| Kontrastreiches Programm zweier Compagnien |
![]() |
Gastspiel des Nederland Dans Theaters in Frankfurt |
|
Das
Nederlands Dans Theater (NDT) ist eine der prominentesten zeitgenössischen Tanzcompagnien
. Unter der Leitung von Anders Hellström, künstlerischer Leiter der Compagnie, und
der Hauschoreographen Jiří Kylián und Paul Lightfoot/ Sol León
zeigt das
Nederlands Dans Theater zeitgenössischen Tanz auf höchstem Niveau.
Das Nederlands Dans Theater verfolgt dabei drei
Richtungen des Tanzes,
die sich in drei Einheiten NDT I ("Kern"-Ensemble),
NDT II (Nachwuchs unter 23) und NDT
III (Ensemble-Mitglieder über 40) widerspiegeln. Das
Gastspiel-Programm in Frankfurt am 29.April 2005 wurde von
den Gruppen NDT II und III bestritten:
Bei aller Spannung strahlt die Bewegung durchgehend eine hohe Harmonie aus, als wollten die Choreographien sagen, dass die menschlichen Bindungen alles überwinden. Doch kommt keinen Augenblick der Eindruck süßlicher Sentimentalität auf. Immer wieder gewinnen die Tänzer Abstand zueinander, üben den Rückzug in die Innerlichkeit, um sich dann wieder gegenseitig zu suchen. Großflächige weiße Segeltuchbahnen senken sich von Zeit zu Zeit auf die Bühne herab, verengen den Raum, wirken mal bedrückend, dann wieder beschützend, um sich anschließend wieder nach oben zu heben. Als Gegenstück dazu gewinnt eine lange Matte auf dem Boden an Bedeutung, indem die Tänzer ihre Enden anheben, sie zu einer unsicheren Grundlage für die Tänzerin machen. Immer sind es die - um die Frau buhlenden - Männer, die diesen den Boden unter den Füßen wegziehen. Am Ende entziehen sich erst die Männer der Frau, indem sie sich in die Bahn einwickeln, und diese folgt ihren Beispiel und baut sich ihren einen eigenen "Kokon". Dieses
Ende lässt sich durchaus pessimistisch deuten: die
Geschlechter finden nie zueinander und enden in der
Vereinsamung. Doch soweit muss die Interpretation nicht
unbedingt gehen. Im Mittelpunkt steht schließlich die
Bewegung und nicht eine erzählte Geschichte. Wer will, kann
all das auch als die Umsetzung kurzer Einzelmotive
verstehen, die nicht unbedingt einen konsistenten
Gesamtkontext bilden müssen. Diese Produktion besticht vor
allem durch die spannungsgeladenen und doch immer
harmonischen Bewegungsabläufe, die den gesamten Bühnenraum
nutzen und im Zusammenspiel mit der ebenso eindringlichen
akustischen Begleitung den Zuschauer bis zum letzten
Augenblick gefangen nehmen.
Der zweite Teil präsentierte ein "Kammerstück" mit drei Personen, das von vornherein auf eine Aussage aus war: ein Mann steht zwischen zwei Frauen, von denen die aktive, im Vordergrund stehende wie eine Puppe agiert. dazu lässt ein großformatiges Video auf der Bühnenrückwand eine (die?) andere Frau in schwelgerischer Lebensfreude sich winden. Man kann diesen Ausdruck durchaus als erotische Ekstase deuten, wie es die angedeutete Nacktheit der nur bis zu den Schultern sichtbaren Darstellerin nahe legt. Der Mann muss die puppenhafte Frau im Vordergrund immer wieder "aufziehen". Ohne ihn versinkt sie in Erstarrung, unter seiner Obhut verfällt sie in hysterisches lachen, das anschließend jedes Mal zum Keuchen und dann zu einer Art Röcheln mutiert. Die andere Frau wirkt wie erstarrt oder in einer Art Koma. Es könnte die verlassene Frau sein, die zu keiner Bewegung mehr fähig ist und der Ekstase des Videos nachtrauert. Sie fällt der anderen Frau schließlich zum Opfer, die sie wie eine Trophäe hinter sich her über die Bühne schleift. Die
Bewegungen dieser Gruppe sind auf das Wesentliche reduziert.
