| Musik als Sprachersatz |
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Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos" im Staatstheater Darmstadt |
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Die Sekundärliteratur zu Richard Strauss' Oper "Ariadne auf Naxos" geht nicht explizit auf den thematischen Hintergrund dieser Oper ein, vielmehr betonen alle Beiträge die eher zufällige Entstehung des Werkes. Als Nebenbeschäftigung während der Arbeiten an der "Frau ohne Schatten" diente es unter anderem als Ergänzung zu einer Reinhardschen Inszenierung von Molières "Bürger als Edelmann", die jedoch ob dieser unorganischen Ergänzung beim Publikum durchfiel. Auch die spätere Umarbeitung zu einem eigenständigen Werk ging offensichtlich ohne größere thematische Überlegungen vor sich, wenn man darunter eine zwingende Aussage versteht. Dabei bietet sich der Ausgangspunkt der Oper geradezu für tiefsinnigere Betrachtungen an, wird hier doch eine tragisch-ernste Komponente mit einer grotesken, lebensbejahenden vermischt. Daraus könnte man auf die Absicht des Autoren-Duos schließen, die Dualität - oder die Dialektik - des Lebens zu thematisieren, das aus beiden Bestandteilen besteht und ständig deren Vermischung ertragen muss, ohne sie jedoch jemals zu versöhnen. Doch Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal haben offensichtlich nicht so weit gedacht, sondern die Interpretation der Mit- und Nachwelt überlassen.
Anja Vincken (Echo), Elisabeth Hornung (Dryade), Nicola Beller-Carbone (Ariadne), Sonja Gerlach (Najade) Und die Oper bietet noch mehr solcher Interpretationsansätze. Da ist der reiche Wiener Mäzen, der sich ein Theaterstück mit Musik schreiben lässt, die Aufführung jedoch in der Manier des geldmächtigen Banausen in kurzen Abständen nach der Laune des Moments umwirft, so dass der Komponist und auch der Musiklehrer nahe am Nervenzusammenbruch agieren. Denn eigentlich sollte bei der Abendgesellschaft erst das Drama der Ariadne auf Naxos aufgeführt werden, die, von ihrem Geliebten Theseus verlassen, in unbedingter Treue sehnsüchtig den Tod erwartet. Anschließend sollte eine kleine "Opera buffa" das Publikum wieder erheitern. Unter dem Zeitdruck - ein Feuerwerk steht bevor - sollen nun beide Stücke zusammen und parallel aufgeführt werden. Während der Komponist und die Darstellerin der Ariadne nahe daran sind, alles hinzuwerfen, erklärt sich Zerbinetta, die Anführerin der Komödiantentruppe, sofort zur Umsetzung bereit. Sie neigt von Natur aus der Improvisation zu, folgt ihrer Intuitionen und stellt damit den Gegenpol zu der eher rational-formalen Welt des Komponisten und des Musiklehrers dar. Gleichzeitig spiegelt die Handlung - soweit man überhaupt von einer solchen sprechen kann - eine ironische Beschreibung des künstlerischen Entstehungsprozesses wider, der einerseits durch die Gegensätze im künstlerischen Ensemble und andererseits durch die - scheinbar - irrationalen Einflüsse der Geldgeber beeinflusst wird. Wenn denn keine tiefere Bedeutung bei der Entstehung des Librettos maßgeblichen Einfluss hatte, dann bestätigt sie in ihrer Schlichtheit den ursprünglich ephemeren Charakter des Stücks: Nachdem die Künstler aus Angst vor dem Verlust des Honorars der Forderung des Mäzens zugestimmt haben, laufen beide Handlungsstränge parallel ab. Ariadne sehnt sich auf einer wilden, einsamen Insel mit goldgelbem Sand - auf diese Farbe werden wir noch zurückkommen - ihrem Geliebten und dem Tod entgegen, die drei Nymphen bieten ihr Trost an, und Zerbinetta versucht mit der Unterstützung ihrer Possenreißer-Truppe, Ariadne aufzuheitern und für das Leben zurück zu gewinnen. Dabei durchläuft das Stück permanent die verschiedenen Ebenen der Handlung: den alten griechischen Mythos, bei dem am Ende Gott Bacchus die lebensmüde Ariadne zu den Sternen entführt, Zerbinetta, die als sie selbst auftritt und den Witz aus der anderen Zeit der "opera buffa" in die griechische Tragödie trägt, dann der Hofstaat des Mäzens mit Musiklehrer, Komponist und Haushofmeister. Kunstvoll verbindet nicht nur Librettist Hofmannsthal diese Ebenen, sondern auch Richard Strauss, der jeder Welt die ihr entsprechende Musik zuordnet und dennoch alle Musikstile wieder miteinander vereint.
