Die Stimme als Orchesterinstrument

Viertes Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt mit dem Hillard-Vocalensemble

 
Eine beliebte Frage unter Musikliebhabern lautet, welches denn das schönste Instrument sei. Die Antwort "die menschliche Stimme" verblüfft viele, da wir dieses "Instrument" vorwiegend mit der Sprache und mit der rationalen Artikulation assoziieren. Und doch ist sie allen "mechanischen" Instrumenten an Variabilität und Ausdruckskraft weit überlegen. Diese Tatsache hat sich das Hillard-Quartett mit den vier englischen Musikern David James (Countertenor), Rogers Covey-Crump (Tenor), Steven Harold (Tenor) und Gordon Jones (Bariton) bereits vor dreißig Jahren zu Herzen genommen und das besagte Vokal-Ensemble gegründet. Seitdem haben sie sich weltweit als Experten vor allem der Musik des 15. und 16. Jahrhunderts profiliert und bei vielen renommierten Konzerten und Veranstaltern gastiert.

Für das 4. Kammerkonzert in Darmstadt hatte man sich ein besonderes Programm vorgenommen. Zusätzlich zu einer Reihe von Madrigalen aus dem 16. Jahrhundert kamen auch Werke zeitgenössischer Komponisten zu Gehör. Dabei waren die Kompositionen nicht separat in "historische" Blöcke aufgeteilt, sondern in kleinen Gruppen gemischt. Dies hatte den Reiz, alte und neue Werke in unmittelbarer Nachbarschaft zu erleben und sowohl Unterschiede als auch Ähnlichkeiten aufzuspüren. Gemeinsamkeiten traten dabei erstaunlicherweise stärker hervor als Trennendes.

Das Hillard-Ensemble (v.l.n.r.: David James, Steven Harrold, Rogers Covey-Crump, Gordon Jones)

Im 16. Jahrhundert spielten neben italienischen und französischen Komponisten auch englische Vertreter eine Rolle. Aus dem Süden kamen dabei Copriano de Rore, Claudio Merulo sowie Antonio Gardane, bei den Franzosen taten sich Philippe Caron, Roquelay, Courtois und Clément Janeqion hervor, und die britische Insel steuerte William Cornysh bei. Alle diese Komponisten lebten zwischen 1450 und 1600 und stehen für die Ausgestaltung des mehrstimmigen Gesangs. Die Themen waren vorwiegend weltlicher Natur, meist die - glückliche oder unglückliche - Liebe. Dabei reicht die Palette von dem homophonen Gesang, wie wir ihn aus dem Volkslied kennen, bis zur komplexen Mehrstimmigkeit, bei der die einzelnen Stimmen kontrapunktisch geführt werden und weitest gehende Eigenständigkeit aufweisen. Auch die Harmonik sprengt oft den Rahmen des einfachen Liedes und weist teilweise in die Moderne. Enge Sekundreibungen und andere, in der Instrumentalmusik erst viel später übliche,  harmonische Verbindungen gehören zum tonalen Umfang, prägen die einzelnen Stücke und verleihen ihnen hohe Intensität. Die Einbindung des Countertenors David James erhöht diese Intensität noch und übt ihren eigenen Reiz aus. Am anderen Ende der Skala sorgt Gordon Jones mit seinem Bariton für die notwendige "Unterlage". Die Madrigale üben auf den Zuhörer einen eigenartigen Reiz aus. Obwohl sie zu ihrer Zeit typische Unterhaltungsmusik darstellten, wirken sie - auch ohne den Bonus der historischen Bedeutung - alles andere als flach oder beliebig, wie die heutige "U-Musik", sondern verbreiten eine eigene, meist verinnerlichte und melancholische Atmosphäre. Selbst die Freude erscheint eher als Hymne denn als Ausgelassenheit. Das liegt natürlich auch daran, dass sich diese, damals noch nicht mechanisch reproduzierbare Musik an eine kleine, ausgewählte - weil zahlungskräftige - Kundschaft richtete, im direkten Vortrag erfolgte anstatt als Untermalung des Alltags. Wem ein unmittelbares Publikum intensiv zuhört, der gestaltet seine Darbietung auch ernsthafter und bewusster.

Die modernen Kompositionen stammten von Rudolf Kelterborn (geb. 1930), Gavin Bryars (geb. 1943) und Jan Steele (geb. 1950). Kompositorisch unterscheiden sich diese Stücke von den älteren in mehreren Aspekten. So bestehen z.B. die Melismen aus einzelnen, auf einem Ton gesungenen Silben, die zeitlich klar von der nächsten Sequenz abgetrennt sind. In diese Lücken stoßen dann andere Sänger mit ihren eigenen Melismen, so dass sich eine enge Verzahnung der einzelnen Stimmen ergibt, ohne dass diese jedoch zusammen ertönen. Als Ganzes wirkt diese Konstruktion aus mehreren Stimmen geradezu suggestiv und ähnelt darin den alten Madrigalen. Die Tonalität geht natürlich weit über das (vor-)klassische Maß hinaus, spielt jedoch für den Gesamteindruck nicht die wesentliche Rolle. Letztlich geben die Stimmen den Ausschlag für die Wirkung auf die Zuhörer, und diese ähnelte den Madrigalen durchaus, hinterließ beim Publikum ein Gefühl der Verinnerlichung und Weltabgeschiedenheit, nicht zuletzt, weil hier mit dem Sonett "Unerbittlich ist der Tod" (Kelterborn) Worte aus dem alten Gilgamesch-Epos vertont wurden, die eine zeitlose Botschaft über die Vergänglichkeit vermittelten. Mit Jan Steele und Peter Erskine haben sich auch Vertreter der Jazz-Gemeinde intensiv mit dem mehrstimmigen Gesang beschäftigt und zu diesem Programm mit je einem Lied beigetragen.

Das Publikum im ausverkauften Haus schien weit gehend aus Experten des alten Gesangs zu bestehen, die wohl teilweise extra zu diesem Ereignis aus verschiedenen Gegenden angereist waren, wie man dem Tonfall entnehmen konnte. Die Begeisterung entlud sich bereits vor der Pause nach jedem Block in kräftigem Beifall, der nach dem Ende der Veranstaltung zu einer langen Ovation (nicht "standing") anschwoll und den  vier Musikern noch drei Zugaben entlockte.