Und das Staunen nimmt kein Ende...

Varieté Da Capo mit dem Programm "Mirror" in Darmstadt

 
Das Varieté "Da Capo" hat sich im vorweihnachtlichen Darmstadt mittlerweile zu einem festen Programmpunkt entwickelt. Nachdem das Programm "Vertigo" im letzten Jahr die Zuschauer bereits begeistert hatte, war man auf das neue Programm mit dem Titel "Mirror" - Spiegel - gespannt. Schon der gute Besuch an einem durchschnittlichen Wochentag zeigte das große Interesse der Bevölkerung an dieser Art der Unterhaltung. Und man hatte sich nicht getäuscht: wieder entzündete die Familie Jungeli mit eigenen und speziell für dieses Programm engagierten Künstlern ein wahres Feuerwerk an Akrobatik, Tanz und Slapstick.
 
Die Guizhou Acrobatic Troupe of China
 
Die Moderation des Programms übernimmt in diesem Jahr der ukrainische Komiker Housch Ma Housch. Obwohl er nur einige Brocken Deutsch spricht - zum Beispiel "Applaus" - kann er sich mit seiner situationsgebundenen und ausdrucksstarken Mimik und Gestik jederzeit verständlich machen, ja, sogar Zuschauer in sein Spiel einbeziehen. Tolpatschiges Stolpern und platter Slapstick sind nicht seine Stärken. Er verlegt sich mehr auf einen melancholischen Hintersinn, kämpft mehr erstaunt als tumb mit den Tücken der Technik, lauscht Tönen hinterher und spielt scheinbar selbstvergessen mit Requisiten, um dann plötzlich vor den unerwarteten Folgen seines Tuns zu stehen. Natürlich gehört dazu auch eine gehörige Portion Slapstick, doch dieser ist nie vordergründig, sondern ergibt sich aus der Hilflosigkeit eines Menschen, der doch so gerne alles um sich herum schön hätte und doch immer wieder scheitert. Dieser Clown rührt auch ohne falsche Tränen und stellt sich tapfer aller Unbill des Lebens, auch wenn er dabei mehr als einmal Schiffbruch erleidet. Dem Lachen über seine vorgebliche Naivität und Ungeschicklichkeit fehlt jede Schadenfreude. Man amüsiert sich über ihn, aber nie mit schenkelklopfendem Lachen. Erstaunlich, wie er nur durch Lautmalereien Sachverhalte und Stimmungen treffsicher ausdrücken kann und wie er zwei Kandidaten aus dem Publikum über längere Zeit in seine Sketche einbaut und dabei sowohl bei diesen wie auch beim Publikum Heiterkeit weckt, ohne die beiden "Mitspieler" bloßzustellen.
 

 

Der Komiker ist sozusagen der "Kitt" zwischen den einzelnen Programmnummern, und zum Zwecke der Abwechslung und Dynamik unterstützt ihn bei diesem Tun die Tanztruppe des Berliner Fernsehballetts, junge, gut gebaute Frauen in phantasievollen Kostümen - mal à la Lara Croft, mal als orientalische Schönheiten -, die zu modernen Rhythmen ein choreografisches Feuerwerk entfachen. Die Tanztruppe bildet ein ideales Gegengewicht zu der eher ruhigen und aufs Mimische setzenden Darbietung des Clowns und zu den rasanten Vorführungen der Akrobaten.

Olek und Ivo aus Kiew

Diese stellen natürlich den Schwer- und Höhepunkt des Programms dar. Es ist schwierig, eine besondere Leistung hervorzuheben, ohne damit die anderen ins unverdiente zweite Glied zu rücken, doch die Akrobatentruppe Guizhou des chinesischen Staatszirkus´ beeindruckte das Publikum in besonderem Maße. Fünfzehn junge Männer zeigen in zwei separaten Nummern - jeweils vor und nach der Pause - ihr Können erst an zwei senkrechten Stangen und dann beim Sprung durch die - nicht brennenden - Ringe. An den Stangen vollbringen sie einmalige Kraftübungen - z. B. waagerecht an der Stange "schweben" - oder rutschen plötzlich und präzise kopfunten an den Stangen herunter, um wie auf Befehl abzubremsen. Den Zuschauern stockt da hin und wieder der Atem. Die Sprünge durch die Ringe fangen einzeln an, dann folgen sie in schneller Folge und gegenläufig, zum Schluss springen alle zusammen in entgegengesetzter Richtung durch die kunstvolle zusammengesteckten Ringe, sich gegenseitig nur knapp verfehlend. Das Ganze erfolgt in hohem Tempo und teilweise bei einer langsamen Drehung der Ringe, die genaues Timing erfordert.

