Schubert ist dem Liszt sein Mozart

Sechstes Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt mit Orchesterbearbeitungen bekannter Klavierstücke

 

Zugegeben, der Titel ist mehr oder minder geklaut, und zwar von Eckhard Henscheids unterhaltsamem Opernführer "Verdi ist der Mozart Wagners". Aber sei's drum, wenn man es gleich zugibt, ist es halb so schlimm, und außerdem passt der - abgewandelte - Titel auch für diesen sinfonischen Abend. Befasste der sich doch ausschließlich mit Werken des späten 19. und frühen 10. Jahrhunderts, die beliebte Klavierstücke bekannter Vorgänger orchestral umsetzen.

Alexander Glasunow

Der Abend begann mit Alexander Glasunows (1865-1936) Chopiniana-Variationen über Klavierstücke von Chopin aus dem Ballett Les Syphides. Die Polonaise op. 40 Nr. 1 kommt mit viel "Tschingderassa" daher, Blechbläser und Schlagzeug spielen eine wesentliche Rolle, und aus Chopins eher leichtfüßigem Stück wird hier eine festliche Musik mit deutlichen Elementen bodenständigen Musikantentums. Fast übergangslos, aber als deutlicher Kontrast, entwickelt sich daraus die Mazurka op. 50 Nr.3, die sich eher durch die weichen Klänge der Holzbläser auszeichnet. Den Abschluss bildet der melancholische Walzer op. 64 Nr. 2, der von allen drei hier präsentierten Werken dem Klavier-Original noch am nächsten kommt. Glasunow zeigt mit diesen drei Variationen seine eigene musikalische Ausdrucksbreite und ein untrügliches Gespür für das in den einzelnen Stücken steckende orchestrale Potential. Generalmusikdirektor Stefan Blunier präsentierte die Variationen mit einem gewissen ironischen Unterton, der sich bei Chopin - nicht zuletzt wegen seiner bis zur "Verwurstung" gehenden Beliebtheit - geradezu anbietet. Auch dem Orchester schienen diese drei eigenwilligen Interpretationen Chopinscher Musik Spaß zu bereiten, waren die Musiker doch vom ersten Augenblick an hoch konzentriert.

Franz Liszt

Im zweiten Werk des Abends ging es um Franz Liszts Transkription von Franz Schuberts "Wandererfantasie" C-Dur D 760 für Klavier und Orchester. Liszt macht aus der bereits ungewöhnlich ausladenden Fantasie ein opulentes Klavierkonzert, das die eindrucksvollen Oktavpassagen und kraftvollen Läufe effektvoll auf Klavier und Orchester verteilt. Dabei verzichtet er weit gehend auf eigene Variationen und Änderungen, soweit sie nicht der Orchestrierung und der Verteilung der Schwerpunkte dienen. Die motivischen und thematischen Muster des Originals bleiben im Wesentlichen erhalten, die Wirkung steigert sich jedoch beträchtlich, und sei es nur aufgrund der Intensität des Orchesters. Dass dabei einiges von der Schwermütigkeit des Originals verloren geht, ergibt sich angesichts der Lust Liszts am Virtuosen fast wie von selbst. Doch jede Transkription ist in gewissem Sinn auch eine Neukomposition, auch wenn sie sich eng an das Original hält. 

Julian Evans

Liszts unbestrittene Könnerschaft auf diesem Gebiet macht jeden Verlust Schubertscher Originalität wieder wett und erzeugt dafür eine neue musikalische Welt. Der englische Pianist Julian Evans leistete am Flügel nicht nur physische Schwerstarbeit, wenn er die langen Akkordketten in die Tasten hämmerte und mit den Händen die gesamte Breite der Tastatur abdeckte, sondern zeigte dabei auch noch eine erstaunlich verfeinerte Anschlagtechnik, mit der er motivisch ähnliche oder gar gleiche Passagen völlig unterschiedlich interpretierte. Im Gegensatz zu vielen Solopianisten spielte er die markanten Passagen des ersten Satzes zeitweise mit einem eher verhaltenen, fast verträumten Klang. Stefan Blunier und das Orchester des Staatstheaters sekundierten ihm bei seinem Vortrag in hervorragend abgestimmter Weise, bei der vor allem der Dialogcharakter der Lisztschen Partitur zum Ausdruck kam. Das Publikum war begeistert von dieser fulminanten Darbietung und spendete Solist und Orchester derart anhaltenden Beifall, dass Evans noch eine erstaunlich ausladende und virtuose Zugabe bot.

Max Reger

Den Abschluss schließlich bildeten die Variationen mit Fuge über ein Thema von Mozart op. 132 aus dem Jahr 1914. Reger, dessen Spezialität Variationen waren, hat hier den ersten Satz der Klaviersonate 311 in A-Dur aufgegriffen, der selbst schon eine Reihe von Variationen zu dem Thema enthält. In gewisser Weise misst sich also der Nachgeborene mit dem verehrten Vorfahren, allerdings unter geänderten Randbedingungen, setzt Reger doch allein auf das Orchester und dessen vielfältigen Klangkörper. Bereits das Thema - typischer Beginn einer Variationenfolge - entfernt sich sacht von der Vorlage, fügt hier und da dynamische und harmonische Änderungen oder Erweiterungen ein, wenn es sich auch im Ganzen ziemlich eng an das Mozartsche Thema hält. Von Variation zu Variation jedoch geht Reger eigene Wege, lässt zunehmend den typischen Klang des Spätromantik entstehen, wie wir ihn vor allem von Gustav Mahler kennen. Der eigenartige Weltschmerz des "Fin de Siècle" weht durch den Raum, und die süffige Dichte des Orchestersatzes nimmt diesen Raum mehr und mehr in Besitz. Mozarts Thema ahnt man nur noch, doch wirklich verloren geht es in den immer gewagteren Harmonien und der immer freieren Dynamik nie. Den Höhepunkt dieser Folge stellt die abschließende Doppelfuge dar, die sich - von den Violinen ausgehend - über die Bratschen und die Celli bis zu den verschiedenen Bläsergruppen fortsetzt und schließlich in ein großartiges, an Dichte und Intensität nicht mehr zu überbietendes Crescendo mündet. Und da taucht plötzlich in aller Unschuld wieder das Originalthema auf und führt den Zuhörer damit elegant zum Anfang zurück. Das Orchester meisterte diese langsame Steigerung der Spannung und vor allem das Aushalten der Hochspannung am Ende mit bewundernswerter Konzentration und Spannkraft, ohne dabei die Transparenz zu opfern, die in besonderen Maße für die Fuge von Bedeutung ist.

Der spontane und begeisterte Schlussapplaus galt noch einmal der Leistung des Orchesters und seines Dirigenten Stefan Blunier, die am Gelingen dieses Abends einen entscheidenden Anteil hatten.

Frank Raudszus