| "Cabaret" umschifft gefährliche Klippen mit Bravour |
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English Theatre in Frankfurt überzeugt mit dem Musical "Cabaret" |
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Nationalsozialismus einschließlich Judenverfolgung einerseits und Musical andererseits stellen zwei wenig kompatible Themenkreise dar, die vor allem in Deutschland aus guten Gründen auf Abstand voneinander gehalten werden. Nur die Angelsachsen, und hier vor allem die Amerikaner, bringen die nötige Unbefangenheit und eigene historischce Distanz auf, um die beiden Gebiete miteinander zu verbinden. In dem Musical "Cabaret", von Liza Minelli einst zum Hit gekrönt, haben sie damit einen großen Erfolg erzielt. Die Inszenierung dieses Musicals durch das Wiesbadener Staatstheater, die wir hier besprochen haben, wurde jedoch den speziellen Anforderungen an dieses Thema nicht gerecht. Daher war die Spannung groß, wie das "English Theatre" in Frankfurt diese Herausforderung meistern würde.
Robert Godfrey (Cliff Bradshaw) und Sarah Bolton (Sally Bowles) Um es gleich vorweg zu sagen: das "English Theater" liefert eine so dichte wie überzeugende und eindringliche Inszenierung ab. Sowohl die Ausgelassenheit und die Nachtclub-Atmosphäre der ausgehenden zwanziger Jahre kommen deutlich zum Ausdruck wie auch die erst schleichende, dann immer drohender aufkommende nationalsozialistische Bewegung. Die besondere Problematik bei diesem Stück liegt darin, den Nationalsozialismus nicht zum bloß unsympathischen Störenfried einer netten Unterhaltungshalbwelt zu marginalisieren und die politische Brisanz der Situation nicht mit netter Unterhaltung zuzukleistern, sondern auch in einem Musical trotz eingängiger Musik den Ernst der Lage angemessen darzustellen. Diese Gratwanderung ist dem "English Theater" in bewundernswerter Art und Weise gelungen. Das liegt in schon einmal an dem engen, kabarett-ähnlichen Zuschnitt des Hauses, der eine dichte Atmosphäre und fast intime Nähe zwischen Bühne und Publikum schafft. Damit gelangt auch jede emotionelle Regung wesentlich direkter zum Zuschauer als von einer großen Bühne. Darüber hinaus hat "stager" Omar F. Okai ein sehr dichtes Bühnenbild arrangiert, das auf zwei Ebenen nebeneinander Nachtclub-, Halb- und Kleinbürgerwelt darstellt. Auf der Empore liefert eine sechsköpfige Band (Piano, Trompete, Saxofon/Klarinette, Bass, Schlagzeug) eine Musik, die eher Barcharakter als Orchesterzuschnitt aufweist. Darunter verbirgt eine Reihe hölzerner Säulen und transparenter Vorhänge nur mühsam die frivolen Vorgänge der Halbwelt, in der die attraktiven jungen Damen ihrem Beruf nachgehen. Die Zeiten sind hart, und ein hübsches Mädchen kann nicht mit seinen Reizen geizen, wenn es durchs Leben kommen will.....
Nigel Francis (Emcee) mit seinen beiden "Damen" Von Anfang an zeigt Regisseur Matthew White die Doppelbödigkeit dieses Amüsierbetriebes. Das blonde Fräulein Kost, Mieterin bei Fräulein Schneider, wird ungeschminkt als mehr oder minder edle Prostituierte gezeigt, und die Damen des "Kit-Kat"-Clubs versprühen anstelle einer vermeintlich frivolen und leichten Erotik den zynischen Charme des Metiers. Conferencier Emcee (Nigel Francis) kommt hier nicht als geleckter und krampfhaft lustiger Entertainer daher, sondern als eruptiver Transsexueller, der mit zwei der Damen eine "Ménage à trois" pflegt, gleichzeitig homoerotische Züge zeigt und dabei eine mephistofelische Aura ausstrahlt. Mit katzenartigen Bewegungen und ungehemmter Körperlichkeit entlarvt er hellsichtig die dekadente Halbwelt, in der er sich nichtsdestoweniger offensichtlich wohlfühlt. Er ist der wahre Nonkonformist, typisches Gewächs von Umbruchzeiten und ein beweglicher Fisch im Wasser des aufgewühlten gesellschaftlichen Meeres. Nigel Francis interpretiert diese schillernde Figur mit viel Tempo und bringt ihre diabolische Erotik überzeugend zum Ausdruck. Sally Bowles, das flatterhafte Mädchen des Kit-Kat-Clubs, das sich jedem halbwegs zahlungsfähigen Mann an den Hals wirft, um ihrer Leidenschaft des Tanzens nachgehen zu können, ist hier ein zerrissenes und im Grunde genommen todtrauriges Wesen. In ihren besten Momenten steigert sie sich sich zur temperamentvollen Nachtclub-Sängerin, nur, um sich im nächsten Moment ins heulende Elend zu verwandeln. Ihre Glücklichkeit ist vorgetäuscht, sie fühlt sich - wie sie es in einem ihrer Songs ausdrückt - als "Loser", den niemand wirklich liebt. Doch kann sie andererseits vom Nachtclub-Leben nicht lassen, ist süchtig danach, und opfert dafür zum Schluss sogar ihre Liebe zu Cliff, ihr ungeborenes Kind und ihre eigene Zukunft. Die zierliche Sarah Bolton verleiht dieser Figur Glaubwürdigkeit und Strahlkraft, sowohl in den Sternstunden als auch auf dem Tiefpunkt.
Barry James (Herr Schulz) und Gay Soper (Fräulein Schneider) Auch das späte Liebeserlebnis von Herrn Schulz, seines Zeichens Jude, und Fräulein Schneider, Zimmervermieterin, wird hier ohne jede falsche Sentimentalität erzählt. Gay Soper und Barry James machen die Einsamkeit und die altjüngferliche Beklemmung bei beiden überzeugend sichtbar, ohne falsche Lacher zu erwecken oder ins Kitschige zu verfallen, und gerade dadurch kommt die Tragik dieses glücklosen Paares zum Ausdruck. Eine wichtige Schlüsselrolle spielt Ernst Ludwig, der erste Deutsche, den Cliff Bradshaw - der amerikanische "Novelist" auf Deutschlandbesuch - im Zug kennen lernt. Er erweist sich als entgegenkommender, aufrechter und strebsamer Deutscher, der jedoch plötzlich und unerwartet seine Ablehnung des Juden Schulz und seine Hakenkreuzbinde offen zeigt. Eine von Anfang an konsequente Verschiebung ins Unsympathische, Widerwärtig-Nazihafte wird dieser Figur und auch der Zeitgeschichte genauso wenig gerecht wie eine Beschönigung seiner nationalsozialistischen Weltsicht. Gerade das Nebeneinander von "nettem Mitbürger" und überzeugtem Judenhasser zeichnete einen Großteil des Deutschen Volkes im Dritten Reich aus und wirkt so erschreckend. Dem "English Theatre" gelingt es, diese Rolle vor beiden Gefahren zu bewahren und sie dadurch umso rätselhafter und bedrohlicher zu machen. Gil Cohen-Alloro verleiht diesem Ernst Ludwig die für die Zeit typische deutsch-preussische Korrektheit und eifrige Biederkeit.
Melitsa Nicola, Laura Checkley,Kellie Ryan und Lucy Thatcher Bleiben noch die "Damen und Herren des Gewerbes" zu nennen, die mehr oder weniger leicht bekleidet in den Katakomben des Klubs herumlungern und ungeniert aneinander herumfingern. Laura Checkley, die auch das nymphomane Fräulein Kost spielt, Melitsa Nicola, Kellie Ryan und Lucy Thatcher lockern das Geschehen immer wieder durch freche Songs und Showtänze auf, mit denen sie die Handlung auf den Punkt bringen und bissig kommentieren. Jonathan Eiø und Mostyn Lawrende unterstützen sie dabei als Victor und Bobby, die halbseidenen und schwulen "Herren des Gewerbes". Diese Inszenierung von "Cabaret" kann man gerade angesichts der heiklen Thematik zu Recht als gelungene und mitreißende Interpretation der Vorlage bezeichnen. das Publikum sah es ebenso und verabschiedete das Ensemble mit lang anhaltendem, begeistertem Beifall. Alle Bilder © Barbara Aumüller |