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Sasha Waltzs "noBody" in der Berliner Schaubühne |
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Sasha Waltz gilt als eine der Pioniergestalten im
modernen Tanz/Theater, wagt sie sich doch weit hinaus
aus den etablierten Schablonen, vor denen auch diese
avantgardistische Kunst nicht gefeit ist. Sie geht
konsequent den Weg zu einer unprogrammatischen Sicht
des Tanz/Theaters, will sagen, sie weigert sich, ihrer
Choreographie eine erkennbare Handlung zu unterlegen.
Nichts soll den Zuschauer ablenken, keine vorschnelle
Deutung ins Gesellschaftliche oder Psychologische die
Sicht auf die dargebotenen Abläufe verstellen.
Bereits der Titel gibt darüber Auskunft: der "body" - Körper - wird sofort mit dem verneinenden Präfix "no" versehen, damit gleichzeitig den Begriff "nobody" - niemand - kreierend. Niemand ist gemeint, das Wort "body" steht sozusagen für sich selbst. Punkt.
Wenn sich das karge Beton-Halbrund des wie eine
mykenische Burghalle anmutenden hohen Bühnenraumes nach
dem Erlöschen der Raumbeleuchtung wieder aufhellt,
ertönt - wie aus dem Untergrund - ein dumpfes Grollen.
Ein naiver Besucher könnte fast annehmen, die U-Bahn
fahre unter dem Theater durch. Doch dafür dauert diese
Hintergrundbeschallung zu lange, sie gehört
offensichtlich zur Choreographie. Einzelne Tänzer betreten das Halbrund, schreiten versunken vor sich hin, kommen anfangs kaum in Berührung miteinander. Mit zunehmender Dauer jedoch treten diese Körper miteinander in Kontakt, anfangs scheinbar zufällig und reflexartig, später gezielter und bisweilen suchend. Wie bei einer Opernouvertüre endet die erste Phase mit dem Wechsel des Hintergrundgeräusches, das plötzlich in ein entferntes, angenehm traumhaft anmutendes Rauschen übergeht. Die Personen auf der Bühne gruppieren sich neu, scheinen ein neues Spiel zu spielen. Es beginnen sich unterschiedliche Charaktere herauszuschälen, die zusätzlich durch die Kostümierung betont werden. Im weißen Anzug der eine, im grauen Trainingsdress der andere. Die weibliche Garderobe reicht von dem kurzen Schulmädchen-Röckchen über die schwarze Jacke und weiße Hose einer Turnierreiterin und das schwarze geschlossene Gouvernanten-Kleid bis zum bodenlangen Abendkleid. Doch die Kostüme sind Teil des Körpers und nicht Metapher einer gesellschaftlichen Situation. Doch die Verteilung der Farben - ganz weiß, schwarz-weiß, schwarz - symbolisiert die Zusammensetzung der Gesellschaft, wobei die Farben für Eigenschaften aller Art stehen, nicht etwa nur vordergründig für die Hautfarbe. Nur einer fällt aus dem Rahmen: der Tänzer im roten Anzug!
Das Hintergrundgeräusch steigert sich langsam aber
stetig vom sanften Rauschen zu einem wahren Höllenlärm,
wie man ihn in einer großen Maschinenhalle erleben mag,
in der große Motoren mit wachsender Drehzahl arbeiten.
Diese Geräuschkulisse lässt sich als Metapher für die
Entwicklung der menschlichen Gesellschaft bis hin zur
hektischen und hyperaktiven Großstadt-Zivilisation
deuten. Die Akteure folgen dem anschwellenden Geräusch
mit zunehmender Aktivität. Die Bewegungen werden
schneller, einmal eingenommene Positionen werden gleich
wieder aufgegeben, die Figuren geraten miteinander in
Konflikt, stehen einem schnellen Ortswechsel im Wege,
stoßen sich gegenseitig weg und streben doch immer
wieder zum jeweils attraktivsten Ensemble. Dabei suchen
sie in diesen Gruppen die größtmögliche Nähe, kriechen
ineinander und türmen sich übereinander. Dann wieder
bricht die Gruppe auseinander, und die Jagd nach neuen
Bindungen beginnt von Neuem. Der Tänzer im roten Anzug
erweist sich zunehmend als Außenseiter, nicht nur durch
sein Kostüm, sondern auch durch die offensichtliche
Abweisung seiner Annäherungsversuche an die Gruppe.
Interpretationen sind erlaubt, werden jedoch nicht auf
dem Tablett serviert. Schließlich endet alles in einem scheinbar ungeordneten aber wohl inszenierten Chaos, das von blankem Hass und nackter Angst genährt wird, und am Ende schreien sich die Personen hilflos an, bis mit dem plötzlichen Ersterben des zum Schluss kaum noch erträglichen Unterwelt-Dröhnens sich ein riesiger weißer Ballon entfaltet. Wie ein jenseitiges Zeichen bringt dieses Gebilde alle zum Schweigen und Verschwinden, um dann Figuren in Engeln gleichen Kostümen auf die Bühne schweben zu lassen. Langsam und zögernd kommen die Protagonisten des Kampfes zurück auf die Bühne, wie bei dem Wiedererwachen im Jenseits nach dem kollektiven Tod im Diesseits. Die Bewegungen sind jetzt langsamer, weniger aggressiv, man nähert sich einander mit Scheu und Verwunderung. Der "rote Mann" vereinigt sich mit dem leblosen Körper desjenigen, der ihn abgewiesen hat, indem er in dessen am Körper befindliche Kleidung schlüpft. Als Doppelwesen - halb lebendig, halb tot - sucht er in seiner Verzweiflung die erstrebte Nähe und Akzeptanz bei dem Toten, muss sich jedoch schließlich durch die Gruppe wieder von seinem "alter ego" trennen lassen.
Der Schluss stellt sich als Apotheose dar, wenn die
letzte auf der Bühne verbliebene Tänzerin sich von dem
Luftgebilde im wahrsten Sinne des Wortes wie bei einer
Himmelfahrt entheben lässt, einem unschuldigen Kinde
gleich, dass (noch) nichts von den Überlebens- und
Identitätskämpfen der Menschen weiß und sich dem von der
Gruppe gefürchteten und gehassten "Ballonwesen"
vertrauensvoll und ohne Furcht hingibt und von ihm
tragen lässt. Doch dann stürzt die in dem Ballon
agierende Gruppe aus dem Gebilde heraus und faltet es
kompromisslos zusammen, verschnürt es zu einem Paket und
nimmt ihm damit allen Schrecken aber auch die
Ausstrahlung. Nicht ein höheres Wesen ist der Schöpfer
d
So könnte eine Interpretation lauten. Die andere könnte lauten, dass die Menschen das ihnen Unbekannte, Furcht Einflößende vernichten, obwohl es sich faktisch als nicht bösartig oder gefährlich gezeigt hat. Allein die Furcht vor dem Unbekannten reicht, es zu zerstören. Dies die eher pessimistische Deutung. Sasha Waltz hütet sich jedoch, eine der beiden Deutungen in plakativer Weise zu forcieren. Sie will keinen konkreten gesellschaftlichen Konflikt thematisieren und schon gar nicht eine eindeutige Botschaft formulieren. Was sich nicht spontan aus der Bewegung der Körper ergibt, ist Spekulation, der Rest auch. Den Zuschauern bleibt das Recht und die Pflicht, sich selbst einen Raum auf die metaphorischen Bilder zu machen.
Frank
Raudszus
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