| Auf der Suche nach der verlorenen Zeit |
![]() |
John B. Priestleys "Die Zeit und die Conways" im Staatstheater Darmstadt |
|
Natürlich zitiert der Titel dieser Rezension einen berühmten Schriftsteller des 19. Jahrhundert und sein Werk. Marcel Proust hat sich über den Charakter der Zeit Gedanken gemacht und versucht, sie bis in ihre kleinsten Verästelungen nachzuempfinden und "dingfest" zu machen. Im 20. Jahrhundert hat dann Albert Einstein mit seiner Relativitätstheorie auch den bis dahin unkritischen naturwissenschaftlichen Zeitbegriff ins Wanken gebracht. Seine Erkenntnisse und Zeitvorstellungen haben seine Mitwelt außerordentlich beeinflusst und viele neue - teilweise visionären - Ideen über die Zeit hervorgebracht. Darunter fällt auch die Vorstellung, es gebe unendlich viele unendliche Universen mit verschiedenen Zeitskalen, und könnte man zwischen diesen Universen kurzfristig wechseln, wäre damit ein Blick in die - eigene -Zukunft möglich. Die in letzter Zeit diskutierte Möglichkeit, in einem gekrümmten Raum durch so genannte "Tunneleffekte" - zumindest theoretisch - die Lichtgeschwindigkeit zu übertreffen, hat diese Spekulationen wieder angeheizt. John Boynton Priestley (1894-1984) hat dieses Thema in seinem Stück "Die Zeit und die Conways" von einer konkreten, lebensnahen Situation aus aufgegriffen. Ihm geht es dabei weniger um ein Hinterfragen des Zeitbegriffs, sondern eher um handfeste gesellschaftliche Aussagen, die er mit der vagen Andeutung eines Zeitsprungs - oder einer Zukunftsschau - dramaturgisch aufbereitet werden.
Die Conways feiern den 21. Geburtstag von Kay, die sich als zukünftige Schriftstellerin sieht und bereits zwei Romanentwürfe hinter sich hat. Der Vater hat Mrs. Conway und den gemeinsamen sechs Kindern Immobilien und Aktien hinterlassen, so dass sie sich zu Recht als wohlhabende und damit führende Familie am Ort betrachten können. Im Bewusstsein dieser gesellschaftlichen Überlegenheit - mit der materiellen geht natürlich auch immer eine intellektuelle und moralische einher - feiert die Familie den Geburtstag der hoffnungsvollen Poetin in ausgelassener Weise mit Ratespielen. Hazel ist die hübscheste der Mädchen, weiß dieses auch und lässt ihre erotische Macht potentielle Bewerber spüren. Carol ist die jüngste und beobachtet vor allem die erwachenden Sehnsüchte ihrer Schwestern mit wachem und noch pubertär angehauchtem Interesse. Madge ist Lehrerin, engagiert sich für die Unterdrückten dieser Welt und verwickelt jeden Gesprächspartner in politische Diskussionen. Alan, der Älteste, hat sich zum Leidwesen seiner Mutter und zum Spott seiner Geschwister schon früh für das Leben eines einfachen Angestellten bei einer Behörde entschieden und bekennt sich scheinbar philosophisch zu seinem fehlenden Ehrgeiz. Robin schließlich, der gerade vom Militärdienst zurückgekommene jüngere Bruder, ist ein hübscher Hallodri, immer zum Feiern aufgelegt und erklärter Liebling seiner Mutter, die ihm eine große Zukunft voraussagt. Überhaupt verteilt Mrs. Conway Komplimente an all ihre Kinder und sieht sich und ihre Nachkommenschaft als eine solidarische Gruppe Erfolg gewöhnter und auf Erfolg abonnierter Sonntagskinder. Der nahezu zur Familie gehörende Rechtsanwalt Gerald weckt sowohl in Madge als auch in deren Mutter gewisse Begehrlichkeiten, die jedoch beide aus unterschiedlichen Gründen nicht deutlich zeigen können. Der von ihm mitgebrachte Gast Ernest Beevers dagegen bewegt sich linkisch und gilt allen Familienmitgliedern als "nicht satisfaktionsfähig". Man geht ihm aus dem Weg, ignoriert ihn oder macht sich über ihn lustig. Alans unkomplizierte Bekannte Joan zeigt für den frisch angereisten Robin wesentlich mehr Interesse als für ihren Verehrer Alan und erntet bei den Conway-Schwestern und deren Mutter spöttische Blicke, da sie nicht "vom Stamm" ist.
Als die Party sich einer ersten Atempause zuneigt und Kay sich mit ihren Aufzeichnungen alleine im Raum wähnt, springt die Handlung plötzlich um neunzehn Jahre weiter. Die Familie ist zusammengekommen, um die finanzielle Situation zu diskutieren, die offensichtlich Anlass zur Sorge gibt. Von Ausgelassenheit und Optimismus ist nichts mehr zu spüren: Robin hat zwar Joan geheiratet und seinen Bruder damit schwer getroffen, führt jedoch ein ungeregeltes, trinkfreudiges Leben ohne feste Einkünfte und fern von seiner Familie. Madge sitzt als unverheiratete Lehrerin an einer Provinzschule und zeigt deutliche Anzeichen aggressiver Frustration, Kay hat ihren Traum von der Schriftstellerkarriere nicht verwirklichen können und übt einen eher untergeordneten Beruf aus, Hazel ist tatsächlich mit dem mittlerweile zu Geld gekommenen Beevers verheiratet und Carol ist seit siebzehn Jahren tot. Alan lebt immer noch als Single sein kleines Angestelltenleben.
Als Anwalt Gerald der versammelten Familie erklärt, dass Aktien und Immobilien keinen substanziellen Wert mehr aufweisen und auch keine Aussichten auf Besserung bestehe, brechen alte Gräben auf. Mutter Conway, nun selbst an der Flasche, will die Situation nicht wahrhaben und redet immer noch, als schwimme sie im Geld. Madge wirft ihr vor, nicht nur das Erbe der Kinder an den haltlosen Robin verschwendet, sondern auch damals, vor neunzehn Jahren, ihre aufkommende Beziehung zu Gerald zerstört zu haben. Die Erinnerung an die tote Carol lässt die Mutter alle Anwesenden als Versager beschimpfen und die Tote als "die Beste" verklären. Alan wirft Robin vor, ihm damals Joan ausgespannt zu haben. Hazels Mann Ernest erklärt kategorisch, dieser Familie keinen Cent zu leihen, obwohl er mittlerweile über genügend Mittel verfügt. Zu sehr leidet er noch heute unter der herablassenden Behandlung durch die gesamte Familie vor neunzehn Jahren. Als Gerald es nicht schafft, angesichts der prekären finanziellen Lage irgendeine Entscheidung von der zerstrittenen und sich in eigenen Befindlichkeiten suhlenden Familie zu erhalten, wirft er die Papiere dem schwadronierenden Robin vor die Brust und verschwindet. Robin und seine Mutter, mittlerweile beide stark alkoholisiert, verlassen ebenfalls die Runde, Joan hat sich bereits vorher im Streit verabschiedet und Beever verlässt nach seiner Absage mit Hazel ebenfalls das Haus. Während Kay noch mit Alan über die Situation redet, füllt sich die Bühne plötzlich wieder mit den Protagonisten des Festes vor neunzehn Jahren, und alles ist wieder so, wie es damals war. Hazel träumt vom reichen Gatten, Robin sieht für sich eine große Karriere als Londoner Geschäftsmann und Joan schaut ihn verliebt an. Mrs. Conway sonnt sich im Kreise ihrer zum Erfolg geborenen Kinder, bevor sie im Verein mit diesen den linkischen Mr. Beevers mehr oder minder elegant aus dem Haus komplimentiert. Vorher hat sie nach einem kleinen Techtelmechtel mit Gerald noch dafür gesorgt, dass Madge ihr auf diesem Gebiet keine Konkurrenz macht, indem sie mit einigen spöttischen Bemerkungen deren verklemmt-sehnsüchtige Beziehungsdiskussion mit Gerald kommentiert hat. Kay, die immer noch wie erstarrt dabeisitzt, beginnt jedoch erst wahres Entsetzen zu zeigen, als Carol von sich sagt, keine Karriere machen sondern nur leben zu wollen. In Kays Kopf überlagert sich die Blick in die Zukunft, von ihr wie ein konkretes Erleben empfunden, mit der leichtfüßigen gegenwärtigen Situation, und am Ende steht sie als einzig Wissende - oder Ahnende? - alleine da.
