Bitterböse Komödie (?) über Macht und Missbrauch

Shakespeares "Maß für Maß" in den Kammerspielen Darmstadt

 

Der Begriff "Komödie" führt bisweilen in die Irre - besonders bei Shakespeare. Wer die Einordnung von "Maß für Maß" in diese Kategorie wörtlich nimmt und darunter Erheiterndes versteht und erwartet, sieht sich bald getäuscht, vor allem in dieser Inszenierung der messerscharfen Satire auf Machtmissbrauch und Intrigenwirtschaft. Zwar erfüllt sich auch hier die Vorgabe der Komödie, dass alles gut ausgehe, doch das "happy end" versteht sich hier nur als Tünche über den wahren Verhältnissen.
Die Handlung ist einfach und komplex zugleich. Einfach, weil uralte menschliche Schwächen verhandelt werden, komplex, weil eine Reihe von sich gegenseitig aufhebenden Handlungssträngen ineinander verwoben sind.

Till Sterzenberg (Herzog) und Klaus Ziemann (Bruder Thomas)

Der Herzog verlässt Wien - warum die Bewohner dieser Stadt italienische Namen tragen, bleibt unerfindlich - für eine kurze Weile wegen angeblicher auswärtiger Staatsgeschäfte und übergibt die Verantwortung mit voller Handlungsvollmacht seinem Stellvertreter Angelo. In Wahrheit will der Herzog eine Revitalisierung der Gesetze einleiten, die unter seiner Herrschaft sehr lax gehandhabt wurden, die er aber glaubwürdig nicht mehr durchsetzen zu können glaubt. Da kommt der asketische und sittenstrenge Angelo gerade recht. Kaum ist der Herzog abgereist, wirft Angelo auch schon den jungen Claudio ins Gefängnis, da dieser seine Freundin geschwängert hat, worauf wegen fehlenden Ehestandes die Todesstrafe steht. Die gesamte Umgebung des Hofes einschließlich des Ministers Escalus und des Kerkermeisters ist fassungslos, aber Angelo bleibt hart und verfügt die Vollstreckung für den nächsten Morgen. Als Claudios Schwester Isabella für ihn bittet, ändert Angelo seine Meinung erst nach einem längeren Gespräch mit der angehenden Nonne und bietet ihr Claudios Leben gegen ihre Jungfernschaft. Die junge Novizin weist diese Entehrung brüsk von sich und bleibt auch im Gespräch mit ihrem flehenden Bruder standhaft. Besser er stirbt als sein Leben der Entehrung seiner Schwester zu verdanken und damit selbst in Unehre zu verfallen.

Julia Glasewald (Isabella) und Martin Maria Eschenbach (Angelo)   

Hier könnte das Stück als Tragödie enden, doch Shakespeare bringt den Herzog als "deus ex machina" wieder ins Spiel. Als Pater verkleidet, wollte er eigentlich die Meinung seines Volkes kennen lernen und wird nun gleich zum Beichtvater des Delinquenten und damit zum Mitwisser der Ereignisse. Doch anstatt seine Autorität als Herzog zu reinstallieren, beschließt er, mit List allen Beteiligten eine Lehre zu erteilen. Isabella überredet er, den schändlichen Handel zu akzeptieren, aber an ihrer Stelle die ehemalige Verlobte Angelos zum nächtlichen Stelldichein im Dunklen zu schicken. Den Kerkermeister überredet er - immer noch als einfacher Mönch - dazu, Claudio vorerst zu verschonen und einen anderen Gefangenen stattdessen hinzurichten. Als jedoch nach dem nächtlichen Stelldichein von Angelo und der vermeintlichen Isabelle statt einer Begnadigung die Verfügung einer sofortigen Hinrichtung Claudios eintrifft, wird Angelos doppelter Betrug sichtbar. Doch der Kopf eines zufällig verstorbenen Gefangenen hält als Beweis für die angebliche Hinrichtung Claudios her und ermöglicht die finale Abrechnung, ohne lebende Köpfe rollen zu lassen. In einer - vom Herzog sorgfältig inszenierten - Verhandlung wird der angebliche Mönch vor ein Tribunal gezerrt, vom intriganten Lucio übelst verleumdet, vom Gericht unter dem Vorsitz von Angelo und Escalus heftig attackiert und schließlich ausgerechnet vom tratschsüchtigen Lucio als der Herzog "entlarvt". Entsetzt erkennen alle, dass der Herzog alles gewusst hat, erstarren in Schuldbewusstsein und lassen dessen - weises -Gericht über sich ergehen. Angelo muss sich dasselbe Vergehen wie Claudio selbst anrechnen und dazu den vermeintlichen Tod von Claudio und muss mit der einst verlassenen Mariana die Ehe eingehen. Lucio muss sich für seine üblen Verleumdungen verantworten und dafür eine stadtbekannte Hure heiraten, und Isabella schließlich muss für den vermeintlichen Mörder ihres Bruders um Verzeihung bitten, bevor sie ihren Bruder unversehrt zurück erhält.

