Kontrastreiches Programm zweier Compagnien 

Gastspiel des Nederland Dans Theaters in Frankfurt

 

Das Nederlands Dans Theater (NDT) ist eine der prominentesten zeitgenössischen Tanzcompagnien . Unter der Leitung von Anders Hellström, künstlerischer Leiter der Compagnie, und der Hauschoreographen Jiří Kylián und Paul Lightfoot/ Sol León zeigt das Nederlands Dans Theater zeitgenössischen Tanz auf höchstem Niveau. Das Nederlands Dans Theater verfolgt dabei drei Richtungen des Tanzes, die sich in drei Einheiten NDT I ("Kern"-Ensemble), NDT II (Nachwuchs unter 23) und NDT III (Ensemble-Mitglieder über 40) widerspiegeln. Das Gastspiel-Programm in Frankfurt am 29.April 2005 wurde von den Gruppen NDT II und III bestritten:

27’52’’ (NDT II)
Choreografie: Jiří Kylián
Musik: Dirk Haubrich, basierend auf zwei Themen von Gustav Mahlers 10. Sinfonie

Der Name dieser Choreographie stammt von der Länge der Aufführung: 27 Minuten und 52 Sekunden. Drei Tanzpaare bevölkern schon vor Beginn die Bühne wie bei einem leichten Training. Wenn sich der Saal verdunkeln, entwickelt sich eine Geräuschkulisse, die aus Ansätzen von Musik und darüber gelegten künstlichen Geräuschen besteht. Wie kleine Peitschenhiebe brechen diese Geräusche, mal metallen, mal schabend, mal schnalzend, in den gleichmäßigen Klangteppich ein, dessen Mahlerschen Ursprung nur der Experte nachempfinden kann, so abstrahiert ist er. Langsam beginnen sich die Figuren im Raum zu bewegen, sich zu Paaren zu finden und wieder zu trennen. Dabei findet jedes akustische Ereignis seine Spiegelung in der Körpersprache. Scharfe Töne werden wie Ohrfeigen hingenommen, bei anderen Tonfiguren drehen sich die Darsteller oder wagen Ausfälle, je nach dem Charakter der akustischen Vorlage. Nacheinander bewegen sich einzelne Paare in losen Konstellationen. Eine Frau wandert von einem Mann zum andern, geht mit diesem eine Symbiose ein, die mal Geborgenheit und Nähe, dann wieder Spannung und Differenzen ausdrückt. Dabei entstehen Figuren hoher Eindringlichkeit, denen jedoch alles Harte oder Provozierende fehlt. 

Bei aller Spannung strahlt die Bewegung durchgehend eine hohe Harmonie aus, als wollten die Choreographien sagen, dass die menschlichen Bindungen alles überwinden. Doch kommt keinen Augenblick der Eindruck süßlicher Sentimentalität auf. Immer wieder gewinnen die Tänzer Abstand zueinander, üben den Rückzug in die Innerlichkeit, um sich dann wieder gegenseitig zu suchen. Großflächige weiße Segeltuchbahnen senken sich von Zeit zu Zeit auf die Bühne herab, verengen den Raum, wirken mal bedrückend, dann wieder beschützend, um sich anschließend wieder nach oben zu heben. Als Gegenstück dazu gewinnt eine lange Matte auf dem Boden an Bedeutung, indem die Tänzer ihre Enden anheben, sie zu einer unsicheren Grundlage für die Tänzerin machen. Immer sind es die - um die Frau buhlenden - Männer, die diesen den Boden unter den Füßen wegziehen. Am Ende entziehen sich erst die Männer der Frau, indem sie sich in die Bahn einwickeln, und diese folgt ihren Beispiel und baut sich ihren einen eigenen "Kokon". 

Dieses Ende lässt sich durchaus pessimistisch deuten: die Geschlechter finden nie zueinander und enden in der Vereinsamung. Doch soweit muss die Interpretation nicht unbedingt gehen. Im Mittelpunkt steht schließlich die Bewegung und nicht eine erzählte Geschichte. Wer will, kann all das auch als die Umsetzung kurzer Einzelmotive verstehen, die nicht unbedingt einen konsistenten Gesamtkontext bilden müssen. Diese Produktion besticht vor allem durch die spannungsgeladenen und doch immer harmonischen Bewegungsabläufe, die den gesamten Bühnenraum nutzen und im Zusammenspiel mit der ebenso eindringlichen akustischen Begleitung den Zuschauer bis zum letzten Augenblick gefangen nehmen.

Far too close (NDT III)
Choreografie: Jiří Kylián, Musik: Dirk Haubrich

Choreograph Jiri Kylián

Der zweite Teil präsentierte ein "Kammerstück" mit drei Personen, das von vornherein auf eine Aussage aus war: ein Mann steht zwischen zwei Frauen, von denen die aktive, im Vordergrund stehende wie eine Puppe agiert. dazu lässt ein großformatiges Video auf der Bühnenrückwand eine (die?) andere Frau in schwelgerischer Lebensfreude sich winden. Man kann diesen Ausdruck durchaus als erotische Ekstase deuten, wie es die angedeutete Nacktheit der nur bis zu den Schultern sichtbaren Darstellerin nahe legt. Der Mann muss die puppenhafte Frau im Vordergrund immer wieder "aufziehen". Ohne ihn versinkt sie in Erstarrung, unter seiner Obhut verfällt sie in hysterisches lachen, das anschließend jedes Mal zum Keuchen und dann zu einer Art Röcheln mutiert. Die andere Frau wirkt wie erstarrt oder in einer Art Koma. Es könnte die verlassene Frau sein, die zu keiner Bewegung mehr fähig ist und der Ekstase des Videos nachtrauert. Sie fällt der anderen Frau schließlich zum Opfer, die sie wie eine Trophäe hinter sich her über die Bühne schleift. 

