| "Reload" eines Mundart-Klassikers |
![]() |
Die "Theaterquarantäne" präsentiert die Darmstädter Lokalposse "Datterich" |
|
Ernst Elias Niebergalls Biedermeier-Posse "Datterich" nimmt das Kleinbürgertum der südhessischen Residenzstadt Darmstadt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufs Korn. Selbstzufriedenheit, enger Horizont, Schwadronieren und Kleinkariertheit sind die Eckpfeiler dieser Gesellschaft. In der Figur des "Datterich" selbst verdichtet Niebergall darüber hinaus noch einen damals offensichtlich weit verbreiteten Schnorrer- und Aufschneidertyp, der sich mit allen denkbaren Winkelzügen durchs Leben stiehlt und den anderen dabei den Wein wegtrinkt. Doch die Mitbürger um ihn herum unterscheiden sich nur marginal von ihm. Jeder sieht zu, wo er bleibt, und versucht, das Beste für sich herauszuholen. Die konsequent durchgehaltene hessische Mundart verleiht dem Stück das notwendige Lokalkolorit und erhöhte Glaubwürdigkeit. Die Mitglieder der Darmstädter "Theaterquarantäne" rekrutieren sich größtenteils aus ehemaligen Mitgliedern des "Jugendclubs" des Staatstheaters Darmstadt und haben dort auch ihre ersten schauspielerischen Erfahrungen gesammelt. In der neu geschaffenen Initiative können sie jetzt ihre Leidenschaft zu den "Brettern, die die Welt bedeuten", weiter entwickeln. Die als Freiluftaufführung konzipierte Inszenierung musste aus Witterungsgründen leider in eine Halle des Maschinenbau-Unternehmens Schenck verlegt werden, doch darunter litt weniger die Aufführung als das Publikum wegen der Temperaturen nach einer Woche heißem Sommerwetter. Dank ihrer Sozialisation in der südhessischen Provinzstadt beherrschten die Akteure den Darmstädter Dialekt recht sicher, wenn auch zeitweise das Hochdeutsche etwas durchschlug. Man merkte, dass der Dialekt nicht ihre normale Umgangssprache bildet. Doch die entsprechenden, vom Publikum sehnsüchtig erwarteten Kernsätze kamen ihnen locker von den Lippen und ernteten entsprechenden Beifall. Auch die Charakterdarstellungen gelangen der Truppe glaubwürdig und mit dem notwendigen Witz. Dazu hatte Regisseur Hener das Stück maßvoll mit Bezügen zum aktuellen Lokal- und Weltgeschehen ausgestattet. So zieht das "Darmstädter Echo" für das damalige Wochenblättchen in den Ring, das Handy ersetzt die Gerüchte am Biertisch, und auch die nationale Politik kommt - unter anderem mit Hartz IV - zum Zuge. Zur Auflockerung hatte die Regie einige Showtänze bzw. Einlagen eingeflochten, so wenn Datterich statt Schnupftabak offensichtlich eine Droge zu sich nimmt und in einer Halluzination von den Frauen erotisch bedrängt wird, oder wenn das gesamte Ensemble den Handlungsablauf durch einen frechen Tanz aufbricht. Das Bühnenbild besteht anfangs nur aus Transportkisten verschiedener Größenordnungen und mit professionellem Aufdruck, wie sie bei der Firma Schenck halt vorkommen, und entpuppen sich im Laufe des Stücks als Dumbachs Wohnstube oder "Lisettsches" Ausschank. Das Darmstädter dankte dem Ensemble für diese "lokalpatriotische" Inszenierung mit herzlichem Beifall. Wegen der regen Nachfrage wird das Stück im September noch einige Male aufgeführt werden. Weitere Informationen über www.datterich.net. Frank Raudszus |