Wie bereits erwähnt, steht die Gesellschaftskritik im Mittelpunkt dieses Stücks. Der überhebliche Optimismus einer Schicht, die den Erfolg gepachtet zu haben glaubt, aber selbst nicht mehr dazu bereit oder fähig ist, diesen Erfolg aktiv herbeizuführen, muss in der Katastrophe enden. Aber selbst diese wird bis zum Schluss nicht als Tatsache erkannt geschweige denn akzeptiert, sondern als Ungerechtigkeit oder Pech beklagt. Madge sieht nur den Verlust des Erbes und wirft ihrer Mutter noch nach zwanzig Jahren ihre eigene Beziehungslosigkeit vor; Robin ist immer noch der Größte und hat nur Pech gehabt; Hazel hat zwar den begüterten Mann, ist aber mit ihm nicht glücklich und zwischen ihm und der Familie hin und her gerissen. Auch die von außen in diese Familie eingeheirateten Mitglieder haben ihr kein frisches Blut oder Gedankengut hinzugefügt. Beever ist zum zynischen Rächer degeneriert und Joan zur desillusionierten, weil in zwanzig Jahren von der Familie nicht akzeptierten und von ihrem Mann verlassenen Ehefrau herabgesunken. So treibt das Familienschiff steuerlos dem Untergang entgegen. Mrs. Conway wird die finanzielle Lage weiterhin mit Alkohol verdrängen, bis der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht; Robin wird irgendwann in der Entziehungsanstalt oder dem Gefängnis landen; Kay und Madge werden sich in ihr Single-Leben einspinnen und Hazel wird ein freudloses Leben neben ihrem Man führen. Ein Neuanfang ist mit dieser Generation nicht mehr möglich. Darin besteht die zentrale Aussage Priestleys, und damit schließt die Inszenierung auch an die heutige Zeit an, in der eine larmoyante Gesellschaft die Blütezeiten des "Wirtschaftswunders" beschwört, auf die Ungerechtigkeit der Globalisierung verweist und von staatlichen Instanzen die Rettung des persönlichen Wohlstands verlangt und erwartet. Diese Kongruenz zwischen der aktuellen Gegenwart und der Handlung des Stücks war wohl auch der Grund für die Auswahl. Das Ensemble liefert mit dieser Inszenierung eine sehr homogene und kompakte Interpretation ab. Die schauspielerischen Leistungen sind durchweg überzeugend, die unterschiedlichen Charaktere kommen deutlich zum Ausdruck. Margit Schulte-Tigges spielt eine so resolute wie unbelehrbare und standesbewusste Mrs. Conway, Iris Melamed zeichnet die inneren Spannungen der Madge sehr intensiv und überzeugend nach, Julia Glasewald gibt eine anfangs überdrehte und leicht zickige, später überforderte Hazel, Christina Kühnreich betont konsequent die stillen und intellektuellen Seiten der Kay, Franziska Fuhrmann verleiht der Carol einen jugendlichen Wirbelwindcharakter. Ill Oehlmann schließlich stattet die zwischen den weiblichen Mühlsteinen der Familie zermahlene Joan mit viel Tapferkeit und Überlebenswillen aus. Die Männer haben es etwas schwerer, weil ihre Rollen nicht so stark konturiert sind. Leander Lichti gibt den Leichtfuß Robin dennoch mit viel Temperament, Martin Maria Eschenbach hält den bedächtigen Alan gemäß dramaturgischer Vorgabe immer etwas im Hintergrund und Tino Lindenberg löst die undankbare Aufgabe, die "Randfigur" des Anwalts Gerald zu gestalten, durchaus erfolgreich. Matthias Fuchs kann sich dagegen mit der Rolle des Ernest Beever - erst verklemmt- anbiedernd, dann lustvoll sich rächend - wesentlich besser in Szene setzen als seine Kollegen, nutzt er doch die volle Bandbreite, die ihm diese Figur trotz ihrer begrenzten Auftritte gewährt. Regisseur Peter Hailer ist mit dieser Inszenierung eine überzeugender Wurf gelungen, der das Stück genau dort ansiedelt, wo es hingehört. Das Publikum honorierte die Leistungen des Ensembles mit lang anhaltendem Beifall. Weitere Aufführungen finden am 16., 17., 18., 20. und 29. März statt, jeweils um 19.30 Uhr. Alle Fotos © Barbara Aumüller |