Die beiden Brüder Olek und Ivo Iroshnikov aus Kiew bieten Boden-Akrobatik vom Feinsten, über weite Strecken "Hand auf Hand", mit hohem Tempo und sozusagen "blind", so, wenn die Nummern mit einem Rückwärtssprung eingeleitet wird. Die gewagten Figuren erfordern neben höchster Körperbeherrschung auch absolutes Vertrauen zwischen den beiden Akrobaten, denn ein falscher Griff kann auch am Boden schwere Folgen haben.

Der Jongleur Vitaly Grabarenko lässt mehrere Bälle den Ganzen Körper auf und ab laufen, jongliert gleichzeitig und vollführt dabei auch noch verschiedene akrobatische Bodenübungen.

Seiltänzer und Jongleur Andrej Ivachnenko aus Kiew

Andrej Ivachnenko, ebenfalls aus Kiew, steigt in einem roten Harlekinkostüm auf ein dünnes Drahtseil und vollführt dort Jonglage, fährt auf dem Einrad und steigt sogar auf eine Leiter, als bewege er sich auf festem Boden. Das Ganze würzt er mit viel Komik, simuliert Angst und schwankt zeitweise auf dem Seil, als fiele er gleich hinunter. Dass dies nicht geschieht, ist dem Zuschauer zwar klar, aber dennoch zittert man ob dieser vermeintlichen Unsicherhit mit ihm und lacht sogar über die eigene Angst. Seine Partnerin Natalia Liontieva, die ihm Einrad und Leiter aufs Seil reicht, tritt selber als Reifenkünstlerin auf, schwingt bis zu 40 Reifen um ihre schmalen Hüften und bewegt sich dabei noch auf einer großen Kugel vorwärts.

 Die beiden chinesischen Mädchen Chen, Yuping (*1986) und Liu. Yang (*1994) zeigen Trapez-Akrobatik der Sonderklasse, bei der die kleinere aus der Höhe des Zeltes mit einem freien Sprung rückwärts die Hände ihrer Partnerin sucht und dabei die Zuschauer mehr als einmal die Luft anhalten lässt. Was besonders die kleinere der beiden an gewagten Sprüngen und Figuren zelebrierte, lässt sich nur mit dem Wort "spektakulär" beschreiben.

 

Karola Hoffmann-Jungeli am Vertikaltuch

Die Tochter von Varieté-Chef Jungeli, Karola Hoffmann-Jungeli (15), präsentiert hoch oben in der Zirkuskuppel eine so anspruchsvolle wie ästhetische Vorführung am Vertikaltuch. Das Ganze sieht so leicht und flüssig aus, dass man vergisst, wie schwierig es ist, statt an einer festen Stange an einem frei hängenden Tuch zu turnen, das keinerlei Festigkeit aufweist. Auch hier spektakuläre "Abstürze", die kurz vor dem Boden kontrolliert abgestoppt werden....

Eine verbale Beschreibung der artistischen Vorführungen kann die Spannung, das Tempo und die ästhetische Wirkung nur rudimentär wiedergeben, die Atmosphäre des Abends kann man damit kaum einfangen. Man muss diesen Abend selbst erlebt haben, um zu erkennen, dass Varieté der Spitzenklassen, wie es dies eines ist, auch heute noch einen festen Platz im Unterhaltungsmarkt hat. Bis zum 9. Januar 2005 kann man dies noch in Darmstadt auf dem Karolinenplatz nachholen, wenn man es noch nicht getan hat.

Weitere Informationen über http://www.dacapo-variete.de/Splash