Wortreiche Prosa auf der Bühne

Ferdinand Bruckners Schauspiel "Elisabeth von England" in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt

 

Margit Schulte-Tigges (Elisabeth) und Tino Lindenberg (Essex)

Königin Elisabeth von England ist wohl eine der schillerndsten Figuren der Weltgeschichte und hat eine Reihe von Literaten - unter anderen Friedrich Schiller mit "Maria Stuart" - fasziniert und zu entsprechenden Werken motiviert. Ihre Standfestigkeit als Frau(!) auf dem englischen Thron - sie regierte 44 Jahre - ist vor allem für die damalige Zeit außergewöhnlich und wirft ein Licht auf ihre Fähigkeit, sowohl für Ausgleich zwischen verfeindeten Fraktionen zu sorgen wie auch diese gegeneinander auszuspielen, um ihre eigene Macht zu sichern. Das Schauspiel von Ferdinand Bruckner ist unter zwei Aspekten zu sehen: einmal natürlich die Situation einer Frau in einer hohen Machtpositionen unter Männern, die sowohl diese Männer zähmen und für sich einnehmen muss als auch ihre erotischen Bedürfnisse nur an diesen Männern befriedigen kann. Damit ist von vornherein eine so delikate wie gefährliche Situation für die Machthaberin geschaffen. Der zweite Aspekt betrifft den Krieg, um den es in dem Stück geht, das 1930 entstand. Zu diesem Zeitpunkt war der Erste Weltkrieg, der damals noch als "DER Weltkrieg" verstanden und in seiner Grausamkeit als unübertreffbar galt, gerade einmal ein Dutzend Jahre vorbei, zu kurz, um ihn bereits verarbeitet zu haben. Daher wehen die Erfahrungen mit der Entstehung und dem Verlauf dieses Krieges durch das gesamte Stück. Der Schrecken ist allgegenwärtig, und Bruckner arbeitet die Abneigung Elisabeths gegen den Krieg daher auch deutlich heraus.

Aus dramaturgischen Gründen hat Bruckner die historischen Ereignisse sehr frei behandelt und neu zusammengestellt. Man kann diskutieren, ob dies bei Verwendung realer Personen und Ereignisse zulässig ist, da dadurch unter Umständen historische Abläufe verfälscht werden. Betrachtet man das Theaterstück jedoch als - zwangsläufig subjektive - Interpretation der handelnden Personen, so ist gegen diese Eingriffe nichts einzuwenden. Dabei verwindet Bruckner die Kausalkette nicht unerheblich. Der Aufstand des Earls of Essex fand in Wirklichkeit dreizehn Jahre nach dem Krieg gegen Spanien statt und hatte wohl eher persönliche Gründe; im Stück dagegen gibt dieser Treuebruch den Anstoß für Elisabeths Kriegsentscheidung. Die persönliche Verletzung lässt sie alle emotionalen Vorbehalte gegen einen Krieg zurückstellen und der kalten Rationalität den Vorzug geben. Sie rächt sich sozusagen an Philipp für den Verrat von Essex, da sie für ihre Rache einen standesgemäßen Gegner benötigt. Essex ist nach seiner Gefangennahme dieser Gegner nicht mehr. Auch die Versuche ihres Kanzlers Cecil, für Essex - Elisabeths vormaligen Günstling und Liebhaber - Gnade zu erbitten, stoßen bei Elisabeth auf taube Ohren. Ihr Versuch, der Emotionalität und Erotik in ihrem von Macht und Hofintrigen geprägten Leben einen Platz einzuräumen, ist schmählich gescheitert. Künftig wird sie auf die Stimme der Emotion nicht mehr hören.

An eigentlicher Handlung ist das Stück nicht gerade reich. Von Anbeginn geht es nur um die Entscheidung "Krieg oder nicht Krieg gegen Spanien". Die kriegswütige Fraktion, kampfeslüsterne Soldaten wie Northumberland und Montjoy auf der einen Seite und religiös motivierte Jesuitenhasser wie Coke auf der anderen, drängen zum Krieg gegen Philipps katholisches Spanien, während Kanzler Cecil eher vor dem Abenteuer warnt und Kosten wie Risiken aufzählt. Elisabeth zögert bis zu dem fehlgeschlagenen Aufstand der Militärs - ironischerweise ziehen Northumberland und Montjoy den zögernden Essex nur mit psychischem Druck in den Putsch - mit einer Entscheidung. Sie will keinen Krieg, aber nicht aus purem Pazifismus, sondern aus Sparsamkeit. Die als Minimum veranschlagten 120.000 Pfund (wie billig waren damals noch Kriege!) erscheinen ihr unbezahlbar; außerdem müssten dafür Investitionen in Schulen und andere dem Volk zugute kommenden Vorhaben gestrichen werden. Und in dem missglückten Aufstand steckt noch ein weiteres Stück Ironie: die von den Verschwörern geforderte und von Elisabeth hinausgezögerte Entscheidung für den Krieg fällt aus Enttäuschung über den Anschlag. 

