| Nummernrevue mit Hunden |
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Tschaikowskis Ballett "Dornröschen" als Inszenierung des Staatstheaters Wiesbaden |
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Als vor Jahren das Wiesbadener Ballet mit "Giselle" in Darmstadt gastierte, führte man nach der Pause in einer äußerst naturalistischen Szene lebende Jagdhunde auf die Bühne. Dieser Einfall muss entweder dem Choreographen Ben van Cauwenbergh oder dem Wiesbadener Publikum so gut gefallen haben, dass man sie für "Dornröschen" wieder ausgegraben hat. Das erwies sich jedoch als kein gutes Omen, denn genauso mühsam und teilweise verstaubt wie "Giselle" kam auch das berühmte Märchen zu der Musik Peter Tschaikowskis auf die Bühne.
Die Handlung dürfte jedem Kind bekannt sein und braucht deswegen hier nicht noch einmal in Erinnerung gerufen zu werden. Dagegen sind natürlich die choreographischen und anderen optischen Ideen von Interesse. Cauwenbergh hat den Anfang auch durchaus mit einigen Ideen angereichert. So schäumt sich die sehnlichst auf ein Kind hoffende Königin anfangs in einer Badewanne von oben bis unten ein, und ein menschengroßer Frosch hüpft hinter der Badewanne vor und prophezeit der Königin die Geburt einer Tochter. Auch das Heranwachsen der Prinzessin wird mit einigen guten Regieeinfällen beleuchtet, so wenn die Eltern dem kleinen Mädchen die schlechten Manieren abgewöhnen und sie zu einer wohlerzogenen jungen Dame dressieren. Das hat noch durchaus einigen Witz und muss nicht immer im klassischen Sinn ausgetanzt werden, denn getanzt wird vom Rest des Ensembles zu Genüge. Die guten Feen kommen in farblich abgesetzten Kostümen daher und beeindrucken vor allem durch ihre flüssigen, wahrhaft feenhaften Bewegungen. Die böse Fee Carabosse dagegen, von einem Mann (Dimitrij Simkin) getanzt, setzt sich durch ein schwarz drohendes Kostüm, aggressiven Tanz und später durch die in schwarzes Leder gekleideten Kumpanen von dem Rest der Gesellschaft ab. Jüngere Kinder kann hier schon ein Gruseln befallen, Erwachsene nehmen diese böse Fee dankbar zur Kenntnis. Damit hatten sich die Ideen aber schon weitgehend erschöpft. Während der zweite Akt mit dem Stich der vergifteten Rose, der Rettungstat der guten Fee sowie dem großen Schlaf von Dornröschen und der ganzen Schlossgesellschaft noch relativ dramatisch endet, was sich auch im Tanz ausdrückt, schleppt sich die Aufführung nach der Pause mühsam und konzeptlos durch die letzten beiden Akte. Die Jagdgesellschaft, die das eingeschlafene Schloss entdeckt, wird in epischer Breite dargestellt, ohne dass dabei ein Bezug zur Handlung sichtbar wird. Es gibt ihn ja auch nicht, denn im Märchen ist die Jagdgesellschaft nur das kurz erwähnte Vehikel, um die Entdeckung Dornröschens zu erklären. Bei Cauwenbergh jedoch irrt eine große Schar grün gekleideter Jäger ohne Ziel und Zweck aber mit echten Hunden (s.o.) auf der Bühne umher, um dann plötzlich zu verschwinden und es der guten Fee zu überlassen, den Prinzen (Lars van Cauwenbergh) zum schlafenden Dornröschen zu führen. Ein Kuss - und die Handlung ist im Grunde genommen beendet. Im Märchen folgt nun: ..sie lebten lange und glücklich, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute", van Cauwenbergh jedoch füllt die fehlende Handlung durch eine Nummernrevue der einzelnen Darsteller, wobei kein Bezug mehr zur Handlung zu erkennen ist. Nach etlichen - mehr oder weniger beeindruckenden - Einzelauftritten der wichtigsten Protagonisten schwingt sich die Choreographie noch einmal zu einem "Mini-Finale" des gesamten Ensembles auf, das aber keine Begeisterung mehr wecken kann.
Bühnenbildner Bill Krog projiziert dazu hochromantische Bilder von Hans-Werner Sahm auf übergroße Tableaus mit imitierten Bilderrahmen. Weite, harmonische Landschaften mit viel Grün und freundlichen Häusergruppen begleiten die guten Feen und ihre Weissagungen, schroffe Felsen, Winter- und Eislandschaften die böse Fee und ihre Drohungen. Das ist durchaus nicht schlecht gemacht und verfehlt seine Wirkung nicht, läuft sich aber zum Schluss angesichts der dahinschwindenden Handlung ebenfalls tot. Die Kostüme der Männer verweisen aus unerfindlichen Gründen um hundert Jahre zurück in die Zeit des Rokokko, während die Frauen eher im Stil des 19. Jahrhunderts gekleidet sind. Aber das sind nebensächliche Unstimmigkeiten. Die wesentliche Schwäche der ganzen Inszenierung liegt in der geradezu biederen Choreographie und der Einfallslosigkeit des zweiten Teils. Die zusätzlichen - und durchaus nicht vereinzelten - Patzer einzelner Tänzer - nicht Tänzerinnen! - passen denn auch genau in das Bild der Aufführung. Auch das Wiesbadener Orchester unter der Leitung von Timor Chadik kann nicht gerade begeistern. Schon die Ouvertüre klingt etwas blechern und schroff, und im zweiten Teil fehlt der Musik jegliche Inspiration und Emotion. Die harte Instrumentierung und der - bewusste? - Verzicht auf emotionelle Elemente machen es den Tänzern nicht einfacher, auf der Bühne Intensität und Faszination zu entwickeln. Daher wird die aus dem tiefen Orchestergraben herausdringende Musik mehr pflichtgemäß als beseelt in tänzerische Bewegungen umgesetzt. Für die gute technische Abwicklung der Figuren erhielten die Tänzer den berechtigten Beifall, dieser überschritt jedoch nie die Grenzen der Höflichkeit. Nach dem Schlussvorhang hörte man zu Recht verschiedentlich die Meinung, dass man diesen Abend vor dem Fernseher wahrscheinlich sinnvoller zugebracht hätte als in dieser Aufführung. |