Instrument mit weltanschaulicher Sprengkraft

Neuntes Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt rund um das Saxophon

 

Dass Musikinstrumente Anlass geben zu elementaren weltanschaulichen Diskussion und zu vernichtenden moralischen Urteilen, findet man in der Musikgeschichte selten bis nie. So mögen sich die Experten über die Vorzüge der verschiedenen Klaviertypen gestritten haben oder über den Wert einer Stradivari gegenüber dem einer Guarneri. Das blieb jedoch immer "in der Familie" und hatte mit grundsätzlichen Lebensanschauungen nichts zu tun. Erst die Nationalsozialisten im Bund mit einer erzkonservativen Musikergeneration haben das "Kunststück" fertig gebracht, ein Musikinstrument moralisch zu ächten: das Saxophon. Zu stark erinnerte dieses Instrument an die vermeintlich laszive Musik amerikanischer "Negerbands", denen der normalreaktionäre deutsche Akademiker im frühen zwanzigsten Jahrhundert sowie alle Schmutzigkeiten der Welt zutrautte, nur weil ihre Musik den Dreivierteltakt ignorierte und die rhythmische Betonung auf andere Taktelemente verlegte als in Europa gewohnt. Aufgrund dieses Umfelds mussten viele Musiker, die sich nach dem Ersten Weltkrieg mit diesem faszinierenden neuen Instrument auseinandersetzten, ihren Beruf aufgeben oder gar emigrieren, wenn sie obendrein auch noch jüdischer Herkunft oder liberaler bis linker Gesinnung waren. Und so findet man in dem Programmheft des 9. Kammerkonzertes durchweg Künstler, die sich ihr Brot vor und während des Zweiten Weltkrieges in den USA verdienten, wo sie natürlich dem Saxophonklang noch näher kamen.

Für dieses Programm hatten sich die Veranstalter etwas Besonders einfallen lassen. Die Musiker traten nicht einfach auf und präsentierten die im Programmheft ausgedruckten Werke, sondern eine Moderatorin, Kornelia Bittmann, entführte das Publikum zu einer musikalischen Reise in die Zwanziger Jahre, stilecht gekleidet im Look dieser Zeit mit gescheitelter Lockenfrisur und Feder-Boa. Die Musiker, fünf Männer und zwei Frauen, schlossen sich dieser Kleiderordnung an, wobei die Männer aussahen wie die "Comedian Harmonists" in ihren besten Zeiten....

Satirische Karikatur von George Grosz - "Der letzte Hit", 1929

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Neben diesen einfallsreichen Äußerlichkeiten hatte das Ensemble allerdings auch musikalisch Einiges zu bieten. Da war natürlich erst einmal das Instrument des Abends, präsentiert vom Solisten Christoph Kirschke. Zusammen mit der Pianistin Verena Louis präsentierte er verschiedene Stücke für Altsaxophon und Klavier, die den Kern des Programms bildeten. Zur Auflockerung präsentierte der Bariton Timothy Sharp mit dem gesamten Ensemble Lieder von Kurt Weill und Hanns Eisler.

Zum Auftakt kam Erwin Schulhoffs (1894-1942) "Hot Sonate" für Altsaxophon und Klavier aus dem Jahr 1930 zu Gehör. Der Begriff "Hot" stand damals für alles Jazzige und Neuartige aus den USA und wurde durchaus auch im ambivalenten Sinne gebraucht. Schulhoff verarbeitet in diesem viersätzigen Werk verschiedene Ausdrucksformen des Jazz, bleibt dabei jedoch weit gehend einer klassischen Technik verhaftet. Dem Saxophon-Solisten steht dank nur knapper Vorgaben ein für herkömmliche E-Musik ungewöhnlicher Freiraum bei der Interpretation zur verfügung. Damit ergibt sich die ein wenig seltsam anmutende Kombination aus herkömmlicher Sonatenstruktur und der Unmittelbarkeit der Jazzmusik. Das Stück stellt wegen seiner technischen Schwierigkeiten hohe Anforderungen an den Solisten. Christoph Kirschke meisterte diese Schwierigkeiten in bewundernswerter Manier, dabei kraftvoll und doch sensibel begleitet von Verena Louis.

Auch das zweite Stück, Paul Hindemiths (1895-1963) Konzertstück für zwei Altsaxophone, entstand erst 1933, obwohl es den Geist der Zwanziger zum Ausdruck bringt. Das äußerst artifizielle und technisch anspruchsvolle Stück nutzt den vollen Umfang des Instruments und bietet viele musikalische Leckerbissen, vor allem im Zusammenspiel der beiden Altsaxophone. Udo Schmidt sekundierte Christoph Kirschke auf dem zweiten Alt-Saxophon, und zusammen boten die beiden eine beeindruckende Interpretation dieses schwierigen Stückes. Paul Dessaus (1894-1979) Suite für Altsaxophon und Klavier brachte wieder die Anfangsbesetzung auf die Bühne, und die beiden hervorragend aufeinander eingespielten Interpreten entlockten auch diesem Stück wieder besondere Noten, vor allem im zweiten Satz, in dem sich die Melancholie und Zerrissenheit des in die USA emigrierten Komponisten niederschlägt.

Gesellschaftskritisches Triptychon von Otto Dix, "Großstadt" , 1928

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Den Abschluss des ersten Teils bildete das "Bankenlied" von  Hans Eisler (1898-1962) aus dem Jahren 1931/32, in dem dieser gnadenlos die Banken für die Armut und den Niedergang der Wirtschaft in Folge der Weltwirtschaftskrise verantwortlich macht. Das sechsköpfige Instrumental-Ensamble (Christoph Kirschke und Udo Schmid (Saxophon), Stephen Altoft (Trompete), Nils Schinker (Posaune) Lee Ferguson (Schlagzeug), Verena Louis (Klavier) und Bärbel Libera (Banjo) schuf für diesen Song die klangliche Atmosphäre der Zwanziger Jahre und Timothy Sharp präsentierte dieses Lied mit der richtigen Mischung aus Schnoddrigkeit und Aggressivität.

Der zweite, kürzere Teil des Programms begann mit der Sonate für Altsaxophon und Klavier von Ernst-Lothar von Knorr, dem einzigen Musiker aus der Gilde der hier Präsentierten, der nicht zum Überleben emigrieren musste. Auch hier besticht die hohe Virtuosität des Werkes, das in den beiden Interpreten würdige Gestalter fand. Den Abschluss nach der anstrengenden weil anspruchsvollen "Grenzgängermusik" zwischen (alter) E-Musik und (neuer) Jazz-Musik bildeten wieder zwei Lieder von Kurt Weill(1900-1950) und Hanns Eisler. Im ersten, der berühmten "Ballade vom angenehmen Leben" aus Bertold Brechts "Dreigoschenoper", ironisiert dieser den Hang "zum Geld und zum Golde" der vergnügungssüchtigen Gesellschaft der zwanziger Jahre, im zweiten, der "Ballade von den Säckeschmeißern", prangert Hanns Eisler die sinnlose Überproduktion und die anschließende Vernichtung der Güter zwecks Stabilisierung der Preise an. Timoty Sharp und das gesamte Ensemble präsentierten diese beiden Songs mit viel Tempo, bösem Witz und der nötigen Aggressivität.

Der lang anhaltende Beifall nach dem Ende des Programms motivierte dann Christoph Kirschke und Verena Louis, noch einen temperamentvollen Ragtime als Zugabe draufzulegen.

Frank Raudszus