das erschien etwas ungewöhnlich, zumal zwischen erstem und zweitem Satz eine kurze Pause für Sammlung und neue Konzentration gesorgt hatte. Der dritte Satz - Rondo: Allegro - sprüht noch einmal vor musikalischen Ideen, erreicht jedoch nicht die ausladende Weite des ersten. Er eilt eher entschlossen und kompakt dem Ende entgegen, bietet aber dem Solisten ausreichend Gelegenheit, sein pianistisches Können und seine interpretatorischen Fähigkeiten zu zeigen, was Lars Vogt in vollem Umfang nutzte. Doch bei allem virtuosen Können wirken auch seine schnellen Läufe nie "nur brillant" oder gar manieriert, sondern stehen stets im Dienste der musikalischen Aussage. Der Anschlag verfällt selbst bei diesen Läufen nie ins "Perlende", sondern trägt immer Züge von zupackender Energie und konsequenter Ausgestaltung jedes einzelnen Tones. Das Orchester unter der Leitung von Stefan Blunier zeigte sich dabei als Partner "auf Augenhöhe" und setzte die entsprechenden Rahmenbedingungen, um den Solisten zur vollen Geltung kommen zu lassen. Das Publikum geizte nach dieser Vorstellung nicht mit Beifall und forderte schließlich dem Solisten noch eine Zugabe in Gestalt eines Intermezzos von Johannes Brahms ab, das in seiner abgeklärten Innigkeit einen guten Kontrast zu dem gerade verklungenen Solokonzert bildete.

Nach der Pause breitete Stefan Blunier mit dem Orchester dann den dichten Klangteppich der "Pastorale" vor dem Publikum aus. Dieses Stück steht in seltsamem Gegensatz zu allen anderen Beethoven-Sinfonien, fehlen ihm doch die vorwärts drängenden, wuchtigen Passagen. Selbst der "Sturm" des vierten Satzes kommt eher als breites Rauschen und Grollen denn als apokalyptisches Donnerwetter daher. Dieser Sturm ist Natur im Aufruhr aber keine Katastrophe, und so folgen daraus wie selbstverständlich die "Frohe(n) und und dankbare(n) Gefühle nach dem Sturm", die dem Ganzen einen versöhnlichen Abschluss  verleihen. Blunier "malte" diese pastorale Sinfonie mit warmen, dichten Farben in den Klangraum, kostete die lang gezogenen Motive voll aus und rückte dabei vor allem die Bläser - Flöte, Fagott und Klarinette - in den Vordergrund, die im Zusammenspiel mit dem satten Cello eine sehr dichte und fast sakrale Atmosphäre schufen.

Der Beifall am Schluss setzte nur zögernd ein und erreichte seltsamerweise nur freundliches Niveau. Das mag aber auf einen begrenzten Kenntnisstand des Publikums zurückzuführen sein, denn der unerwartet verhaltene, ja geradezu verträumte Schluss dieses Werkes mag bei manchem den Eindruck hervorgerufen haben, es sei noch nicht zu Ende. Vielleicht hatte man ja bei einer Beethoven-Sinfonie die multiplen, nicht enden wollenden Finalschläge erwartet und war wegen der eher malerischen Breite dieses Werkes ein wenig enttäuscht.