Entfesselte Bewegungsstudie über Macht und Gewalt

Staatstheater Darmstadt bringt Shakespeares "Macbeth" als TanzTheater

 

Mit ihrer ersten Produktion am Staatstheater Darmstadt, Lorcas "Das Haus der Bernarda Alba", hatte Mei-Hong Lin, die neue Leiterin des Darmstädter TanzTheaters, einhellig Lob geerntet. Einem allgemeinen Trend folgend, hatte sie damals eine "theatralische" Vorlage gewählt und die Handlung so transparent wie eindrucksvoll in Bewegungsabläufe umgesetzt. In ihrer zweiten Choreographie hat sie sich nichts Geringeres als Shakespeares "Macbeth" vorgenommen, der in der Theaterform vor zwei Jahren in Darmstadt zu sehen war. In diesem Stück steht das archaische Wechselspiel von Machtgier, Mord, Schuld, Gewissen und Wahnsinn im Vordergrund, also eigentlich ein Gemenge, das sich vorzüglich in Bewegungen umsetzen ließe. Mei-Hong Lin hat jedoch darauf verzichtet, die Handlung nachvollziehbar zu erzählen, und konzentriert sich in ihrer Choreographie ganz auf die emotionellen und triebhaften Beziehungen der Protagonisten. Wer den "Macbeth" nicht kennt,. wird die Handlung kaum verstehen, und selbst der Kenner dieses Stücks wird die bekannten Handlungsstrukturen nur in Ansätzen wieder erkennen. Dieser Verzicht auf eine fortschreitende Erzählung mit deutlich erkennbaren Rollen und Ereignissen verleiht dem Stück eine gewisse Statik, obwohl sowohl die Musik als auch die Choreografie vor Tempo und Expressivität nur so strotzen. 

Denis Puzanov (Macbeth), Mónica Gacia Garcia (Lady Macbeth)

Mei-Hong Lin setzt Macbeth zu Beginn in eine Badewanne, die mitten in einem weiträumigen, rot-schwarz ausgeschlagenen Bühnenraum steht. Auf den Wänden stehen in roten Buchstaben Worte wie "Hell and Heaven", "Blood", "Murder", "Prophecy" und ähnliche an Mord und Gewalt anklingende Begriffe. Die drei Hexen kommen hier als putzsüchtige Frauen in orangeroten Kleidern daher, die sich in jeder freien Sekunde vor dem Spiegel betrachten und ihr Aussehen vervollkommnen. Sie überfallen den badenden Macbeth geradezu, um ihn in nahezu erotischer Weise zu waschen und zu schrubben. Im Gegensatz zu Shakespeare bleiben die Hexen während der gesamten Aufführung auf der Bühne und prägen den Ablauf entscheidend mit.

Viel Zeit räumt Mei-Hong Lin Lady Macbeth ein, in der zweiten Premiere gespielt von der Spanierin Monica Garcia Garcia. Die geradezu krankhafte Machtgier dieser Frau, gepaart mit einer kalkulierten erotischen Ausstrahlung und einem eisernen Willen, lässt verstehen, warum der anfangs zögerliche Macbeth Wachs in ihren Händen ist. In Sekundenbruchteilen kann ihre Härte umschlagen in katzenhafte Erotik, wenn sie spürt, dass Ihr Mann ihr nicht mehr in ihren Plänen folgen will. Und wie Frauen zu allen Zeiten ködert sie ihn erfolgreich mit diesem probaten Mittel.

Denis Puzanov (Macbeth)

