| Im Zwischenreich der Magie |
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Eugene O'Neills "Emperor Jones" im Staatstheater Darmstadt |
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Von Zeit zu Zeit bekommt ein Ortswechsel dem Theaterbetrieb außerordentlich gut. Das umbaubedingte Provisorium im Staatstheater Darmstadt hat - neben Unbequemlichkeiten für Zuschauer und Ensemble - auch einen gewissen Improvisations- und Pioniergeist zur Folge gehabt, der sich einerseits in der Auswahl der Stücke, andererseits in der darstellerischen Leistung ausdrückt. Diese Erkenntnis hat man jetzt dahin gehend genutzt, die Premiere - und weitere Aufführungen - von Eugene O'Neills "Emperor Jones" in das ehemalige Jugendlokal "Die Krone" zu verlegen, das dem Theater derzeit auch als Übungsstätte dient. Die Enge der Räumlichkeiten und die dadurch bedingte Nähe zum Publikum sowie das eher "abgegriffene" Ambiente der Örtlichkeit verleihen diesem Stück einen besonderen Reiz und lassen die dichte Atmosphäre besonders stark zur Wirkung kommen. Das Stück entstand 1920 und stellt zum ersten Mal das Rassenproblem explizit in den Mittelpunkt eines amerikanischen Theaterstückes. Der Farbige Brutus Jones hat sich zum Herrscher über eine karibische Insel aufgeschwungen - es könnte Haiti sein - und residiert in einem aufwändigen Palast. Der weiße Händler Smithers trifft bei einem Besuch lediglich einige einheimische Putzfrauen an, die er in "bester" rassistischer Manier des frühen 20. Jahrhunderts erniedrigt. Die schwarzen Bewacher des Palastes sind mit ihrem Anführer offensichtlich in die Wälder geflohen, um von dort gegen den verhassten Herrscher zu rebellieren. Als Jones auf der Bildfläche erscheint, fuchtelt er mit einer Pistole herum, die er des Öfteren auch auf Smithers richtet, und prahlt ungeniert über seine erfolgreiche Herrschaft, die ihm unter anderem gut gefüllte Auslandskonten eingebracht hat. Sein sprunghaftes, aggressives und stets nach Bewunderung heischendes Verhalten zeigt den Aufsteiger, der so gerne ein Weißer wäre und deshalb seine eigenen Landsleute hasst. Als Smithers ihm klar macht, dass sein Gefolge geschlossen geflohen ist, prahlt Jones mit seinen sicheren Fluchtwegen und macht sich anschließend auf den Weg durch den Dschungel in eine vermeintlich sichere Zukunft.
Von diesem Augenblick an verwandelt sich die nachvollziehbare konkrete Handlung in die Wiedergabe eines mörderischen Albtraums, der Jones auf seinem Weg durch den nächtlichen Dschungel befällt. Unheil verkündende Trommeln, Tierlaute aller Schattierungen, die Schwüle der Nacht und die Jahrhunderte alten Mythen und Rituale lassen in Jones zuerst Unsicherheit und Abwehr, dann Angst und schließlich das nackte Entsetzen aufkommen. In einem langen inneren Monolog löst sich sein gesamtes Wesen in Angst und Schrecken auf und treibt ihn bis zu flehentlichen Gebeten an den oder einen Gott, dem er seine Sünden - diverse Morde - beichtet und von dem er Erlösung erhofft. Die durch die physische und psychische Atmosphäre hervorgerufenen Halluzinationen lassen seine Opfer vor seinen Augen auftauchen, und in jedem Tier, jedem Geräusch vermutet er die unerbittlichen Rächer. Am Ende bricht er aufgrund seiner inneren Auflösung zusammen, und Lem, der Anführer seiner geflohenen Garde, braucht ihn nur noch aufzusammeln. Die letzte Szene führt wieder in den Palast und rahmt so zusammen mit der Eingangsszene den expressionistischen Mittelteil ein. Smithers bedenkt das Bündel Elend mit zynischen Bemerkungen und schaut ungerührt zu, wie die Soldaten Jones umbringen (im Originaltext kommen die Soldaten mit dem bereits getöteten Jones aus dem Wald). Der Autor erntete 1920 noch Stirnrunzeln, als er für die Rolle des Jones einen "echten" Farbigen forderte. Diese wurden damals von eingefärbten Weißen dargestellt, da Farbige als Darsteller nicht akzeptiert waren. Eugene O'Neill übertrug damit das Problem des Rassismus aus dem Stück auf die "reale" Bühne und feierte mit "Emperor Jones" dennoch - oder gerade deshalb - ungeahnte Erfolge.