Nicola Beller-Carbone (Ariadne), Andrea Bogner (Zerbinetta) Regisseur Werner Heinrichmöller hatte sich einige Besonderheiten ausgedacht, mit denen er die Handlung in unsere Zeit verlagert. Zu Beginn läuft auf der Bühnenrückwand ein Video über einen Beziehungskonflikt, bei dem ein Pärchen im Auto in einer Tankstelle vorfährt und der Mann seiner Begleiterin wegen ihres kurzen Flirts mit dem Tankwart davonfährt. Mit dieser das Ariadne-Thema variierenden Einleitung schickt Heinrichmöller sozusagen die Botschaft dem Stück voraus, und das Video erscheint in Schlüsselmomenten der Inszenierung wieder. Auch das Bühnenbild führt uns in die Jetztzeit: ein großer Bar-Tresen aus Metall und Glas, an dem der Haushofmeister ungerührt und mit einer gewissen Schadenfreude die Aufregung der Protagonisten verfolgt und genießt. Wenn dann das Spiel im Spiel beginnt, erscheint Ariadnes einsame Insel als "durchgestylte" Tankstelle, so das einleitende Video wieder aufnehmend. Die drei Nymphen Echo, Dryade und Najade erscheinen als aufgeblondete Barbiepuppen mit angedeuteten künstlichen Gliedern. Daraus lässt sich der Schluss auf den Realitätsverlust Ariadnes ziehen, die in einer Märchen- oder "Barbie"-Welt mit ewiger, unbedingter Treue und der Alternative "Liebe oder Tod" lebt. Die als solche gar nicht vorhandene Handlung - es geschieht eigentlich nichts - verlagert das Drama in die Worte, und da liegt das Problem dieser Oper. Schon Rossini und erst recht Wagner hatten die Sprache in der Oper mehr und mehr durch Musik ersetzt, die Worte verlieren zunehmend ihren Zeichencharakter, der noch bei der klassischen Oper wie selbstverständlich für das Verständnis genutzt wurde. Mit der zunehmenden Dominanz der Musik über den Text lässt sich dieser nicht mehr einfach rezipieren. Die hoch stilisierte und expressive Musik von Richard Strauss tut das ihrige, die Worte unverständlich zu machen. In Ermangelung einer sich selbst dokumentierenden Handlung - Liebe, Streit, Mord - bleibt so die rationale Neugier unbefriedigt, die gerne wüsste, was denn nun die handelnden Personen zueinander oder übereinander sagen. Durch die herkömmliche Oper und das Schauspiel (und natürlich durch Kino und Fernsehen) konditioniert, möchte der Zuschauer einer Handlung folgen können, auch wenn diese eigentlich unwichtig ist. Damit schafft sich diese Oper ihr eigenes Rezeptionsproblem. Doch Heinrichmöller bleibt insofern konsequent, als er keine Übertitel anbietet, damit das Publikum allein auf die Musik verweisend: nicht der Text ist wichtig, sondern die musikalische Umsetzung der emotionellen Situation.
Nicola Beller-Carbone (Ariadne), Alexander Spemann (Bacchus) Diese Musik allerdings ist großartig und zeichnet die feinsten Gefühlsregungen und -schwankungen der Protagonisten nach. Sie schwelgt geradezu in hochromantischer "Süffigkeit", kann jedoch genauso schnell umschlagen in eine Burleske à la "Don Quichotte" oder "Till Eulenspiegel". Die nahezu nahtlos durchgehaltene musikalische Spannung - seit Wagner kennt man keine Sprechpausen mehr - schafft eine hohe Dichte und gerade die Spannung, die der Handlungsablauf verweigert. Wer also diese Oper als musikalisches Ereignis und nicht als eine erzählte Geschichte aufnimmt, ist gut beraten.
Die Darsteller bewegen sich durchweg auf hohem Niveau und erfüllen die Ansprüche des musikalischen Materials in vollem Umfang. Allen voran ist wohl Andrea Bogner zu nennen, die als Zerbinetta nicht nur viel Charme und Witz auf die Bühne bringt, sondern vor allem durch ihre Koloraturen überzeugt, mit der sie die arme Ariadne aufmuntern wollte. Nach ihrem weit gespannten Auftritt erhielt sie dafür auch mehrminütigen, mit "Bravo"-Rufen durchsetzten Szenenbeifall, der in solcher Länge in Darmstadt lange nicht zu erleben war. Nicola Beller Carbone hat als Ariadne die undankbare Rolle, eine depressive Frau voll Todessehnsucht zu spielen. Damit beschränkt sich ihre Leistung weit gehend auf die gesangliche Interpretation, die ihr jedoch aufgrund der Präsenz und der großen Ausdrucksbreite ihrer Stimme zu Recht ebenfalls viel Beifall einbrachte. Bei den Damen ist vor allem noch Katrin Gerstenberger zu nennen, die dem forsch-verzweifelten Komponisten mit stimmlicher Durchsetzungskraft und äußerst präsentem Spiel Kontur verleiht. Christoph Begemann gibt einen komisch-aufgeregten Musiklehrer mit wenigen aber starken gesanglichen Momenten, Alexander Spemann überzeugt als Bacchus mit einem strahlenden Tenor, und die drei Damen Elisabeth Hornung, Sonja Gerlach und Anja Vincken überzeugen als die drei Nymphen mit frischen und lyrischen Gesangseinlagen. Die Spaßmacher aus Zerbinettas Truppe haben weniger zu singen und profilieren sich dafür mit verschiedenen Tanz- und Showeinlagen, so als Cowboys mit Stetson und Lasso oder als Dressmen mit einer Badehosen-Vorführung.
Dimitry Ivashchenko (Truffaldin), Raphael Pauß (Brighella), Andrea Bogner (Zerbinetta), Werner Volker Meyer (Harlekin) Stefan Blunier leitete das Orchester mit äußerst feinfühliger Hand, verlangt doch die expressive Musik Richard Strauss' nach hoher Subtilität der Interpretation. Dank einer eher kammermusikalischen Besetzung ließ sich jede instrumentale Stimme verfolgen, nichts ging verloren, und Blunier kostete jedes einzelne Motiv, jede einzelne Melodieführung und vor allem die so reizvolle wie emotionell gesättigte Harmonik der Partitur aus. Das Orchester folgte ihm mit hoher Konzentration und viel Gespür für das Detail. Bleibt noch an die goldgelbe Farbe des Sandes zu erinnern: als Zerbinetta vergeblich versucht, die deprimierte - oder gar depressive - Ariadne aufzumuntern, wabert zwischen der schwarzen Bühnenrückwand und dem goldgelben Sand am Boden ein rotes Feuer. Dieser lange durchgehaltene farbliche Dreiklang lieferte einen ironischen Kommentar zur gegenwärtigen deutschen Befindlichkeit. Das Premierenpublikum zollte dem Ensemble einhelligen und teilweise begeisterten Beifall. Die Regie musste sich jedoch einige kräftige "Buhs" gefallen lassen, die wohl vor allem auf die weitgehende Unverständlichkeit des Textes zurück zu führen waren. Die nächste Aufführung findet am 29. April statt. Alle Fotos © Barbara Aumüller |