Iris Melamed (Isabella) und Andreas Manz (Philipp II.)

Eine besondere Rolle spielt der Philosoph Francis Bacon, von Essex bei Elisabeth als Anwärter für den Posten des Kronanwalts empfohlen. Deren Entscheidung für den religiösen Fanatiker und Katholikenfeind Coke führt den enttäuschten Essex einerseits zu den Verschwörern, öffnet ihm andererseits aber auch die Augen über Elisabeth, die offensichtlich doch nicht weibliches Wachs in seinen männlichen Händen ist. Diese Verletzung seiner Eitelkeit und die mehr zufällige Entdeckung einer alternden weil (noch) ungeschminkten Elisabeth lassen seine erotischen Ambitionen, so sie denn überhaupt bestanden haben, plötzlich erkalten.  Bacon seinerseits, der sich anfangs Essex gegenüber als weitsichtiger und allen weltlichen Machtgelüsten abholder kritischer Geist präsentiert hat, wechselt die Fronten nach seiner überraschenden Ernennung zum Ankläger gegen die Verschwörer mit fliegenden Fahnen. Nicht zuletzt seine scharfe Rede führt zu Essexs Verurteilung zum Tode, die Elisabeth gegen alle Fürbitten ihres Kanzlers Cecil eiskalt unterzeichnet, und in seiner abschließenden Rechtfertigung lässt er die Maske des abgehobenen Philosophen fallen und darunter einen eiskalten Opportunisten der Macht erkennen. Auch hier übrigens eine historische "Freiheit" des Autors: Essex wurde erst im Jahr 1601 hingerichtet. Doch es hätte natürlich auch so ablaufen können, und zum höheren Zwecke der dramaturgischen Dichte hat Bruckner alle diese Versatzstücke in eine neue Reihenfolge gebracht.

Da eine vorantreibende Handlung mit echten Konfliktsituationen fehlt, muss sich das Stück auf den Text konzentrieren, der die Personen, ihre Motive und die Zeit charakterisiert. Das ergibt längere Dialoge, in denen die Personen ihre Standpunkte darlegen. Statt hitziger, konfliktgeladener Diskussionen entstehen Konversationen, und die sind allemal gefährlich für ein Theaterstück, verbreiten sie doch leicht eine statische Atmosphäre, auch wenn - oder gerade weil - die Reden philosophischen Tiefgang aufweisen. Das kommt bereits in der zweiten Szene zwischen Elisabeth und Cecil zum Ausdruck, wenn Margit Schulte-Tigges (Elisabeth) und Jo Kärn (Cecil) über die gesamte Breite der Bühne einander ihre Sichtweisen ausbreiten. Auch die (staats)philosophischen Ausführungen von Harald Schneider (Francis Bacon) geraten eher zur universitären Vorlesung als zu einem dramaturgischen Höhepunkt. Diese Wortlastigkeit zieht sich durch das ganze Stück. Handlung, das heißt Aufbau und - wie immer geartete - Auflösung politischer oder privater Konflikte, wird ersetzt durch erklärende Reden. Die handelnden Personen reden mehr über ihre Befindlichkeiten als dass sie handeln. Essexs eher notgedrungene Teilnahme an der Verschwörung und deren klägliches Scheitern sind ein Symptom für die dramaturgische Schwäche der Handlung.

Regisseur Hermann Schein hat sich jedoch einige Gedanken gemacht, wie dieses Handlungsgerüst zu beleben sein. So lässt er die Kernszenen am Hof von England und am Hof von Madrid in enger Verzahnung spielen; erst treten Elisabeth und Philipp mit ihrer jeweiligen Entourage im fliegenden Wechsel auf, dann wird die Beratung des englischen Kronrates während einer Szene mit Philipp über Video-Monitore eingespielt, wobei die Texte nicht direkt überlagert, sondern geschickt miteinander verzahnt werden. Elisabeths Kriegsentscheidung schließlich fällt von einer Art Kanzel, auf der sich nacheinander verschiedene Träger der Macht zeigen, im erbitterten virtuellen Streit mit Philipp unter ihr auf der Bühne. Jeder greift den anderen persönlich an wie in einer unmittelbaren Auseinandersetzung, und doch sind Tausende von Kilometern zwischen ihnen.  Durch diese Parallelisierung der Ereignisse gewinnt das Stück deutlich an Tempo. 

Jo Kärn (Cecil) und Margit Schulte-Tigges

Im Mittelpunkt des Stücks stehen natürlich - wie es der Titel schon sagt - Elisabeth und ihre Fähigkeit, sich mit ihrer Umwelt zu arrangieren, die gefährlichen Fallgruben des Hofes zu vermeiden und sich eine ausreichende Hausmacht zu sichern. Diese Frau leidet doppelt: einmal als Frau in einer Männerwelt, die damals schnell mit dem Schwert zur Hand war und Frauen eigentlich eher am Herd und in der Küche sah, zum andern als Frau, die ein Recht auf emotionale Nähe - natürlich zu einem Mann - zu haben meint und dabei schmählich enttäuscht wird. Ihr Erfolgsrezept ist Zaudern und Herausschieben von schweren Entscheidungen, bis sich die unterschiedlichen Fraktionen gegenseitig neutralisiert haben. Ihre Kriegsentscheidung fällt sie nicht aus einer rationalen Überzeugung sondern aus einem "Bauchgefühl", sprich der Enttäuschung über Essex. Bruckner entwickelt an Hand dieser historischen Figur seine Überzeugung, dass Geschichte nicht planvoll von großen Personen "gemacht" wird sondern durch zufällige, situationsbedingte Entscheidungen entsteht. Damit ist auch der "Fortschritt" der Geschichte hinfällig. Sie besteht nur in einem ewigen Kreislauf von Ereignissen , die aus den menschlichen Schwächen und Begierden entstehen.

Bleibt die Frage der Besetzung. Die Hauptrolle der Elisabeth ist bei Margit Schulte-Tigges in besten Händen. Sie bringt sowohl die emotionale Seite der Elisabeth - an der Seite von Essex - wie auch die der eiskalten Machthaberin oder der eifersüchtigen Frau überzeugend zum Ausdruck. Wenn sie die Todesurteile unterschreibt, klirrt die Luft vor Kälte, und wenn sie die junge Hofdame "fertig macht", weil diese ihr etwas zu hübsch ist und angeblich Essex schöne Augen gemacht hat, dann zieht sie alle Register weiblicher Gemeinheit. Die Kriegserklärung vom Balkon schließlich ist eine Meisterleistung kalkulierter Machtdemonstration und unterdrückter Wut. Andreas Manz ist dagegen als Philipp von Spanien eine Fehlbesetzung. Philipp wird in allen einschlägigen Quellen als ein alter, starrer und geradezu autistischer Erzkatholik beschrieben, dessen einziges Ziel die Weltherrschaft Spaniens und der katholischen Kirche war. Kalt bis an die Knochen, redete er nur wenig und ließ keinen Menschen seiner Umgebung an sich heran. Die erhaltenen Portraits von ihm bestätigen diese Beschreibung. Bei Manz wird Philipp jedoch schon vom Alter und vom Äußeren zu einem zweiten Nero. Dazu verfällt er in endlose, sich bis zum Geschrei steigernden Monologe und steigert auch seine Gebete bis zur selbstentäußernden Raserei, die bisweilen im Kriechgang auf dem Boden endet. Weniger wäre hier wesentlich mehr gewesen, und gerade die Kälte eines alternden Bürokraten der Macht hätte einen reizvollen Gegensatz zu der vitalen Elisabeth dargestellt. So bleibt außer viel Geschrei von Philipp nicht viel. Tino Lindenberg gibt sich als Essex alle Mühe, wirkt aber zeitweilig zu jungenhaft, ja fast unbedarft. Man nimmt ihm den Kriegsheld, der gerade zur damaligen Zeit eine gewisse Härte und Durchsetzungskraft aufweisen musste, nicht in vollem Umfang ab. Eher wirkt er wie der jugendliche Sohn der Königin, der seine Wünsche durchsetzen möchte und greint, wenn sie ihm nicht erfüllt werden. Alle andern - Harald Schneider als Bacon, Till Sterzenbach als Coke, Jo Kärn als Cecil und Aart Veder als Walsingham, um nur Einige zu nennen - füllen ihre Rollen im Rahmen der Möglichkeiten überzeugend aus, wobei Harald Schneider aber bisweilen etwas zu trocken wirkt.

Das Publikum konnte sich nach nahezu dreieinhalb Stunden nur zu einem freundlichen wenn auch längeren Beifall aufraffen. Nur Margit Schulte-Tigges erhielt deutlich stärkeren Einzelbeifall.

Alle Bilder © Barbara Aumüller