Rrussische Seele in modernem Gewand

Achtes Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt mit Werken von Schostakowitsch, Strawinsky und Prokofjew

 

Das letzte Sinfoniekonzert der Saison widmete sich voll und ganz russischer Musik. Doch nicht die romantische russische Seele à la Tschaikowsky - Nr. 1 b-Moll oder die "Pathétique" - stand dabei im Mittelpunkt, sondern das sperrige Genie Strawinsky mit seinem Violinkonzert in D-Dur und dem Concerto "Dumbarton Oaks" in Es-Dur. Dimitri Schostakowitschs Transkription einer Scarlatti-Sonate und Sergej Prokofjews mittlerweile zum Repertoire-Renner avancierte Symphonie classique rahmten diese beiden Werke würdig ein.

Domenico Scarlattis Cembalo-Sonate erscheint bei Schostakowitsch als Bearbeitung für Blasorchester. Dabei fällt vor allem die feine Ausarbeitung der einzelnen Stimmen auf, die sich in wohl kalkulierter Manier auf die einzelnen Blasinstrumenten bzw. Instrumentengruppen verteilen. Dabei bleibt die ursprüngliche Klarheit und Leichtigkeit der Musik Scarlattis erhalten, ja, man meint förmlich den Cembalosatz aus diesem Bläserensemble herauszuhören. Nie dröhnt es oder werden die Klangfarben der einzelnen Instrumenten mehr als notwendig miteinander vermischt, alles bleibt transparent, leicht und geradezu heiter. Dabei fügt Schostakowitsch der barocken Musik des italienischen Komponisten eine gehörige Portion von Ironie bei, wenn er die kurzen Phrasen und Motive der Scarlatti-Sonate mit einzelnen Bläsereinsätzen - mal die Flöten, dann die Klarinetten oder die Hörner - geradezu hintupft oder punktiert. Stefan Blunier dirigierte das kleine Blasorchester - etwa 12 bis 15 Musiker - mit viel Fingerspitzengefühl und Liebe zur musikalischen "Petitesse". Diese Musik schien ihm und den Musikern richtiggehend Spaß zu bereiten.

Igor Strawinsky (1934)

Danach folgte jedoch schwerere Kost. Zusammen mit der Geigerin Antje Weithaas präsentierte Blunier das Violinkonzert von Igor Strawinsky aus dem Jahr 1931, in dem der Komponist die Möglichkeiten des Instruments bis an seine Grenzen ausreizt. Obwohl von Hause aus nicht mit der Geige vertraut, schuf Strawinsky in Zusammenarbeit mit dem ersten Interpreten, dem polnisch-amerikanisch Virtuosen Samuel Dushkin, ein Werk mit extremen Ansprüchen an den Solisten. Hier steht nicht eine eingängige Kantilene im Vordergrund sondern der Kontrast zwischen harten, teilweise geschlagenen Akkorden und lyrischen, zeitweise nahezu romantisierenden Passagen. Die Struktur des Konzerts - Toccata, Aria, Aria, Capriccio - verweist auf die Barockmusik Bachscher Prägung, die auch immer wieder in kurzen Motiven oder Melodieführungen aufblitzt. Man kann dieses Violinkonzert durchaus als Hommage Strawinskys an Bach auffassen, dessen musikalischen Ideen der Komponist des 20. Jahrhunderts mit seinen Mitteln neu "erfindet". Der Rhythmus, dessen Gleichförmigkeit bei Bach noch einen sinnstiftenden Rahmen schafft, löst sich bei Strawinsky in viele unterschiedliche und scharf akzentuierte Einzelmomente auf. Durchgängigkeit und Stetigkeit gehen über in die Zuspitzung des musikalischen Augenblicks, das rhythmische Moment wird zum bestimmenden Element der Musik. Das stellt natürlich erhebliche Anforderungen nicht nur an die Solistin, sondern auch an das Orchester, das die schnellen Rhythmus-Änderungen im Zusammenspiel mit der Solovioline meistern muss. Beide, Antje Weithaas an der Geige und das Orchester unter Stefan Blunier, meisterten diese Hürde glänzend. Antje Weithaas warf sich geradezu mit aller ihr zur Verfügung stehenden Konzentration in die aufwühlende Musik, jagte durch die wechselhafte Partitur und nahm dabei einige gerissene Rosshaare an ihrem Bogen achselzuckend zur Kenntnis. Das Orchester folgte ihr aufmerksam, um keinen der manchmal bewusst verzögerten Einsätze zu verpassen, und Stefan Blunier leitete als Vermittler zwischen diesen beiden musikalischen Instanzen die Aufführung mit viel Umsicht und Übersicht. Der Beifall des Publikums forderte Solistin und Dirigent wiederholte Male auf die Bühne, doch eine Zugabe konnte es Antje Weithaas im Gegensatz zur Aufführung am Tag davor nicht entlocken.

Antje Weithaas

Nach der Pause begann das Programm mit Strawinskys Concerto "Dumbarton Oaks", das er 1938 anlässlich des Hochzeitstags eines Mäzens schrieb und das auf dessen Landsitz Dumbarton Oaks seine Uraufführung erlebte. Auch dieses Werk verweist auf die Barockmusik, nämlich auf Bachs Brandenburgische Konzerte, und nimmt immer wieder barocke Elemente auf, um sie neu zu verarbeiten. Insgesamt erscheint diese Komposition, dem ursprünglichen Anlass angemessen, weniger extrem und kompromisslos als andere Werke Strawinskys, bewegt sich mehr im tonalen Bereich und weist auch keine so extremen rhythmischen Partien auf wie das vorangegangene Violinkonzert. Das zum Kammerorchester reduzierte Ensemble präsentierte dieses für Bläser und Streicher komponierte Werk mit viel Gespür für die barocken Anklänge und ließ diese Musik auch für Zuhörer, die sonst dem 20. Jahrhundert nicht unbedingt geneigt sind, nicht nur hörenswert sondern sogar angenehm erklingen.

Sergej Prokofjew (l.) und Dimitri Schostakowitsch (r.) 1945

Mit Sergej Prokofjews Symphonie classique folgte dann zum Schluss ein Werk, das vor allem in Kreisen musikalischer Puristen auch heute noch für Diskussionen sorgt. Prokofjew war von den musikalischen Prinzipien der Klassiker, allen voran Joseph Haydn, fasziniert und versuchte, diese mit den Mitteln des 20. Jahrhunderts neu aufleben zu lassen. Sein Gedanke dabei lautete, wie wohl Haydn komponieren würde, lebte er noch. Dadurch erhält diese Sinfonie ihren ganz besonderen Reiz. Das viersätzige Werk ist - natürlich - herkömmlich aufgebaut, aber mit modernen Klangfarben und Harmonien "verfremdet". Tempi und rhythmische Gestaltung sind weit gehend der Klassik entlehnt, Motive und Melodieführung jedoch erinnern oft an die gerade verflossene Hochromantik. Trotz dieses "Stilmixes" macht die Sinfonie einen durchaus geschlossenen und in sich stimmigen Eindruck, mag sie auch manchem Musikologen als anachronistisch erscheinen. Das Orchester jedoch interpretierte dieses Werk mit sehr viel Frische und natürlich mit der bei ihm gewohnten Präzision. Das Publikum honorierte dieses klanglich angenehmen Ausklang mit viel Beifall für Dirigent und Orchester. Die ließen sich nicht lumpen und legten - wie immer bei dem letzten Konzert der Saison - mit Strawinkys Zirkuspolka noch eine schmissige Zugabe mit weiteren Zitaten aus der Musikliteratur nach.

Frank Raudszus