Apokalypse mit aktuellen (US-)Aspekten 

Inszenierungen dieses Autors:

 

Brecht/Weills Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" in Darmstadt

 

Nun ja- Brecht, der "böse Bube" der 20er (und der 50er!) Jahre, er ist immer wieder für Irritationen und Diskussionen gut. Obwohl für viele Literaturkritiker der "Lack etwas ab" ist und man sein episches Theater für überholt hält. Wie dem auch sei, in "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" zeigte er dem Opernpublikum der 20er Jahre noch einmal die Zähne, bevor er sich notgedrungen in die USA absetzen musste. Daher haben die kleinen USA-Apercus dieser Inszenierung, auf die wir später noch zu sprechen kommen, einen gewissen ironischen Aspekt. Das Land, das beide Autoren in der Not aufnahm, vor den Nationalsozialisten schützte und ihnen sogar freie Betätigung erlaubte, war vorher und nachher liebstes Angriffsobjekt (man muss kein USA-Fan sein, um das festzustellen).

Jim Mahoney hält eine Rede

Zur Sache: in "Mahagonny" - so wollen wir die Oper im Folgenden verkürzt titulieren - gründen die Witwe Begbig und ihre Kumpanen Fatty, Dreieinigkeitsmoses und Jim Mahoney auf der Flucht vor der Polizei die Stadt Mahagonny, um dort den Goldgräbern das Geld aus den Taschen zu ziehen. Da in der Stadt angesichts eines herannahenden Hurrikans nichts los ist und die Preise stetig fallen, verfällt Jim auf die Idee, alle Verbote aufzuheben und künftig in Mahagonny alles zu erlauben. In kurzer Zeit entwickelt sich die Stadt - auch nachdem der Hurrikan vorbeigezogen ist - zu einem wahren Sodom und Gomorrha, wo Raub, Mord, Vergewaltigung an der Tagesordnung sind. Nur eine Sünde wird mit schwersten Strafen belegt: kein Geld zum Bezahlen zu haben. Und so wendet die sich aufschaukelnde gesellschaftliche Apokalypse am Ende gegen ihre Gründer. Als Jim seine Orgien nicht bezahlen kann, wird er vor das Zerrbild eines Gerichts gezerrt, das ihn für diese Verfehlung mit dem Tode bestraft. Er selbst nimmt das Urteil gelassen entgegen, hat er doch diese Entwicklung im Stillen vorhergesehen und verlässt eine Welt, in der er ohne Geld so oder so umgekommen wäre.

Die Orgien in Mahagonny - in der Mitte Jim Mahoney

Die Botschaft von Brecht/Weill ist eindeutig: in der Welt (der 20er Jahre) regiert der schrankenlose (US-)Kapitalismus, in dem nur der Besitz von Geld zählt. Mit Geld ist alles erlaubt, vor allem die käufliche Liebe. Und so gibt es in diesem Stück auch außer der gnadenlosen Witwe Begbick keine "normalen" Frauen, sondern nur Prostituierte, die sich den Männern - hier im "Business-Dress" und mit Laptop bewaffnet - für harte Währung anbieten. Jenny bildet insofern eine Ausnahme, als sie sich schon frühzeitig mit Jim einlässt und mit ihm so etwas wie eine Beziehung eingeht. Doch die zeigt sich am Ende ebenfalls eine reine Geschäftsbeziehung, als Jenny nicht bereit ist, für Jims Schulden einzustehen. Dafür singt sie "denn wie man sich bettet, so liegt man" - selbst schuld. Und während sie noch dem zum Tode verurteilten Jim schöne Worte nachruft, knüpft sie bereits Augen- und dann direkten Kontakt zu einem neuen Liebhaber. Im Gegensatz zur Dreigroschenoper verzichten Brecht/Weill hier auf eine eingängige, will sagen spannende Handlung. Während Macky Messer noch ein Krimineller alter Schule in einem Halbwelt-Milieu ist, bestimmte Charakterzüge aufweist, mit konkreten Verbrechen aufwartet und mit entsprechender Verfolgung rechnen muss, gibt es in "Mahagonny" keine solche Entwicklung von Handlungselementen oder Charakteren. Auch die Liebesbeziehung aus der Dreigroschenoper ist zu einer rein geschäftsmäßigen Sexualbeziehung degeneriert. Alles ist längst gelaufen, der Kapitalismus hat alles fest im Griff, die Menschen vegetieren nur noch unter seinen Gesetzen dahin und bringen sich in einer apokalyptischen Agonie gegenseitig um. Das macht diese Oper so erschreckend und beklemmend.

Das "epische Theater", von Brecht und Weill kreiert, findet hier seine ureigenste Form. Es wird nur noch erzählt und beschreiben, keine Pseudo-Konflikte werden dramatisch aufgebaut und dann in welcher Form auch immer gelöst - wie im klassischen Theater; gesellschaftliche Einzelprobleme gibt es nicht mehr, die Gesellschaft ist selbst das Problem, und der Versuch einer Individualisierung von Konflikten ist als pure Naivität zu verstehen. Doch die bloße Beschreibung der Zustände und Verhältnisse entwickelt natürlich eine wesentlich größere Sprengkraft als die klassischen Theaterkonflikte. Weill verstärkt durch seine kompromisslose Musik die Wirkung, er verzichtet weitgehend auf eingängige Songs und harmonische Zugeständnisse. Selbst die Erkennungsthemen wie "der Mond von Alabama" oder "denn wie man sich bettet...." kommen eher sperrig zum Ausdruck als dass sie einen "Aha-Effekt" auslösen oder gar zum Mitsummen anregen. Ganz bewusst verweigern die Autoren dem Publikum den klassischen Operngenuss mit "schönen Stimmen". Weill arbeitet viel mit Blechbläsern, Schlagzeug und allem, was harte musikalische Konturen zeichnet. Der grelle und teilweise dissonante Klang prägt das musikalische Profil und ist damit deckungsgleich mit dem Geschehen auf der Bühne.

