Kabarettistisches Schnellfeuer eines "Einhand"-Fahrers

Martin Buchholz mit seinem Programm "Kotzalledem" bei den Berliner "Wühlmäusen"

 

In Seefahrtskreisen nennt man Einzelkämpfer, die ganz allein ein Segelboot über einen Ozean oder gar um die Welt steuern, "Einhand-Segler", und das mit hohem Respekt, da dieses Unterfangen Ausdauer, Erfahrung und Geistesgegenwart erfordert. Die gleichen Anforderungen gelten auch für Kabarettisten, die ganz alleine ein mehrstündiges Programm vor ausverkauftem Hause präsentieren, ohne das Publikum einen einzigen Moment zu langweilen oder sich in Gemeinplätzen zu ergehen. Martin Buchholz, der Generation der 68er zugehörig, ist zu dieser Spezies zu zählen, und gegenwärtig unterhält er das Berliner - und das zugereiste - Publikum mit seinem Programm "Kotzalledem", das den sinnigen Untertitel "würgliches Kabarett" trägt.

Seine Requisiten bestehen lediglich aus einem kleinen Stehtisch und einem Glas Wasser; den Rest kreiert Buchholz aus den lokalen und globalen politischen Ereignissen. Da ihm kein Dialogpartner zur Verfügung steht, muss er sich seine Stichwörter selber geben, und das gelingt ihm mit schlafwandlerischer Sicherheit. So hangelt er sich mit Leichtigkeit durch das gesamte bundesrepublikanische Politik- und Wirtschaftspersonal, verweilt längere Zeit mit gepflegter Hassliebe bei Berlins Oberbürgermeister Wowereit, dann bei dessen "´Bruder im Geiste" Westerwelle, wagt von dort den Absprung zu Angela Merkel, dem beliebten Satireobjekt vor allem für Männer, kommt dann über deren bayerischen Parallelgesellschaft zum Bundespräsidenten und landet - wie soll es anders sein zwei Tage vor dem ominösen Datum 1.1.2005 - bei Hartz IV. Dass bei dieser "Tour d´Horizon" noch einige andere ihr "Fett wegkriegen", versteht sich von selbst. Dabei überrascht Buchholz immer wieder mit lässig hingeworfenen Wortspielen, die auch mal an der Grenze zum Kalauer kratzen. Aber sei´s drum: der mäßig eingesetzte Kalauer gehört zum Kabarett, sorgt er doch für kurzfristiges Aufatmen bei dem intellektuell gestressten Publikum, das aufpassen muss, alle die in Monaten detaillierter Kleinarbeit kreierten und scheinbar spontan hingeworfenen Pointen in Sekundenschnelle zu verdauen. Da ist man für den leicht verständlichen Kalauer dankbar, vor allem, da er ein Gefühl intellektueller Überlegenheit erzeugt.....

Mit Genuss verliest Buchholz Kritiken führender Zeitungen über sein Programm und seine Auftritte. Und die - wohl zutreffende - Feststellung, er trage vor dem falschen - weil begeisterten - Publikum vor, nutzt er nicht nur für kabarettistische Angriffe auf das anwesende Publikum sondern auch zu einem Geständnis über einen großartig gescheiterten Auftritt, das wir hier aber nicht enthüllen wollen.

Ein Musiker würde die Darbietung am ehesten mit einer Kadenz vergleichen, bei der ein Solist virtuos in schneller Folge durch unterschiedliche Tonarten eilt und deren jeweiligen Eigenarten schlaglichtartig herausarbeitet. Und der politischen "Tonarten" sind heutzutage gar viele. Sie hier im Einzelnen mit all ihren Pointen wiederzugeben, ist nicht nur unmöglich, sondern auch nicht sinnvoll; schließlich wollen wir der Überraschungseffekt nicht rauben. Doch neben der nationalen Politikprominenz kommt auch das "plebs communis", sprich der "jammernde Ossi" und der "wimmernde Wessi", der gerne auf hohem Niveau klagt, unters kabarettistische Messer. Und natürlich darf auch George W. Bush mit seiner Entourage nicht fehlen, dies allerdings eher eine etwas schwächere Passage der Darbietung. Als besonders erheiternd und auch pointiert erweist sich dann das Märchen von "Hansl und Gertl", die beide in den dunklen Wald gehen, weil dort angeblich unerlaubt ein Lebkuchenhaus erbaut wurde, das man abkassieren könnte. Doch dort treffen sie eine gar garstige Hexe, die sie prompt in die "Röhre" schiebt....Buchholz zelebriert dieses Grimmsche Märchen in modernem Gewande mit der Pose des Märchenerzählers, der vor kleinen Kindern auftritt, und erntet für diese groteske Verfremdung der aktuellen politischen Landschaft entsprechende Lacher und Beifall.

Freunden des politischen Kabaretts sei dieses Programm wärmstens ans Herz gelegt, weniger wegen unkonventioneller Themen oder Sichtweisen, sondern wegen der staunenswerten Eloquenz und Präsenz von Martin Buchholz und seinem Gespür für Wortspiele. Das Programm läuft noch bis zum April 2005.

Weitere Informationen über:

www.martin-buchholz.de

Frank Raudszus