Jo Kären (Schließer) und Till Sterzenbach (Herzog)

Vom Ende her gesehen gestaltet sich dieses Schauspiel also doch noch als Komödie. Selbst der notorische Verbrecher Barnardino kommt mit dem Leben davon. Allerdings sind die Leiden der Betroffenen alles andere als komödiantisch, und das macht die Bedeutung dieses Schauspiels aus. Isabella leidet Höllenqualen, muss sich zwischen Bruderleben und ewigem Ehrverlust entscheiden, für das 16. Jahrhundert ein unlösbarer Konflikt, der jedoch auch heute noch nachvollziehbar ist. Auch die anderen Personen leiden unter Angelos Rigorosität, finden aber weder den Mut noch die Möglichkeit, dagegen vorzugehen. Erst aus der wiedererstandenen Machtposition des Herzogs heraus lassen sich alle Verwicklungen lösen. Insofern ist Shakespeare zwar gesellschaftskritisch aber nicht revolutionär. Er konnte wohl auch nicht anders. Dafür verpackt er jedoch in seiner Komödie die menschlichen Schwächen und Stärken mit hoher Dichte und zeitloser Menschenkenntnis. In Angelo charakterisiert er den reinen Machtmenschen, der die erstbeste Möglichkeit für die Realisierung seiner Allmachtsphantasien konsequent nutzt und sich dabei scheinheilig auf geschriebenes Gesetz beruft. In Lucio entlarvt er den ewigen Opportunisten, der jedem nach dem Mund redet und Abwesende auf übelste Weise verleumdet, immer um die Effekt heischende Vermittlung von "Insiderwissen" bemüht. Escalus ist der loyale Beamte mit Herz, der sich jedoch gegen die Unmenschlichkeit nicht durchsetzen kann, und die anderen männlichen Personen - Schließer, Kerkermeister und Zuhälter - sind Mitläufer, die recht und schlecht ihr Auskommen mit wechselndem moralischen Einsatz zu finden suchen. Die Frauen dagegen sind stärker: Isabella, die den Kampf zwischen Bruderliebe und Ehre ehrlich mit sich selbst ausficht, Mariana, die noch nach Jahren zu ihrem Verlobten steht, und sogar die Puffmutter Fuddlefut, der eine gewisse Konsequenz ebenfalls nicht abzusprechen ist.

Die Kirche dagegen schweigt, sehr deutlich in der Kommentarlosigkeit des Bruder Thomas dargestellt, der zwar dem Herzog bei der Ausführung seiner Pläne hilft, sich jedoch selbst zu den Vorgängen nicht äußert. In ihm hält Shakespeare der Kirche ein so subtiles wie deutliches Spiegelbild vor. Die Regierenden kommen bei ihm alles andere als gut weg, wenn man einmal vom Herzog absieht. Dieser vertritt jedoch nicht eigentlich die irdische Obrigkeit sondern eher eine jenseitige, was sich einerseits in seiner zeitweiligen Abwesenheit, andererseits in seiner Verkleidung als Mönch niederschlägt. Die eigentlichen Vertreter der Herrschenden sind Angelo und Escalus, und sie repräsentieren die Endpunkte einer Skala, die vom kalten Machtmissbrauch bis zum halbherzigen Mitläufertum reicht. Da wirken dann die echten Unterweltler ehrlicher: der schmierige, aber lebenstüchtige Zuhälter Pompeius, der kleine "Richter Gnadenlos" Ellbogen oder der selbstbewusste Todeskandidat Barnardino, der die gesamte menschliche Gesellschaft durchschaut zu haben scheint und sie nur im Suff ertragen kann.

Regisseur Peter Hailer hat das Stück ganz auf die Personen und ihre Sprache abgestellt. Das Bühnenbild hat er dafür auf einen weiten Raum mit Pressspanplatten und einem erhöhten Rundgang reduziert. Die Protagonisten stehen einsam in diesem Torso einer Bühne und müssen sich auf ihr Spiel verlassen, eine große Herausforderung. Naturgemäß fällt es anfangs allen Darstellern schwer, sich in diesem Ambiente einzuspielen. So fehlt es Martin Maria Eschenbach als Angelo an dem abgelebten und machtgeilen Zynismus, der bei der gnadenlosen Verhängung der Todesstrafe für die Schwängerung einer jungen Frau erforderlich ist. Er wirkt immer eine Spur zu jugendlich sympathisch, trotz seiner schrecklichen Verfügungen. Julia Glasewald wirkt als Isabella anfangs etwas statisch, fast gehemmt, und lässt im ersten Bittgang für ihren Bruder bei Angelo die innere Qual vermissen, steigert sich jedoch später beachtlich. Till Sterzenbach hat natürlich als der alles lenkende Herzog eine dankbare Rolle und meistert diese souverän. Ähnlich geht es Andreas Manz, der sich als Großmaul Lucio geradezu mit Lust "auskotzen" kann. Von solchen Rollen träumt man natürlich, sind sie doch richtig publikumswirksam. Alle anderen Darsteller füllen ihre Rollen im Rahmen der ihnen gebotenen Möglichkeiten sicher und überzeugend aus, wobei Matthias Fuchs als derb-dummer Henker Scheißlich wegen seines derben Auftritts noch ein paar Extrapunkte erspielen konnte.

Das Premierenpublikum war mehr als dankbar und applaudierte dem Ensemble anhaltend und engagiert. Das Risiko dieser extrem aufs Wort zugeschnittenen Inszenierung war hoch, es einzugehen hat sich jedoch gelohnt.

Alle Bilder © Barbara Aumüller