Der Tanz um Herrschaft und Selbstbestimmung

Darmstädter Tanz/Theater mit "Das Haus der Bernarda Alba" nach Federico Garcia Lorca

 

Julio Viera (Bernarda) und An-Chi Tsao (La Poncia)

Federico Garcia Lorcas düsteres Stück über die Auswirkungen eines übersteigerten Katholizismus und die Zerstörung einer Familie stand schon bereits vor einiger Zeit in der originalen Theaterform als "Bernarda Albas Haus" auf dem Programm. Nun hat sich Mei Hong Lin, die neue Leiterin des Darmstädter Tanz/Theaters, dieses Stoffes neu angenommen und ihn als eigene Choreographie auf die Bühne des Kleinen Hauses des Staatstheaters gebracht. Dieses Stück eignet sich für die tänzerische Darstellung besonders gut, da es im Wesentlichen in der Darstellung seelischer Befindlichkeiten und familiärer Herrschaftsstrukturen besteht und keine komplexe, der sprachlichen Vermittlung bedürftigen Handlung enthält.

Der Natur des Mediums - Tanz - gemäß Hat Mei Hong Lin die Handlung noch einmal ausgedünnt. Dass Angustias Geld hat, Portiria missgünstig weil missgestaltet und Pepe ein Erbschleicher ist, spielt hier keine Rolle; die Choreographie konzentriert sich allein auf die Unterdrückung der Töchter und ihrer natürlichen Triebe durch eine harte und bigotte Mutter. Um dies noch augenfälliger werden zu lassen, hat Mei Hong Lin Bernarda durch einen Mann besetzt, Julio Viera. Die drahtige männliche Figur in dem langen schwarzen Kleid und die herben Gesichtszüge verstärken so noch den Eindruck der Unnachgiebigkeit. Auch die geistig verwirrte Mutter der Bernarda, die sich als Einzige aufgrund ihrer Unzurechnungsfähigkeit ein spontanes Auftreten leisten kann, verkörpert mit Rafael Valdevieso ein Mann.

Deni Gostl (Adela) und Denis Puzanov (Pepe)

In zwölf ineinander übergehenden Szenen schildert Mei Hong Lin den Handlungsablauf und das Leiden der Töchter. Ein weißes, nach vorne offenes Rechteck symbolisiert ansatzweise ein spanisches Haus, im Hintergrund dient ein dunkler Schrank gleichzeitig als Gefängnis für die unbotmäßige weil spontane Alte wie auch als Übergang in die Kulissen. Schwarze Tische ergänzen die Ausstattung und dienen auch mal als Betten. Das schwarz-weiße Bühnenbild gibt klare (Lebens-)Konturen vor und atmet Strenge. Während die Töchter in diesem Geviert wie gefangen hin und her irren und nach einem - natürlich nicht vorhandenen - Ausweg suchen, wandelt Bernarda wie ein Gefängnisaufseher in starrer, unnahbarer Haltung auf der Seitenwand auf und ab oder steht wie ein Monument da, keiner Gemütsregung fähig. Nur von Zeit zu Zeit schallen harte Befehle von oben, so zu Beginn und zum Ende ein harsches "Silentio", das jeweils eine achtjährige Trauerzeit einleitet.

Am Anfang breiten die Töchter ein weißes Tuch über die gesamte Bühne, das sich wie ein Leichentuch über alles Leben im Hause legt.  Zum Schluss, wenn Pepe verjagt ist, Angustias wie Adela wieder allein sind und die "Schande" des Hauses offenbar wird, kommt das Tuch ein zweites Mal zum Vorschein und wird wiederum über alles Lebendige und Tote gebreitet. Zwischen diesen beiden Eckpunkten findet der Kampf der Töchter statt, erst gegen die Mutter und die Träume von der Liebe und der Lust, dann gegen einander, wenn sie Adelas grünes Kleid entdecken - alle tragen zum Zeichen der Trauer ein schwarzes Kleid - und es der Schwester neiden.

 

Die Mädchen bei einer von Bernarda verordneten Betübung

Ganz besonders intensiv gelingt die Szene der nächtlichen Träume, wenn sich die Mädchen auf ihren Tischbetten räkeln und von Männern träumen, die sich gleichzeitig wie Lemuren um ihre Betten und sie herumwinden. Diese erotischen Traumszenen leben von der Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit und bringen die verzweifelte Einsamkeit der jungen Frauen körperlich zum Ausdruck. Dem entspricht die Szene zwischen Pepe und Adela, zu der er nach der offiziellen Verlobung mit Angustias geht. Hier wird zum ersten und einzigen Male der Wunsch Wirklichkeit und tänzerisch ausgelebt. Dabei ist der Ausdruck "tänzerisch" etwas unscharf, weil die Szene auf dem simulierten Bett stattfindet und eher eine ausgestaltete Umarmungsszene darstellt. 

Alle zwölf Szenen sind kurz gehalten - das ganze Stück dauert nur neunzig Minuten -  und schließen sich nahtlos aneinander an. Dadurch entsteht eine außerordentliche Dichte, und keinen Augenblick entsteht so etwas wie Langeweile. Das Ensemble drückt alle emotionellen Facetten mit viel Gespür fürs Detail aus bis hin zur Mimik, so wenn die Mädchen durch ein Fenster die jungen Männer auf der Straße bewundern und herbeisehnen, oder wenn die Magd La Poncia immer wieder versucht, als Widerpart zu Bernarda zwischen ihr und den Mädchen zu vermitteln oder diese vor der Mutter zu schützen. Zwischen diesen beiden Frauen spielt sich am Rande der Bühne eine kleine Nebenhandlung ab, die vordergründig im Stricken besteht, aber dahinter ein kleines Drama zwischen Herrin und Magd darstellt.

 

Die Musik zu diesem Tanzdrama kommt von einer vierköpfigen Flamenco-Band am rechten Bühnenrand. Drei Instrumentalisten und eine Sängerin erzeugen einen durchgehenden akustischen Hintergrund, dessen Rhythmus sich immer wieder in den Bewegungen des Ensembles niederschlägt. Diese Musik ist nicht nur Untermalung, sondern - wie im klassischen Ballett - auch Bewegungsanweisung. Der Flamenco steigert noch die schwermütige Stimmung einer hoffnungslosen Konstellation, und wenn Bernarda energisch den rechten Ellbogen in die linke Hand schlägt, findet sich diese Bewegung akustisch in der Musik wieder, die auch ohne Tanz einen eigenen Stellenwert besitzt.

Mit dieser Inszenierung haben Mei Hong Lin und ihre Truppe einen glänzenden Einstand in Darmstadt hingelegt. Das Publikum - der ausverkauften dritten Aufführung! - honorierte die Leistung des gesamten Ensembles mit begeistertem Beifall und zahlreichen Bravo-Rufen. Wir sind gespannt, was uns diese Tanztruppe in der nächsten Zeit noch zu bieten hat.