Solo für Sterzenbach

Pascal Vrebos' Einpersonensstück "Das Meisterverbrechen" in Darmstadt

 

Manchmal spielt die Realität in seltsamer Koinzidenz mit der Fiktion. So in Darmstadt, wo der kurz vor dem Ruhestand stehende Schauspieler Till Sterzenbach in seiner quasi letzten Rolle einen Wissenschaftler spielt, der seine letzte Vorlesung hält. Honi soit, qui mal y pense - und daher wollen wir glauben, dass außer der Ähnlichkeit der äußerlichen Gegebenheiten keine weiteren Analogien bestehen, denn dieser Professor Boulanger, seines Zeichens Physikprofessor, geht in seinem letzten Auftritt doch recht forsch, um nicht zu sagen brutal zu Werke.

Etwas geistesabwesend, ganz dem Bild des "zerstreuten Professors" gehorchend, betritt Boulanger alias Sterzenbach den Hörsaal, der im Chorsaal des Staatstheaters tatsächlich seine naturgetreue Entsprechung findet. Die Zuschauer übernehmen (un)freiwillig die Rolle der Studenten, die der Professor nun in aller Ruhe auseinander nimmt. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, entlarvt er die Speichellecker, die Blender, die arbeitsamen Versager sowie die mehr oder minder attraktiven Studentinnen. Wie von einer schweren Last befreit er sich von der Bürde einer dreißigjährigen "Karriere" in der Schlangengrube des akademischen Betriebes. Ungeniert plaudert er vor den Studenten aus dem Nähkästchen einer missgünstigen und in Privilegien denkenden Professorenschaft. Voll sarkastischer Heiterkeit erinnert er sich an den Coup einer vorgetäuschten Entdeckung, die ihm beinahe den Nobelpreis eingebracht hätte. Dann jedoch klärt sich das Rätsel der plötzlich so gelösten Zunge: am selben Morgen hat man ihn aus Kostengründen zwangsweise und mit sofortiger Wirkung frühpensioniert. Dieses "Abservieren" kontert er mit einer letzten verbalen Abrechnung.

Solange diese  Abrechnung sich im Rahmen des universitären Lebens bewegt, bietet sie Tempo und sarkastisch formulierte Gesellschafts- und Institutionskritik. Dann jedoch schwappt das Lebensresumee ins Private über. Man stößt auf eine längst der Liebe verlustig gegangene Ehe und sogar auf den tragischen Tod der Tochter. So dehnt sich der Kreis der professoralen Rückschau immer weiter aus, und das kommt dem Stück nicht unbedingt zu Gute. Vor allem die tragischen Umstände des Tochtertodes lenken die satirische Schärfe um in gerührte Betroffenheit. Dann jedoch endet der Handlungsfaden der Tochter. Sie wird nicht etwa systematisch zu einem Kernthema in Boulangers Leben ausgebaut, sondern erscheint später nur noch in kurzen Nebensätzen. Da drängt sich die Frage auf, wie diese Geschichte in die "Abrechnung" dieses Professors passt.

Als dann das Ende der Vorlesung naht, sieht Boulanger eine ungeliebte weil karrieresüchtige und taktisch geschickte Kollegin ihn aus dem Saal vertreiben und inszeniert eine letzte Farce, indem er sich als Frau verkleidet und sie mit harschen Worten vertreibt. Diese Episode garantiert zwar Lacher, da reife Männer mit Büstenhalter, Stöckelschuhen und Lippenstift seit "Charleys Tante" das Publikum stets begeistert haben, dem eigentlichen Thema einer Abrechnung mit dem akademischen und sonstigen Leben fügt diese Szene jedoch keine neuen Aspekte hinzu. Am Schluss dann enthüllt Boulanger auch noch das Geheimnis, das sich hinter dem Titel "Das Meisterverbrechen" verbirgt und das wir hier zwecks Erhaltung der Spannung nicht verraten wollen. Die abschließende Pointe besteht darin, dass Boulanger seine Studenten über sein persönliches Schicksal abstimmen lässt. Er erhält das Abstimmungsergebnis, bedankt sich und - Vorhang.

Obwohl der - übrigens von Susanne Sterzenbach (sic!) übersetzte - Text an seiner thematischen Unentschiedenheit leidet, enthält er doch viele eindringliche, satirisch zugespitzte Szenen, so wenn Boulanger aus seiner professoralen Erfahrung spricht und auf jegliche Höflichkeit verzichtet. Da sammelt er bei den vermögenden "Edelstudenten" für den notleidenden Stipendienempfänger, ohne letzterem Hoffnungen auf wissenschaftlichen Ruhm zu machen; da packt er genüsslich und selbstironisch Details seiner erotischen Beziehung zu einer der Studentinnen aus, und immer wieder stehen Klima und Konventionen des akademischen Betriebs im Mittelpunkt seiner zynischen Betrachtungen. Für Till Sterzenbach bietet diese Rolle ein weites schauspielerisches Betätigungsfeld, kann er doch alle Befindlichkeiten und Gefühlsregungen dieses frustrierten Wissenschaftlers und Ehemanns in Mienenspiel und Gestik umsetzen. Und das tut er mit unnachahmlichem Gespür für das psychologische Detail, für das kleine Zucken des Mundwinkels, den schrägen Blick von unten, den schnellen Wechsel des Gesichtsausdrucks zwischen Resignation, Verachtung, Wut und Rachegelüsten, um nur einige dieser Gefühlsregungen zu nennen. Er lotet die seelischen Abgründe der Figur Boulanger bis auf ihren Bodensatz aus und bringt Dinge zu Tage, die dieser Professor lange, zu lange in sich verschlossen gehalten hat. Sterzenbach lässt erkennen, wie Boulanger, anfangs noch Herr seiner eher intellektuellen Abrechnung, Stück für Stück die Kontrolle über den Prozess verliert und sich den Wellen seiner reanimierten Gefühle überlässt.

Vielleicht weist dieses Stück textliche Schwächen auf, die seine Wirkung einengen, die Darbietung durch Till Sterzenbach jedoch wiegt die meisten dieser Schwächen bei Weitem wieder auf.

Die nächste Aufführung findet am 27. April statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller