| Korruption im komödiantischen Kleid |
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Uraufführung von Ulrich Hubs "Das Schlafzimmer von Alice" in den Kammerspielen Darmstadt |
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Aristoteles hätte seine Freude an diesem Stück gehabt: Einheit des Ortes - die gesamte Handlung spielt sich in Alices Schlafzimmer ab -, Einheit der Zeit - alles ist in 24 Stunden vorbei - und Einheit der Handlung - es geht nur um den verschwundenen Bürgermeister. Diese drei, in der Moderne aufgehobenen Gesetze, bieten zumindest die Grundlage für eine geschlossene und konsistente Inszenierung. Wenn dazu noch- wie in diesem Fall - Tempo, Humor und einige gute Regie-Einfälle kommen, kann eigentlich nichts mehr schief gehen.
Hildgard Schmidt (Edith), Volker Muthmann (Paulmann), Maika Troscheit (Alice) und Gabriele Drechsel (Inga-Britt) Autor und Regisseur Ulrich Hub hat mit Hilfe von Martin Kukulies eine "Guckkastenbühne" in bester Kammerspiel-Tradition mit richtig schönem roten Samtvorhang gebaut. Wenn sich dieser nostalgische Vorhang öffnet, schaut der Zuschauer in Alices abgedunkeltes Schlafzimmer: Doppelbett mit Gemälde über dem Kopfende, einige Blumentöpfe, Tür zum Bad und Tür zum Flur. Durch letztere tritt der Hausherr Eduard mit Party-Hütchen, eine Sektflasche in der Hand und Ärger im Gesicht. Aus dem Hintergrund dringen die Geräusche der Sylvesterparty. Eduard sucht seine Frau Alice, die sich heulend im Bad eingeschlossen hat, da die Gäste sie wie eine Hausangestellte behandelt haben. Während Eduard noch mit seiner Frau streitet, tritt ein vermummter Einbrecher durchs Fenster, zwingt Eduard mit vorgehaltener Waffe, den - leeren - Tresor zu öffnen und anschließend ein wertvolles Perlenkollier, das er in Eduards Hose findet, seiner Frau Alice mit honigsüßen Worten als Neujahrsgeschenk zu übergeben. Nachdem sich der Einbrecher überraschenderweise verabschiedet hat, fordert Eduard die Kette zurück, es kommt zum Streit, Alice schlägt ihren Mann mit einer Lampe bewusstlos und versteckt ihn vor den an der Tür rüttelnden Gästen im Badezimmer.
Maika Troscheit und Hildgard Schmidt Soweit der Ausgangspunkt der Handlung. Was jetzt folgt, gehört zum Standardrepertoire eines guten Komödienschreibers. Verwandtschaft und Freunde des Ehepaares belagern das Schlafzimmer auf der Suche nach Eduard, wobei es laufend zu Missverständnissen kommt. Als Alice schließlich den Ablauf unter Druck gesteht, ist Eduard verschwunden. Wegen seiner Funktion als Bürgermeister kann das natürlich nicht lange verborgen bleiben, und verschiedene Personen sind von der Situation in höchstem Maße betroffen. Edith, der Albtraum einer Schwiegermutter, geht für die Karriere ihres Sohnes Eduard buchstäblich über Leichen, betrachtet das Privatleben des Ehepaares als das ihrige und kommandiert Alice herum wie eine niedere Dienstbotin. Der Polizeipräsident Relling tritt im Rausch von einem Fettnäpfchen in das nächste und versucht ansonsten, seine Aufklärungspflichten mit seinen gesellschaftlichen Ambitionen unter einen Hut zu bringen. Der undurchsichtige Paulmann überwacht Eduard auf Schritt und Tritt und verfolgt damit offensichtlich eigene politische Ziele. Die Journalistin Inga-Britt spielt ihr eigenes Spiel, immer auf der Suche nach der großen Story, und dabei so mondän wie kaltschnäuzig. Bleibt schließlich noch Fred, dessen Rolle wir hier zwecks Erhaltung der Spannung nicht verraten wollen. Wie es sich in einer guten Komödie gehört, häufen sich schnell die unerwarteten Ereignisse, und alle Beteiligten versuchen, daraus ihren Nutzen zu ziehen. Nachdem Paulmann das Verschwinden des Bürgermeisters bereits zum Entführungsdrama und diesen zum tragischen Opfer hochstilisiert hat, taucht Eduard wieder auf. Während Paulmann permanent umdisponiert, verfolgen die anderen jeweils ihre eigenen, eher kurzfristigen Interessen. Für Edith geht es nur um den guten Ruf und den strahlenden Glanz ihres Sohnes, Alice will nur aus dem Chaos heraus, der Polizeipräsident versucht, seine Haut zu retten, sinkt aber immer tiefer in den Sumpf aus Lug, Trug und Korruption ein. Langsam beginnt sich nämlich - unter anderem an Hand eines Koffers mit Geld - herauszukristallisieren, dass Eduard ein durchaus "einnehmendes Wesen" (gehabt) hat und dies auch nicht weiter anstößig