Während der Mord an König Duncan dank des hohen Symbolwertes eines Dolches noch nachvollziehbar ist, obwohl das Opfer selbst nicht zusehen ist, bleibt die weitere Handlung im Dunklen. Dass es um weitere Morde und allgemein Gewalt geht, ist nicht zu verkennen, aber die Verbindung zu Shakespeares Stück wird hier immer dünner. So gewinnt in dieser Choreographie der Hofstaat eine größere Bedeutung als bei Shakespeare vorgesehen. Die Gesellschaft wirkt wie ein Spiegel auf das mörderische Ehepaar, das jetzt zwar Königspaar, aber auch auf dem Weg ins Verderben ist. Lady Macbeth nähert sich zunehmend dem Wahnsinn, um sich am Ende das Leben zu nehmen. Macbeth sieht sich von den Folgen der bösen Taten - er musste noch die Mittäter ausschalten - verfolgt wie von den Erinnyen. Die expressive Musik und die schrillen, immer wieder anschwellenden Stimmen der Gesellschaft lassen ihm nahezu den Kopf platzen. In diesen Szenen kommen die Last der Schuld und die Angst vor der Entdeckung in geradezu schmerzlicher Weise zum Ausdruck. Das Geschehen am Hof beginnt aus den Fugen zu geraten. Drei Männer vergewaltigen eine Frau und morden deren Freund, eine Szene, die so bei Macbeth nicht vorkommt, die aber in das Bild der schrankenlosen Gewalt passt. Verzweifelt aber chancenlos wehrt sich die junge Frau, bis sie tot niedersinkt. In anderen Szenen gruppiert sich die Gesellschaft zu Standbildern, wie im "Daumenkino" bewegen sie ruckartig Köpfe und Gliedmaßen, sie reden mal schnatternd mal schimpfend aufeinander ein, um im nächsten Moment wieder auseinander zu stieben. Am Schluss nähert sich die gesamte Gesellschaft unter einem wellenartig sich vorwölbenden Gazevorhang dem allein stehenden Macbeth, so den Wald von Birnam darstellend, und Macbeth fällt im Kampf. So findet die Handlung am Schluss wieder zu Shakespeare zurück und gewährt dem Zuschauer einen gewissen Wiedererkennungseffekt. 

Hsin-I Huang, Dácil Gonzales Ruiz, An-Chi Tsao (Hexen)

Die Musik spielt in dieser Choreographie eine tragende Rolle. Im Mittelpunkt stehen immer wieder Schostakowitschs Jazz-Suiten Nr. 1 und 2, die dem Stück einen seltsam beschwingten, geradezu hintersinnig leichten Charakter verleihen. Gewalt wird hier - nur scheinbar harmlos - mit schwungvoll-schmissiger Musik serviert, doch gerade dieser Gegensatz lässt frösteln. Daneben kommen verschiedene Filmmusiken aus den letzten zwanzig, dreißig Jahren und moderne Kammermusik des Kronosquartetts zu Gehör. Die Musik ist dabei der jeweiligen Befindlichkeit der Protagonisten sorgfältig angepasst, sieht man einmal von der bewusst als Kontrast gewählten Musik Schostakowitschs ab.

Das Ensemble muss in dieser Choreographie Schwerstarbeit verrichten. Kaum eine Minute der Ruhe auf der Bühne, dazu schreien und flüstern die Stimmen des Gewissens den Mördern zu scharf in die Ohren. Dieser Musik entspricht ein Bewegungsablauf, der bisweilen in Raserei ausartet. Und kaum ist ein Höhepunkt der Aggression oder der Gewalt verklungen, kündigt sich leise aber anschwellend der nächste aus einer anderen Ecke an. Dazu nutzt das Ensemble, über zwanzig an der Zahl, die volle Breite und Tiefe der Bühne und lotet die akustischen Möglichkeiten des Raums aus. Ein fünfundsiebzig Minuten langer Albtraum der Gewalt und der Machtgier lässt die Zuschauer nicht aus seinen Fängen, und als sich das Gazetuch über Macbeths Leiche legt, benötigt das Publikum einige Zeit, um sich wieder zu sammeln.

Bevor man einzelne Darsteller hervorhebt, ist die großartige Ensembleleistung zu würdigen, die wie aus einem Guss wirkte. Trotz hoher körperlicher Anforderungen wirkten die Bewegungen immer flüssig und aus einem tänzerischen Konzept geboren. Gewalt und Machtausübung sind durchaus mit ästhetischer Darstellung kompatibel, was sich schon allein daraus erklärt, dass diese beiden Grundpfeiler der menschlichen Existenz schon immer auch eine ästhetische Faszination ausgeübt haben. Nur falsche "political correctness" kann diesen Sachverhalt leugnen. An einzelnen Tänzern sind Monica Garcia Garcia hervorzuheben, die eine geradezu dämonische und trotzdem weibliche Lady Macbeth auf die Bühne brachte, sowie Denis Puzanov, der seine stärksten Szenen immer dann hatte, wenn er nicht im Schatten der "Lady" stand.

Das Publikum der zweiten Premiere zeigte sich geradezu begeistert, geizte nicht mit Bravo-Rufen und ließ das Ensemble ein ums andere Mal an die Rampe treten und den verdienten Beifall entgegennehmen. Dieser Beifall erstreckte sich auch auf die Choreographen, obwohl hier doch einschränkend auf die mangelnde Transparenz der Handlung und die damit einhergehende "Eindimensionalität" der Choreographie hinzuweisen ist.

Weitere Aufführungen finden am 8., 16., 20. und 22. April statt, jeweils um 19.30 Uhr.

Alle Fotos © Barbara Aumüller