Die Bewegungen dieser Gruppe sind auf das Wesentliche reduziert. Von Tanz lässt sich eigentlich nicht reden; hier geht es mehr um Körperausdruck und Gestik. Da die Aussage durch die karge Körperarbeit ambivalent bleibt, muss sie durch das Wort verstärkt werden, eine an sich schon problematische Vorgehensweise beim Tanz. So spricht die Frau immer wieder den selben Text über das kalte Ehebett und über das Lachen, der zu einem Ritual erstarrt und schließlich das ausdrücken soll, was die Choreographie nur eingeschränkt vermitteln kann. Da sich die Motive wie bei der "minimal music" mit kleinen Abwandlungen dauernd wiederholen, lässt sich auch kaum ein Fortschritt der "Handlung" erkennen. Die Befindlichkeit steht im Mittelpunkt und wird insistierend präsentiert. Am Ende bleiben bei dieser Produktion trotz der plakativen Vorlage der Dreiecksbeziehung viele Fragen offen. Erstaunlicherweise präsentierte sich das Trio auch nicht zur Entgegennahme des - eher höflichen - Beifalls.

Birth-Day (NDT III)
Choreografie: Jiří Kylián, Musik: W. A. Mozart

Die Geburtstagsgesellschaft

Auf einer Gastspiel-Tournee durch Deutschland - es folgen mit Ludwigshafen, Ludwigsburg, Fürth, Aschaffenburg, Rüsselsheim und Oldenburg nicht gerade Städte mit Metropolen-Charakter - muss man durchaus auch Zugeständnisse an ein breiteres Publikum machen, da man nicht überall mit erfahrenen Tanztheater-Fans rechnen kann. Diesem Zweck dient die dritte Choreographie dieses Abends; und hier kommt auch etwas Seltenes in dem elitären Zirkel dieser Kunstrichtung zum Vorschein: Humor, der bis zum deftigen Witz geht und auch den Slapstick nicht verachtet. Eine gepuderte und perückierte Rokokko-Gesellschaft aus drei Frauen und zwei Männern sitzt um einen Tisch und feiert Geburtstag. "Happy Birthday" erklingt aus ihren manirierten Kehlen, und "Sabine" ist die Glückliche. Nun beginnen alle, zu einer Mozartschen Serenade höfischen Verrenkungen, Grimassen, Fächerwedeln und versteckte erotische Spielchen zu präsentieren. das erfolgt exakt im Takt der Musik und nimmt sogar deren dynamischen Entwicklungen mit entsprechenden Körperbewegungen auf. Verdichtungen und Aufschwünge der musikalischen Vorlage finden ihren Niederschlage in ausladenden, expressiven Gesten und Figuren, Ritardandi und Pausen sehen auch die Gruppe plötzlich oder langsam erstarren. Das ist durchaus gut gemacht und kommt beim Publikum gut an. Der Höhepunkt jedoch kommt mit dem Video auf der Leinwand hinter der Gruppe, das erst genau die Situation am Tisch mit denselben Darstellern aber anderer Kostümierung spiegelt, dann jedoch die Vorgänge in den "Hinterzimmern" zeigt, wenn plötzlich ein Paar "unauffällig" den Tisch verlässt. Jetzt wird der Zuschauer zum Voyeur einer so dynamischen wie witzigen "Bettszene". Im Zeitraffer-Tempo liefern sich die beiden Protagonisten - natürlich im sittsamen Habitus des Rokokko - einen erotischen Wettkampf der Extraklasse. Was sich in einer solchen Szene in der Realität abspielen mag, wird hier parodistisch und artistisch mit viel Slapstick-Effekten zum Gaudi des Publikums nachgespielt. Das Tempo dieser Darstellung macht klar, warum der Film als Medium eingesetzt wird, denn so schnell kann niemand tanzen.

Die Szenen setzen sich fort mit Degen- und Ritterkämpfen des nächsten Mannes auf Freiersfüßen, der zu seinem eigenen Leidwesen nur wie Don Quichotte mit Degen und Schwert gegen imaginäre Gegener kämpfen darf, und den Schluss bildet ein temperamentvolles Küchenduett, das bis zum Kuchenteig im Gesicht und Backpfeifen exakt im Takt von Mozarts Ouvertüre zur "Entführung aus dem Serail". Das erinnert dann trotz der tänzerischen Einlagen und Ideen oft an Stan Laurel und Oliver Hardy, aber warum soll man im Tanztheater nicht auch von zeit zu Zeit den einfachen Humor mit anspruchsvoller Bewegungskunst verbinden. Das Publikum amüsierte sich köstlich, wobei das sicherlich nicht auf alle Besucher zutraf. Doch zum Ende des Abends weckte diese Choreographie noch einmal alle Lebensgeister und gab Gesprächsstoff für den Heimweg mit. Der begeisterte Schlussbeifall zeigte jedenfalls, dass niemand über diese leichte Muse zu Abschluss verärgert war.

Frank Raudszus