Jim Mahoney angekettet im Gefängnis

Regisseur Philipp Kochheim stand vor einem weiteren Problem: viele der Brecht/Weillschen Aufführungstechniken galten damals als provokant, sind heute aber bereits in das Standard-Repertoire eingegangen. Um der ursprünglichen Absicht einer "Provokation" gerecht zu werden - schließlich kann man heute nicht mal so "Mahagonny" zur Erbauung des Abonnementspublikums abspulen -, musste er auf Verschärfung und Aktualisierung setzen. Die Verschärfung gelingt ihm mit drastischen Szenen von Mord und sexueller Ausschweifung, die Aktualisierung ergibt sich aus den weltpolitischen Ereignissen der letzten Monate. Da bietet sich der fiktive Ort der Handlung in den USA ideal für offene und versteckte Anspielungen an. So hält Jim eine Rede von einem Stehpult, das direkt aus dem Presseraum der US-Regierung entwendet zu sein scheint, und Witwe Begbick im Hintergrund sieht mit weißem Haar und Brille aus wie Dick Cheney, die graue Eminenz des Weißen Hauses. Der zum Tode verurteilte Jim wird in einen orangen Overall gezwängt und an ein Metallgitter gekettet - Guantanamo lässt grüßen - und anschließend fotografieren sich die Wärter gegenseitig mit einem entwürdigten und mit der US-Flagge drapierten Jim - siehe Abu Ghoreib. Während der Orgien wird einer von Begbicks Kumpanen von zwei Mädchen in einschlägigen Kostümen so lange mit Fast Food gefüttert, bis er sich dauererbricht und über der Kloschüssel stirbt. Mitten in das abschließende Tribunal schleicht eine dicke Figur mit schäbiger Kleidung, Baseball-Kappe und Filmkamera auf die Bühne und nimmt alles auf, was er sieht. Michael Moore ist allgegenwärtig.

 

Jim auf dem Elektrischen Stuhl neben der der Witwe Begbick

Kochheim setzt diese Akzente gezielt und nie mit dem Holzhammer, ja, er überlässt dem Zuschauer das Erkennen der Anspielung und nimmt durch die Kürze mancher Szenen in Kauf, dass nicht alle Gags sofort erkannt werden. Dadurch gewinnt die Inszenierung sowohl an Tempo als auch an Glaubwürdigkeit, denn die Versuchung ist durchaus da, zu dick aufzutragen. Hierunter fällt das Transparent mit der Aufschrift "Another four Years" und Bushs Webadresse. Dies bot sich am Tage nach der Wahl (der Rezensent sah die Aufführung am 4.11.) zwar an, war aber ein wenig platt. Das Bühnenbild von Thomas Gruber ist geprägt durch eine grüngelbes Gittermuster, das sich über Bühnenrückwand und die Seitenwände erstreckt und wohl Hochhausfassaden symbolisieren soll. Im Hintergrund sieht man eine große Schalttafel, die sowohl für Computer als auch für die Börse stehen kann; Witwe Begbick regiert ihr apokalyptisches Imperium von einem großen Bildschirm aus. Die Kostüme von Bernhard Hülfenhaus liefern noch eine weitere Anspielung: die Helfer der Witwe Begbick sind veritable Kopien der Männer aus "Matrix", mit Sonnenbrillen und schwarzen Anzügen, und mitten unter ihnen sogar ein Double von Keanu Reeves. Die Männer (des Chors) sind durchweg in einheitliche Geschäftsanzüge gehüllt, die Damen in die Einschlägigen Kostümierungen des horizontalen Gewerbes, mit Ausnahme von Jenny (rotes Business-Kostüm) und der Begbick (strenger Hosenanzug mit Fliege - siehe Cheney).

 

Die Darsteller boten durchweg ansprechende Leistungen, vor allem Mary Anne Kruger als Jenny und Kor-Jan Dusseljee als Jim Mahoney, aber auch Elisabeth Hornung als Witwe Begbick und Hans-Joachim Porcher als Dreieinigkeitsmoses. Die anderen Darsteller fielen dagegen nicht unbedingt ab, konnten aber aufgrund ihrer Rollen kein eigenes Profil entwickeln. Etwas irritierend waren vor allem bei Mary-Anne Kruger und Kor-Jan Dusseljee die künstlerische Ausgestaltung mancher Gesangspartien. Dadurch wirkten manche technisch perfekt gesungenen Passagen wie Einsprengsel aus einer klassischen Oper. Ein eher chansongemäßer Gesangsstil hätte der Inszenierung wohl besser angestanden.

Hervorzuheben ist auch das Orchester unter der Leitung von Raoul Grüneis, das mit der sicherlich nicht einfachen Partitur glänzend zurechtkam und eine kompromisslose Musik mit harten Konturen beisteuerte. Der einzige Wermutstropfen bei dieser Inszenierung war die schlechte Verständlichkeit der Sänger, teilweise bedingt durch die Musik der Orchesters, teilweise durch zu künstlerischen Gesang (siehe oben), teilweise durch die Anlage dieser Oper, die wesentlich weniger reine Sprechphasen aufweist als zum Beispiel die Dreigroschenoper.

Dennoch war das Publikum mehr als zufrieden und dankte allen Beteiligten mit langem Beifall; für das Orchester gab es sogar extra starken Applaus und einige Bravos.

Alle Bilder © Barbara Aumüller