findet. Paulmann stört daran nur, dass die "Knete" anscheinend von der - politischen? - Konkurrenz stammt, und Relling tut so, als höre und sehe er nichts von diesen Durchstechereien. Edith geht über die Korruptionsvorwürfe großzügig hinweg und Alice wundert sich nur. So bildet sich ein fröhlich-zynischer Reigen, dem es nur um die Rettung des eigenen Rufs, der Pfründe und der Ruhe geht. Das dafür das Recht etwas gedehnt und gebeugt werden muss, ist leider nicht zu vermeiden. Aufgelockert wird die komödiantische Handlung immer wieder durch Gesangs- und Tanzeinlagen, die nach dem Motto verlaufen: immer wenn jemand nicht die Wahrheit sagen will, fängt er/sie an zu singen. So überreicht Eduard vor der Pistole des Einbrechers Alice unter wohl tönenden Liebesliedern gerade die Perlenkette, die eigentlich seiner Geliebten Inga-Britt zugedacht war. Edith bringt ihrer verachteten Schwiegertochter ein Ständchen dar, das vor geheuchelter Liebe und Achtung geradezu strotzt, und Inga-Britt lässt sich in ihrem Chanson salbungsvoll über die hehren Werte des Journalismus aus. Anfangs sind diese Musikeinlagen noch gewöhnungsbedürftig, da die erste den Gang der Handlung noch bremst, hat man das Konzept dahinter aber einmal verstanden, liefern sie einen amüsanten Beitrag zum Geschehen, vor allem wenn Gerd. K. Woelfle (Relling), Hildburg Schmidt (Edith) und Volker Muthmann (Paulmann) zu dritt einen flotten Showtanz hinlegen.
Volker Muthmann, Uwe Zerwer (Eduard), Maika Troscheit, Andreas Manz (Fred) und Gerd K. Woelfle (Relling) Wie in allen Komödien treibt die Handlung einem grotesken Höhepunkt zu, bei dem eine Leiche sich schon mal eigenständig auf dem Bett (nicht im Grabe!) umdreht, bei dem angeblich nicht geladene Waffen losgehen und Selbstmorde an fehlender Munition scheitern. Zuletzt löst sich alles - nicht in Wohlgefallen - auf, die korrupten Machenschaften werden gemeinsam unter den Teppich gekehrt oder ins warme Ausland transferiert. "Ende gut, alles gut" bedeutet hier sarkastisch, fast zynisch: "Korruption lohnt sich". Die leichte Hand des Regie führenden Autors, der augenzwinkernde Witz und die Spiellust der Darsteller lassen diese Aussage aber weder platt noch moralisch entrüstet wirken. Zwar lässt der Autor an Politikern, öffentlichen Amtsträgern und ihrem Umfeld kein gutes Haar, doch tut er dies mit dem Gran an groteskem Humor, der sagen will, dass die Welt eben kein Ort der Ehrlichkeit und Gerechtigkeit ist und dass überall, wo Menschen leben, auch Lug und Betrug gedeihen. Das Ensemble glänzt durch scharf konturierte Charakterstudien. Hildburg Schmidt füllt die Paraderolle der giftigen Schwiegermutter mit viel Lust an übler Laune und Herrschsucht aus und erntete so machen Szenen-Applaus, Maika Troscheit gibt eine anfangs vollständig überforderte und immer etwas neben sich stehende Alice, die sich dann aber langsam anpasst und schließlich energisch die Führung übernimmt. Volker Muthmann verkörpert den aalglatten, machiavellistischen Paulmann, der immer zu einem zynischen Bonmot gut ist und auch richtig böse werden kann, Gerd K. Wölfle stolpert als weinseliger Polizeipräsident mit aufgesetzter Autorität, vordergründiger Prahlerei und falscher Sentimentalität durch das enge Gestrüpp von Kriminalität und Kriminalitätsbekämpfung. Uwe Zerwer hat weniger Gelegenheit, seine schauspielerischen Fähigkeiten zu zeigen, da er entweder bewusstlos im Bad liegt, verschwunden ist oder in Zellophan verpackt auf dem Bett liegt. In seinen kurzen "Vollauftritten" gleicht er aber diesen Nachteil durch entsprechende Intensität in Wort und Tat aus. Gabriele Drechsel stattet die Journalistin Inga-Britte nicht nur mit gutem Aussehen, sondern auch mit viel kaltem Kalkül und einer hohen Anpassungsfähigkeit an sich ändernde Situationen aus, wobei sich die angebliche erotische Neigung zu Eduard schnell als berechnende Lust an der Nähe zur Macht erweist. Andreas Manz als Fred schließlich bildet den einzigen Gegenpol zu dieser geld- und machtgierigen Meute, muss sich aber zum Schluss damit abfinden, den Verlierer zu spielen. Das Premierenpublikum zeigte sich von dieser so spritzigen wie treffsicheren Komödie mehr als angetan und spendete langen, mit vielen Bravos durchsetzten Beifall. Die nächsten Aufführungen finden am 16., 21. und 29. April statt. Alle Fotos © Barbara Aumüller |