Verquere Variationen über ein großes Thema

Uraufführung von Simon Werles "Parabel Parzival" im Staatstheater Darmstadt

 

Um es gleich vorweg zu sagen: das Ensemble des Staatstheaters Darmstadt versuchte, das Beste aus dem Stück des 1957 geborenen Autors zu machen, doch die Schwächen und Brüche des Textes ließen dieses Bemühen zur Sisyphus-Arbeit ausarten. Vorlage für Werles Stück ist der Parzival-Mythos, wohl einer der großartigsten Mythen an der Schnittstelle zwischen heidnisch-keltischer Vorzeit und sich ausbreitendem Christentum. Er vereint historische Legenden mit den geheimen Riten der keltischen Zauberer und der Erlösungssehnsucht des Christentums.

Volker Muthmann (Parzivale) und Iris Melamed (Blanchefleur)

Parzivals Mutter zieht ihren Sohn fernab der Welt in einem Wald auf, um ihm das Schicksal des früh im Orient gefallenen Vaters zu ersparen. Der so allen menschlichen Sozialverhaltens Unkundige tappt in blinder Abenteuerlust als Möchtegern-Ritter durch die Welt und zieht eine Spur von Blut und Leid hinter sich her, da er in seiner Naivität meint, sich alles - wie bei seiner Mutter im Walde - nehmen zu können. Durch Glück und Chuzpe gelangt er sogar an König Arturs' Tafelrunde, tötet weitere Ritter und macht sich anschließend auf, den heiligen Gral zu finden und zu erobern. Dieses religiöse Symbol einer vorklerikalen Welt stand für die höchste Erleuchtung, die ein Mensch erreichen konnte, und war stets mit großem Leid verbunden. Der Hüter der Gralsburg ist zu ewigem Leid verdammt - dahinter lässt sich der übliche Vorwurf des Jesus-Mordes vermuten - und kann nur von einem reinen Menschen erlöst werden. Beim ersten Besuch auf der Burg stellt Parzival nicht die erlösende Frage nach dem Grund des Leidens, eine Metapher für sein fehlendes wahres Mitgefühl, das erst durch Lebenserfahrung und Reife zu erlangen ist. Am Ende stellt er dann, als mittlerweile gereifter Mensch, die Frage und erlöst Gralshüter Amfortas.

Soweit in kompakter Kürze der von verschiedenen mittelalterlichen Autoren entwickelte Mythos, der nach dem Muster "per aspera ad astra" einen fortschreitenden Reife- und Erlösungsprozess des Menschen propagiert, sich jedoch erst nach einer Phase des Scheiterns einstellt. Simon Werle negiert diese im Grunde genommen positive Weltschau aus der Rückschau eines Jahrtausends und stellt Parzivals Welt als einen ewigen Kreislauf der gleichen menschlichen Schwächen und Grausamkeiten dar. Bei ihm entdeckt Parzival nicht nur schnell, dass man es mit Frechheit und Gewalt sehr weit bringen kann, sondern er nimmt sich auch die Ritter der Tafelrunde zum Vorbild, die bei Werle aus einem Haufen geiler, machtgieriger und versoffener Glücksritter besteht. Lancelot und Ginevra haben nur ihr Verhältnis im Sinn, Artus' illegitimer Sohn Mordred macht seinem Namen Ehre, indem er nur an den Königsmord und die Thronnachfolge denkt; die Ritter stellen den Hofdamen mehr oder minder unverhohlen nach und gönnen sich im übrigen gegenseitig nicht das Schwarze unter den Nägeln. Ungerührt schauen sie zu, wie Parzival den Ritter Ither nur deswegen umbringt, um seiner schönen Rüstung habhaft zu werden. So stolpert er auch in die Gralsburg, von Gawain vorher dazu angehalten, ja keine unangenehmen Fragen zu stellen, und sieht sich anschließend mit dem Vorwurf der verweigerten Erlösung konfrontiert. An diesem Punkt zeigt er zum ersten Mal so etwas wie Ratlosigkeit und Reflexion über sich selbst, und an dieser Stelle gewinnt das Stück auch zum ersten und letzten Mal so etwas wie Konsistenz und Dichte.

