Von Beckett bis Boulevard

Anthony Neilsons Weihnachtskomödie "Frohes Fest" im Staatstheater Darmstadt

 
Die Engländer lieben den schwarzen Humor. Der Tod hat bei ihnen seinen festen Platz im Humorgefüge, und auch die Verbindung mit Weihnachten schreckt sie nicht ab. Für weihnachtsselige und  harmoniebedürftige Deutsche ist das ein nicht immer bekömmlicher theatralischer Weihnachtsschmaus....
 
Anthony Neilson lässt seine Farce "Frohes Fest" denn auch gleich in fast Beckettscher Manier beginnen: zwei Polizisten stehen am Weihnachtsabend vor dem Haus des älteren Ehepaars Connor, um ihnen ausgerechnet zum Fest den Unfalltod ihrer Tochter Carol mitzuteilen. Wie zwei verlorene Endzeit-Individuen des irischen Ausnahme-Dramatikers streiten sie mit zeitweise surrealer Logik um die traurige Pflicht, die Schreckensbotschaft zu überbringen. Dabei spielt Blunt (Uwe Zerwer) die Rolle des Erfahreneren, der aber glücklicherweise nicht das unangenehme Los gezogen hat, während der junge Gobbel (Leander Lichti) in seiner ganzen Naivität und Begriffsstutzigkeit mit seiner Pflicht ringt. Der Dialog zwischen diesen beiden übt gerade wegen des tragischen Hintergrunds eine makabre und dabei elementare Komik aus, die nahe an der existenziellen Hilflosigkeit angesiedelt ist.
 
Uwe Zerwer (l.) und Leander Lichti als Blunt und Gobbel
 
Wenn dann jedoch plötzlich eine Zigarre rauchende, kämpferische Frau (Gabriele Drechsel) auftaucht, die in jedem Mann einen Triebtäter vermutet und auf Lynchjustiz aus ist, schlägt die Szene ins Groteske um, vor allem, wenn die "Dame" die beiden Männer an ihren heiligsten Stellen kampfunfähig macht. Die eigentliche Verwirrung beginnt jedoch, wenn die beiden wieder erholten Polizisten endlich Zutritt zu dem Heim der zukünftig Trauernden erhalten. Eine so hutzlige wie geistig abwesende Hausfrau (Margit Schulte-Tigges) kommt ihnen gleich mit dem inneren Wissen um den Tod ihres Lieblings entgegen, so dass dem erleichterten Gobbel nur das bestätigende "JA" bleibt. Dass Garson - so ihr Name - ihren Hund meint, kann er ja nicht ahnen. Von da an schwenkt das Stück in das Fahrwasser der typischen Verwechslungs- und Verwirrungskomödie ein.  Um das Missverständnis dramaturgie-kompatibel so lange wie möglich aufrecht zu erhalten, nennt keiner der Beteiligten - weder Garson noch ihr Mann Balthasar (Klaus Ziemann) noch die beiden Polizisten - auch nur ein mal den Namen oder die "Gattung" des Opfers. Immer ist es "mein Baby", "mein Liebling" oder "das Opfer". Na ja, diese Art von Unwahrscheinlichkeiten gehört halt zu solch einer Komödie und bietet dem Publikum viel Anlass zum Lachen, besonders, wenn  Ehemann Balthasar diesen Tod marginalisiert und die Polizei bittet, auf die Identifikation zu verzichten und den Leichnam eigenständig zu entsorgen.
 
Die Dramaturgie verlangt jedoch auch, dass zumindest die Polizisten sich irgendwann des Missverständnisses bewusst werden, damit die Handlung vorangehen kann. Da sie aber mittlerweile von dem schwachen Herz des Hausherrn erfahren haben, glauben sie, ihm die Nachricht nicht zumuten zu dürfen, und reden um den Brei herum. Als dann auch noch der Pfarrer erscheint, um zu kondolieren und zu trösten, müssen sie ihm schnellstens den Mund verschließen, was letztlich nur mit brachialen Methoden gelingt.
 