In Darmstadt hatte man für die Hauptrolle mit Gabriele Drechsel eine Frau ausgewählt. Der Grund dafür ist nicht unbedingt erkennbar, wenn man nicht davon ausgeht, dass eine "cross-over-Besetzung" an sich bereits einen dramaturgischen Wert aufweist. Ohne deswegen Gabriele Drechsels Leistung in Frage zu stellen, fragt man sich, was Regisseur Jens Poth zu dieser Besetzungswahl bewegt hat. Will er zeigen, dass auch Frauen grausam sein können, so mag das zwar stimmen, ist aber im Kontext dieses Stückes irrelevant. Will er "nur" Erwartungshaltungen aufbrechen und das Publikum provozieren, so ist diese Mühe im Jahre 2005 nach Jahrzehnten experimentellen und extremen Theaters ebenfalls vergebens. Auf jeden Fall wirkt es eher befremdlich, wenn Smithers die als attraktive Frau - die Gabriele Drechsel auch ohne Verkleidung ist - herausgeputzte Darstellerin als Mann anspricht und auch die gesamte Handlung darauf verweist. Wie dem auch sei, Gabriele Drechsel löst die Aufgabe auf beeindruckende Weise. Ihre stärkste Phase liegt naturgemäß in dem halluzinierenden Marsch durch den nächtlichen Dschungel, wenn sie nur mit sich und einer feindlichen Umgebung spricht und zusehends ins Delirium verfällt. Dabei spielt das Geschlecht tatsächlich keine Rolle, nur noch die kreatürliche Angst regiert. Julia Glasewald und Illi Oehlmann erscheinen als die Geister der Nacht oder als "die kleinen gestaltlosen Ängste" des Brutus Jones, begleiten jede Bewegung der Hauptdarstellerin, kommentieren ihre Ausbrüche mit rätselhaftem Lachen, rücken ihr immer näher und ersticken sie zum Schluss nahezu mit ihrer Präsenz. Am Regiepult steht Klaus Ziemann als Bandenführer Lem und kocht geheime Süppchen nach Voodoo-Art. Gerd K. Wölfle gibt einen so zynischen wie abgebrühten Smithers, der überall seinen Vorteil sucht und sich immer aus allen Situationen herausschlängelt. Eine richtig miese Type, nicht schlechter oder besser als Jones, nur anders. Der Beginn des Stückes weist einige Längen auf, denn Smithers und Jones stellen eine Situation vor, die der Zuschauer bereits nach wenigen Minuten erfasst hat. Der reichlich lange Dialog kreist dagegen immer um die gleichen Punkte und bringt die Handlung kaum vorwärts. Erst mit dem Gang in den Dschungel gewinnt die Inszenierung an Dichte und Tempo. Wenn zum Schluss die Aufrührer einen Eimer mit roter Farbe über Gabriele Drechsel alias Brutus Jones ausschütten und das Theaterblut an der weißen Leinwand - neben einem Sessel einziges Requisit auf der Bühne - herab läuft, erinnert diese Szene an so manches Massaker der letzten Jahrzehnte. Das Premierenpublikum zeigte sich von dieser dichten Inszenierung beeindruckt und geizte nicht mit Beifall für Darsteller und Regie, wobei für Gabriele Drechsel sogar einige verdiente "Bravos" abfielen. Weitere Aufführungen in der "Krone" finden am 22. und 28. Juni sowie am 13. Juli statt Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |