| Voyeurismus als künstlerische Annäherung |
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Theatergruppe "Peeping Tom" mit "Le Jardin" im Frankfurter Mouson-Turm |
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Das
klassische Autoren-Theater versucht, einen vorgegebenen Text
in eine konsistente und glaubwürdige Darstellung umzusetzen.
Dabei bemüht sich der Autor üblicherweise - ob mit oder
ohne Erfolg sei dahingestellt -, eine geschlossene
Geschichte mit einer nachvollziehbaren Entwicklung von
Handlung und Charakteren zu erzählen. Der
"klassische" Regisseur sitzt zwischen Autor und
Darstellern und zwingt nicht selten beiden Seiten eine
Interpretation auf, die nicht unbedingt in derem Sinne sein
muss. Neuere, alternative Theaterkonzepte gehen direkt von
den darstellenden Personen aus, das heißt, diese Franck Chartier und Gabriela Carrizo "Le Jardin" besteht aus zwei Teilen, einem Film und einer Choreographie für drei Darsteller. Der Film wurde in der Brüsseler Nachtbar "Le Numero Uno" afrikanischen Ursprungs gedreht. Diese Bar ist am Rande der "normalen" Gesellschaft angesiedelt und bietet afrikanische Musik und die Möglichkeiten verschiedener erotischer Erlebnisse, wenn diese auch nicht in dem selben Maße in den Vordergrund gestellt werden wie in "professionellen" Nachtclubs. Hier treffen sich Menschen abseits des "Mainstreams", so die bereits etwas abgelebte Besitzerin mit ihrem dekadenten Chihuahua-Hündchen, die bildhübsche junge Harfenspielerin, die auch noch andere Dienstleistungen erbringen muss, der sich in Pseudo-Philosophie ergehende junge Dauergast, die verkrachte Künstlerin und der schleimige, ältere Lebemann. Die Figuren sind teilweise "echte" Mitglieder dieser Parallelwelt, teilweise werden sie wie von "Peeping Tom"-Darstellern gespielt. Hier gehen Realität und Fiktion fließend ineinander über, wobei sich die Darsteller nahtlos in das Ambiente einfügen und die "realen" Personen auch ein Stück zu Darstellern ihrer selbst werden.
Mitten in diese außerhalb des üblichen bürgerlichen Rahmens existierenden und agierenden Personen hat "Peeping Tom" die kleinwüchsige Rika Esser gestellt. Rika Esser erreicht bei einem Alter von etwa 30 Jahren die Größe eines achtjährigen Kindes und muss sich im täglichen Leben nicht nur mit den abstrusesten Reaktionen ihrer Mitmenschen - die reichen von Belustigung bis zu Aggression - herumschlagen, sondern ist auch permanent mit den rein physischen Problemen ihres Kleinwuchses konfrontiert. So stellen selbst kleine Hunde große Hindernisse und Anlässe für berechtigte Ängste dar, von großen ganz zu schweigen. Rika Esser konnte auf den Film selbst intensiven Einfluss nehmen und thematisiert dort auch den voyeuristischen Druck, dem sie als ein aus der Sicht der Allgemeinheit behinderter Mensch permanent ausgesetzt ist. Der Film verdeutlicht dies sehr eindringlich, wenn der ältere Barbesucher, dargestellt von Simon Versnel, sie in einer Art überschäumender Zuneigung wie ein geliebtes Spielzeug behandelt und sie dabei wie ein Kleinkind unablässig hochhebt, abküsst und herumträgt. Dem Zuschauer geht die nötigende Situation zunehmend unter die Haut, sieht er doch dabei immer auch ein Stück von sich selbst in beiden Protagonisten dieser peinlichen Szene.
Die Barszenen sind lose aneinandergefügt, es gibt hier keine sich entwickelnde Handlung. Die einzelnen Personen werden in ihrer Kommunikation untereinander, in ihren Monologen, ihren gestanzten Lebensweisheiten und in ihrer Flucht vor der Einsamkeit ohne jegliche Ironie oder Kritik portraitiert und gewinnen gerade durch diesen realitätsnahen Auftritt besondere Prägnanz. Das Ende des Films führt die Darstellerin Gabriela Carrizo durch einen schäbigen Gang hinaus, der immer wieder zum Brennpunkt des Films wurde und jetzt zum zweiten Teils überleitet.Die Bühne zeigt einen wohl abgezirkelten Garten, der durch hohe Hecken von der Nachbarschaft abgeschottet ist. Man sieht sofort, dass hier im Gegensatz zu dem Nachtclub alles in (vermeintlicher) Ordnung ist. Doch dieser Schein trügt. Drei Menschen betreten die dunkle Bühne: ein jüngeres Paar (Gabriela Carozzi und Franck Chartier, die auch im "richtigen" Leben ein Paar sind) und ein nackter, älterer Mann. Die Frau leuchtet umherwandernd die Bühne mit einer Taschenlampe aus, "entdeckt" schließlich den nur mit einem Feigenblatt bedeckten Mann, der sich in der Folge als Wasserspeier betätigt. Der junge Mann beginnt mit ausgiebigen akrobatischen Bewegungen über den gesamten Bühnenboden hinweg, und der Alte setzt sich schließlich an den Bühnenrand und erzählt dem Publikum, was er einmal alles besessen hat: Geliebte - weiblich und männlich-, Häuser, Autos, Kleidung und Schmuck; nichts ist ihm von alldem geblieben, er ist reduziert auf seine nackte Existenz. Eine Kommunikation mit den beiden jungen Menschen neben ihm findet nicht statt. Diese beginnen viel mehr umeinander zu kreisen, aneinandergekettet durch die Erotik, aber immer wieder voneinander wegstrebend. Die erotische Bindung beginnt zu erodieren, Streit und Hass nehmen zwischen ihnen überhand.
Das Ganze stellen die beiden mit eindringlichen Tanzfiguren dar, die immer wieder Überraschungen aufweisen und von hoher Perfektion sind. Den Alten beachten sie, wenn überhaupt, nur noch als bemitleidenswertes Geschöpf, und dieser reagiert auf Geschenke des jungen Mannes - ein Buch und eine CD - mit der von Dankesworten begleiteten Zerstörung derselben. Die abgewirtschaftete Gesellschaft tritt schließlich sogar die Kultur mit Füßen; eine deutliche Metapher. Und neben dieser dem Ende entgegen torkelnden Gestalt tanzt eine nur scheinbar junge Nachfolge-Generation um das goldene Kalb einer egozentrischen Selbstdarstellung. Gabriela Carrrizo erscheint plötzlich als die Sängerin aus dem Film, mit blonder Perücke und hautengem Kleid, gibt sich sexy und männermordend, und als lebensgroße, liegende Pappfigur beobachtet Rika Esser - ein weiteres Verbindungsstück zu dem vorangegangenen Film - das Treiben der drei in ihrem Paradiesgarten Ausgestoßenen. Am Ende stehen alle drei beziehungs- und illusionslos nebeneinander, der Garten hat sich nicht als das ersehnte Paradies erwiesen, und die Situation scheint in eine ausweglose Zukunft zu weisen.
Der Gruppe "Peeping Tom" ist mit "Le Jardin" eine eindrucksvolle Produktion gelungen. Vor allem der Film lebt von der Eindringlichkeit der Figuren und Szenen, die gerade durch den Verzicht auf eine vordergründige Aussage ihre Wirkung entfalten. Zwar ist der Übergang zu der Gartenszene nicht ganz nachvollziehbar (in der ursprünglichen Version führte der Gang aus der Bar wohl in einen Garten), aber aus der Distanz schält sich die Beziehung zwischen den beiden Teilen heraus. Wo das scheinbare Chaos der menschlichen Beziehungen in der Nachtwelt zumindest Authentizität entfaltet, bleibt die Gartengesellschaft einer monologischen Leere verhaftet. Damit heben sich die Begriffe "normal" und "unnormal" gegenseitig auf, Zuweisungen relativieren sich und im Nachhinein erscheint die Welt des Nachtclubs wärmer und menschenfreundlicher als der "Garten Eden" der Bürgerlichkeit. Das Stück lief im Frankfurter Mouson-Turm nur am 18. und 19. Februar und wird im Anschluss nach Rom weiter gehen. Schade, dass nur wenige Zuschauer den Weg zu dieser Aufführung fanden. Die Truppe hätte wirklich besseren Zuspruch verdient gehabt. |