| Die Suche nach dem Surrealen im Trivialen |
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Schauspiel-Auftakt mit Moskovs "König der Hirsche" in Darmstadt |
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Märchen modellieren Mythen und bieten schlichte, eingängige Botschaften. Mit ihren "Wahrheiten" haben sie immer dicht am Wasser der Trivialität gebaut, und nur ein allgemeiner Konsens und ihre Jahrhunderte alte Tradition, aus dem Volksmund gewachsen, bewahrt sie davor, mit dem allgemeinen Kitsch aus Film, Fernsehen und Trivialliteratur gleichgesetzt zu werden. Diese eigenartige Stellung am Rande eines intellektuellen Schutzraumes reizt immer wieder Regisseure, sich bestimmter Märchenstoffe anzunehmen, so Elfriede Jelinek im "Prinzessinendrama", das in der vergangenen Saison auf dem Programm des Darmstädter Werkstatt-Theaters stand.
Mit der neuen Saison und einer neuen Spielstätte - das Werkstatt-Theater fiel den neuen "Kammerspielen" in der Tiefgarage zum Opfer, die wiederum als zeitweiliger Ersatz für das Kleine Haus herhalten muss, ist auch ein neuer Geist ins Schauspiel eingezogen. Schauspielleiter Martin Apelt eröffnete die Saison am 2. Oktober mit "Der König der Hirsche" frei nach Carlo Gozzi, inszeniert von dem bulgarischen Regisseur Stefan Moskov. Gozzi (1720-1806) war ein Vertreter der klassischen "Commedia dell´Arte" und erbitterter Gegner des Neuerers Goldoni. Diese konservative Haltung lässt sich auch unschwer an der Handlung nachvollziehen. Allerdings sei vorab betont, dass die Handlung in dieser Inszenierung eine zweitrangige Rolle spielt und nur als Gerüst für ein - scheinbar spontan improvisiertes - Situationstheater dient. König Deramo hält Brautschau im Lande. Sein Minister Tartaglia will seine eigene Tochter zur Königin machen, scheitert jedoch an Deramos plötzlich entflammter Liebe zu Angela. Daraufhin entlockt er seinem - angeblichen - Freund und König einen Zauberspruch, verwandelt ihn in einen Hirschen und versetzt sich in den Körper des Königs. Seine Träume von Macht und Ruhm zerrinnen jedoch an seiner Unfähigkeit und den Unwägbarkeiten des Identitätswechsels. Am Ende erhalten sie beide ihre eigenen Identität zurück, jedoch auf Kosten von Angela, die für immer in einen Vogel verwandelt wird. Soweit die schlichte Handlung, der man mit einiger Nachsicht der Commedia dell´Arte gegenüber eine gewisse Moral nicht absprechen kann. Doch um die geht es Moskov nicht, sondern um die einzelnen Elemente der Handlung, die er sorgfältig seziert und unter völlig anderen Aspekten wieder zusammensetzt. Dabei geht er zwar von der ursprünglichen Idee der Commedia dell´Arte aus, jedoch mit einer konsequenten Verschiebung ins Surrealistische, was letztlich dazu führt, dass nicht einzelne Figuren und ihre Schwächen entlarvt werden, sondern nichts weniger als gesellschaftliche Konventionen in Frage gestellt und Grundmuster menschlicher Verhaltensweisen ihres scheinbaren Ernstes beraubt werden.
Das beginnt bereits mit dem Prolog, in dem die Schauspieler dem Publikum Vexierbilder und Verwechslungsspielchen sozusagen als "l´art pour l´art" ohne Bezug zur eigentlichen Handlung servieren. Dazu bedient sich das Ensemble verschiebbarer, mit Leinen bespannter Rahmen, hinter denen die Darsteller verschwinden und auf der anderen Seite scheinbar verwandelt wieder hervortreten, Grimassen schneiden, Kauderwelsch reden - kurz: Slapstick pur produzieren. Aus dieser "Spielanleitung" erwächst dann langsam und spielerisch die oben skizzierte Handlung in einer Art tänzerischen Slapsticks. So stellen sich die einzelnen "Bräute" unter zum Teil burlesken Verrenkungen und grellen Grimassen vor, von stereotypen Reden einer heutigen "Alltags-Sprech" begleitet, die aus einer Blödel-Show stammen könnten. Doch Moskov weicht geschickt der Gefahr aus, im kalten Kalauerkanal zu landen, und hält immer die Balance auf dem schmalen Grat zwischen der Parodie und der platten Imitation. So behält er trotz der grotesken Interpretation der Handlung auch ohne entsprechendes Wortmaterial eine gewisse intellektuelle Höhe, die sich schon aus der szenischen Kompaktheit ergibt. Auf keinem Witz bleibt er kleben, nichts wird bis zum Ende durchgekaut, und immer wieder sorgen überraschende Regieeinfälle, die vor allem mit den bespannten Rahmen spielen, für Überraschung und Heiterkeit. Sie alle hier aufzuzählen - zum Beispiel die auslaufenden "blauen Augen" eines Protagonisten oder die Ideenblitze auf der Leinwand - wäre müßig und würde sogar die Überraschung vorwegnehmen.
Die ganze Aufführung glänzt vor allem durch ihr hohes Tempo sowie die verbale wie auch physische Artistik. Pate bei dieser Inszenierung hat nicht zuletzt die weithin bekannte englische Gruppe "Monty Python" mit ihren surrealistischen Sketches der siebziger und achtziger Jahre gestanden, ja, man kann "König der Hirsche" durchaus als Hommage an sie verstehen, obwohl sich Moskov die Unterstellung einer direkte Entlehnung verbeten würde. Dazu sind doch zu viele eigene Ideen eingeflossen und ist sein eigener Stolz zu groß. Hervorzuheben sind auch die Kostüme von Svila Velichkova, die eine groteske Mischung aus der Commedia dell´Arte, modernem Varieté und Kindertheater darstellen. Ein König mit Papierkrone und ein Zauberer mit gruseligem Gewand passen hier genauso hin wie ein Minister (Tartaglia) mit einem schwarz-weißen Conferencier-Kostüm. Besonders effektvoll auch die Verwendung der Leinwand als Figurenrahmen - nur Kopf, Arme und vermeintliche Füße ragen heraus - oder als Fernseher mit durchgezapptem Programm dahinter. Das achtköpfige Ensemble spielte sich geradezu in einen Rausch hinein. Stellvertretend sei hier Hubert Schlemmer zu nennen, der als intriganter Minister Tartaglia die Hauptlast der Aufführung und daneben noch einige andere Rollen zu schultern hatte. Doch die anderen Darsteller standen ihm in nichts nach, so Gabriele Drechsel, Britta Hübel und Karin Klein in wechselnden Frauenrollen und Matthias Fuchs (Deramo), Phillip Hunscha, Leander Lichti und Gerd K. Wölfle, die ebenfalls die unterschiedlichsten Rollen besetzen mussten. Das gesamte Ensemble griff wie ein Zahnradwerk exakt ineinander und bewahrte dabei doch eine erstaunliche Leichtigkeit, die an spontane Improvisation denken ließ. Das Publikum war von diesem Saisonauftakt begeistert und zeigte dies auch durch lang anhaltenden Beifall und spontane "Beifallsrufe". Die vom Ensemble im Vorspann angebotene Variante, Missfallen durch lautstarke Skandierung des Namen des US-Präsidenten unter Wegfall der letzten beiden Buchstaben zu äußern - also "Nix, Nix" - wurde nicht wahrgenommen. Alle Bilder © Barbara Aumüller |