Margit Schulte Tigges (Gason) und Volker Muthmann (Reverend Shandy)

 
Gemäß dieser Logik erfordern die Schonung der alten Leutchen und die bereits eingeleiteten "Maßnahmen" der beiden Polizisten immer neue Eingriffe in die Freiheit der anwesenden oder neu eintreffenden Personen und auch Tiere, bis sich eine stattliche Liste von temporär "ruhig gestellten" Lebewesen ergibt. Dass sich das Ganze irgendwann mit einem Knalleffekt entladen muss, ist klar, und der Katalysator ist wieder die verrückte Kämpferin wider alle Triebtäter, die hinter dem Einsatz der beiden Polizisten sowieso den Versuch gewittert hat, einen erkannten Triebtäter vor der Selbstjustiz des Volkes in Sicherheit zu bringen. So ergibt sich im Laufe des Stückes ein immer verwirrenderes Gemenge von Missverständnissen und bösen Ergebnissen guter Absichten, das sich in guter - will sagen überspitzter -  Boulevard-Manier zum wahren Chaos und bis zu einem freiwilligen "Strip" der beiden Polizisten steigert. Details all dieser sich gegenseitig widersprechenden und übertrumpfenden Missverständnisse hier aufzuführen, wäre müßig und würde künftigen Besuchern auch noch die Spannung auf einige überraschende Momente rauben.
 
Uwe Zerwer und Leander Lichti mit Klaus Ziemann (Balthasar)
 
Auf jeden Fall zieht Anthony Neilson im zweiten Teil alle Register des Slapsticks und der Verwirrungskomödie, und Regisseur Albert Lang und seine Darsteller schlachten dieses Plot weidlich aus. Was in der ersten Hälfte noch witzig und originell war - die Ausgangslage und die ersten elementaren Missverständnisse - gerät zum Schluss zu einem wahren Tohuwabohu von Unwahrscheinlichkeiten und Spielzeit schindenden Slapstick-Einlagen. Wenn am Ende alles wieder ins rechte Fahrwasser gerät - bis auf die makabre Schlusspointe -, dann ist das Ensemble erschöpft und die Zuschauer ebenfalls froh, dass der Spuk vorüber ist. Denn bei allem Witz und aller Situationskomik, die das Stück durchaus aufweist, hätte man es ohne Schwierigkeiten um eine halbe Stunde kürzen können. So wirkt es gerade gegen Ende, wenn blinde Bühnenaktionen weiter führende Ideen ersetzen, doch einigermaßen zäh und ermüdend.

Das Ensemble jedoch tat alles, um das Tempo hoch und das Publikum bei Laune zu halten. Das Polizisten-Duo Uwe Zerwer und Leander Lichti warfen sich in gut eingespielter Manier die verbalen Bälle zum Gaudi des Publikums zu, Margit Schulte-Tigges wechselte als Garson souverän zwischen senilen Alzheimer-Schüben und kühler Rationalität, Klaus Ziemann gab den redseligen, um Harmonie bemühten Pensionär, und Gabriele Drechsel hat man noch nie so herrlich ordinär und ausfallend erlebt. Volker Muthmanns Reverend Shandy fiel da mit seiner fast souveränen Pastoral-Attitüde etwas aus der Rolle. Julia Glasewald spielte eine jugendliche Carol, der im entscheidenden Moment nicht einmal die eigene Mutter zuhört, und Carmen Wedel hatte nur am Ende einen Kurzauftritt, der hier zwecks Erhaltung der Spannung nicht näher erläutert sei.

Das Premierenpublikum zeigte sich trotz der langen Dauer - über zwei Stunden ohne Pause - begeistert und dankte dem gesamten Ensemble einschließlich Regie mit langem, mehr als freundlichem Beifall.

Frank Raudszus

Alle Bilder © Barbara Aumüller