Von Tanz lässt sich eigentlich nicht reden; hier geht es
mehr um Körperausdruck und Gestik. Da die Aussage durch die
karge Körperarbeit ambivalent bleibt, muss sie durch das
Wort verstärkt werden, eine an sich schon problematische
Vorgehensweise beim Tanz. So spricht die Frau immer wieder
den selben Text über das kalte Ehebett und über das
Lachen, der zu einem Ritual erstarrt und schließlich das
ausdrücken soll, was die Choreographie nur eingeschränkt
vermitteln kann. Da sich die Motive wie bei der
"minimal music" mit kleinen Abwandlungen dauernd
wiederholen, lässt sich auch kaum ein Fortschritt der
"Handlung" erkennen. Die Befindlichkeit steht im
Mittelpunkt und wird insistierend präsentiert. Am Ende
bleiben bei dieser Produktion trotz der plakativen Vorlage
der Dreiecksbeziehung viele Fragen offen. Erstaunlicherweise
präsentierte sich das Trio auch nicht zur Entgegennahme des
- eher höflichen - Beifalls.
Auf einer Gastspiel-Tournee durch Deutschland - es folgen mit Ludwigshafen, Ludwigsburg, Fürth, Aschaffenburg, Rüsselsheim und Oldenburg nicht gerade Städte mit Metropolen-Charakter - muss man durchaus auch Zugeständnisse an ein breiteres Publikum machen, da man nicht überall mit erfahrenen Tanztheater-Fans rechnen kann. Diesem Zweck dient die dritte Choreographie dieses Abends; und hier kommt auch etwas Seltenes in dem elitären Zirkel dieser Kunstrichtung zum Vorschein: Humor, der bis zum deftigen Witz geht und auch den Slapstick nicht verachtet. Eine gepuderte und perückierte Rokokko-Gesellschaft aus drei Frauen und zwei Männern sitzt um einen Tisch und feiert Geburtstag. "Happy Birthday" erklingt aus ihren manirierten Kehlen, und "Sabine" ist die Glückliche. Nun beginnen alle, zu einer Mozartschen Serenade höfischen Verrenkungen, Grimassen, Fächerwedeln und versteckte erotische Spielchen zu präsentieren. das erfolgt exakt im Takt der Musik und nimmt sogar deren dynamischen Entwicklungen mit entsprechenden Körperbewegungen auf. Verdichtungen und Aufschwünge der musikalischen Vorlage finden ihren Niederschlage in ausladenden, expressiven Gesten und Figuren, Ritardandi und Pausen sehen auch die Gruppe plötzlich oder langsam erstarren. Das ist durchaus gut gemacht und kommt beim Publikum gut an. Der Höhepunkt jedoch kommt mit dem Video auf der Leinwand hinter der Gruppe, das erst genau die Situation am Tisch mit denselben Darstellern aber anderer Kostümierung spiegelt, dann jedoch die Vorgänge in den "Hinterzimmern" zeigt, wenn plötzlich ein Paar "unauffällig" den Tisch verlässt. Jetzt wird der Zuschauer zum Voyeur einer so dynamischen wie witzigen "Bettszene". Im Zeitraffer-Tempo liefern sich die beiden Protagonisten - natürlich im sittsamen Habitus des Rokokko - einen erotischen Wettkampf der Extraklasse. Was sich in einer solchen Szene in der Realität abspielen mag, wird hier parodistisch und artistisch mit viel Slapstick-Effekten zum Gaudi des Publikums nachgespielt. Das Tempo dieser Darstellung macht klar, warum der Film als Medium eingesetzt wird, denn so schnell kann niemand tanzen. Die
Szenen setzen sich fort mit Degen- und Ritterkämpfen des
nächsten Mannes auf Freiersfüßen, der zu seinem eigenen
Leidwesen nur wie Don Quichotte mit Degen und Schwert gegen
imaginäre Gegener kämpfen darf, und den Schluss bildet ein
temperamentvolles Küchenduett, das bis zum Kuchenteig im
Gesicht und Backpfeifen exakt im Takt von Mozarts Ouvertüre
zur "Entführung aus dem Serail". Das erinnert
dann trotz der tänzerischen Einlagen und Ideen oft an Stan
Laurel und Oliver Hardy, aber warum soll man im Tanztheater
nicht auch von zeit zu Zeit den einfachen Humor mit
anspruchsvoller Bewegungskunst verbinden. Das Publikum
amüsierte sich köstlich, wobei das sicherlich nicht auf
alle Besucher zutraf. Doch zum Ende des Abends weckte diese
Choreographie noch einmal alle Lebensgeister und gab
Gesprächsstoff für den Heimweg mit. Der begeisterte
Schlussbeifall zeigte jedenfalls, dass niemand über diese
leichte Muse zu Abschluss verärgert war. |