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Einem beliebten Kalauer zufolge hat
Friedrich Schiller seine Balladen nur aus gängigen Sprichwörtern zusammengereimt, so das "Da
wendet sich der Gast mit Grausen" aus dem "Ring des Polykrates" oder "Zu spät, Du rettest den Freund nicht mehr" aus der "Bürgschaft". Nun, das Staatstheater Darmstadt
brachte jetzt diese Redewendungen in geballter Form wieder in Erinnerung. Anlässlich des Schillerjahres - der Dichter verstarb vor 200 Jahren - präsentierten Mitglieder des Ensembles
am 9. Mai bekannte Balladen und deren modernen Abwandlungen.
Angesichts des allgemeinen Schiller-Trubels und der
bekannten Pathos' der Verse hatte die Regie jedoch eine gewisse distanzierende Ironie zwischen Vortrag und Publikum geschoben. Schon der Auftakt
kam betont bedeutungsschwanger daher, von weihevollem Ambiente umkränzt. Antike Säulen, Lorbeerbäume sowie ein Schiller-Portrait
umrahmten das Vortragspult, das Licht begann effektvoll das Arrangement samt erstem Vortragenden aus dem Dunkel zu heben, und dahinter
erschien schließlich das übergroße Portrait des Dichterfürsten auf der Leinwand. Eine letzte, feierliche Pause, und dann
hob der erste Vortragende zur Deklamation an.
Im nahtlosen Wechsel präsentierten nun die Schauspieler Volker Muthmann, Martin Maria Eschenbach, Hubert Schlemmer, Aart
Veder und Harald Schneider die hoch gestimmten, idealistischen Balladen, in denen es um Freundestreue, gesühntes Verbrechen, Machtmissbrauch, Hochmut und tragische Liebe geht. Zu Gehör kommen
"Pegasus im Joche", "Die Bürgschaft", "Hero und Leander",
"Der
Taucher", "Der Ring des Polykrates",
"Der
Handschuh" und "Die Kraniche des Ibykus". Durch ein fein dosiertes Maß an Ironie
zeigten die Darsteller, dass die Verse Schillers trotz ihres Pathos'
ihre Wirkung nicht verloren haben. Diese Ironie distanzierte sich nicht von den Inhalten sondern präsentierte sie mit einer Art liebevoller Unmittelbarkeit. Die Balladen
kamen als das zu Gehör, was sie eigentlich sind: spannende Geschichten von menschlichem Glück und Leid. Und diese Spannung der Handlung
brachten die Sprecher gekonnt und überzeugend zum Ausdruck.
Zur Abkühlung des aufgebauten Pathos'
folgten anschließend noch einige modernere Varianten Schillerscher Balladen, so die "Schillersche Universalballade", die aus Versatzstücken verschiedener Balladen eine eigene, groteske Handlung aufbaut, oder eine Berliner Variante von "Hero und Leander". Zum Schluss versuchte Harald Schneider noch einmal, die "Bürgschaft" vorzutragen, aber die berauschende Wirkung heimlich genossenen Weines oder des Schillerschen Pathos'
ließen ihn sich schnell in den Versen verhaspeln, in Wortverwechslungen verfallen und spontane Eigeninterpretationen hinzufügen. Im Lachen des Publikums endete dieser letzte Versuch und damit das ganze Programm.
Das Staatstheater hat mit diesem Programm dem Dichter eine sowohl angemessene als auch humoristische und unterhaltsame Reverenz erwiesen. Wer sich gerne wieder einmal in seine Schulzeit versetzen möchte und - im Stillen - eine Ballade mitdeklamieren möchte, sollte sich
dieses Programm unbedingt ansehen und -hören, so es denn
überhaupt noch einmal zur Aufführung kommt
Frank Raudszus
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