König Artus (Harald Schneider) und seine Tafelrunde

Die beiden ersten Akte - die Pause nach dem kurzen ersten Akt ist nur dem Umbau vom Wald zur Tafelrunde geschuldet - schildern Parzivals Erlebnisse bei seiner Mutter und an König Artus' Hof. Um seine illusionslose Sicht der Welt zu verdeutlichen, greift  Werle zum Stilmittel der Groteske. Volker Muthmann springt als jugendlich-tumber Parzival mit einer Windel umher, aus der sein "Schniedel" herausbaumelt (der Zweck dieses "Accessoires" bleibt im Dunklen), und seine naiven Brutalitäten bewegen sich in fataler Nähe zum platten Kalauer. Der Versuch, den Schwebezustand zwischen animalischer Direktheit und menschlicher Naivität zu beschwören, ist erkennbar, misslingt jedoch. Die Spannung eines solchen Zustandes ist nur auf einem schmalen dramaturgischen und verbalen Grat möglich. Klagendes Pathos wirkt hohl und hölzern, die Groteske fällt dagegen leicht ins Platte ab, und Letzteres ist bei Werle zu oft der Fall. Wohlgemerkt: es geht nicht darum, das aus seiner Zeit heraus verständliche Pathos des Parzival-Mythos sozusagen aus Pietät auch in seine Negierung herüberzuretten. Doch der Stoff hat es verdient, diese Widerlegung auf einem höheren Niveau als dem des burlesken Volksstücks anzusiedeln. Man hätte diese Blutspur eines vollständig naiven Tors wesentlich beängstigender darstellen können, wenn die Sprengkraft der grotesken Naivität nicht zur Lächerlichkeit entschärft worden wäre. Die "falschen" Lacher über billige Slapstick-Effekte stehen für dieses Abgleiten. Ob dieses dem Autor oder der Regie anzulasten ist, bleibt dahingestellt.

Ähnliches gilt für die Darstellung der Zustände an Artus' Tafelrunde. Man kann sich leicht vorstellen, aus welchen vollen Kübeln ein Autor schöpfen kann, wenn es um Neid, Missgunst, Suff und Sex geht, und wie leicht man dabei gängige Klischees aufgreift, und sei es nur um des sicheren Lachers willen. Zwar lässt Werle die Ritter nicht mit der Flasche in der Hand lallend über die Bühne torkeln, aber ihre verbalen und auch physischen Ausfälle sind bisweilen nicht weit von diesem Niveau entfernt. Auch hier hätte man die Diskrepanz zwischen Schein und Sein, zwischen Worten und Taten wesentlich subtiler und dabei eindringlicher und erschreckender entlarven können als durch Rohheiten und wüste Beschimpfungen. Auch hier wieder Lacher, die als solche sicherlich nicht gewollt und auch dem Stoff nicht angemessen sind. Dabei geht natürlich auf der rote Faden einer Gesellschaftskritik verloren; denn wo ein wüstes Raubritterleben mit all seinen miesen Aspekten vorgeführt wird, lässt sich von einer gezielten Kritik nicht mehr sprechen.

Parzival vor "Ground Zero"

Erst als Parzival verstört von der Gralsburg zurückkehrt und ob seiner Erlösungsverweigerung überall Ablehnung erfährt, stellt sich so etwas wie eine Aussage ein. Ratlos steht Parzival vor den Trümmern seines bisherigen Lebens, unfähig, seine Schuld zu begreifen, und von den Mitmenschen im Stich gelassen. Doch da lässt Simon Werle ihn sitzen - ratlos in der Bühnenmitte, und bläst zum letzten Akt: Berichten zufolge hat Werle das Stück im Jahr 2001 verfasst und ist dabei vom 11. September überrascht worden. Diese Koinzidenz muss ihn zu dem unglückseligen Entschluss verleitete haben, dieses Ereignis - koste es, was es wolle - in sein Stück einzubauen. Und so empfängt der letzte Akt die Zuschauer akustisch mit der anschwellenden Annäherung eines Jets und der darauf folgenden Detonation, anschließend optisch mit der Ruinenlandschaft des "Ground Zero", garniert mit einer großen Gitterstruktur, wie wir sie von unzähligen Fotos kennen, und in weißen Staub gehüllten Opfern. Über dieser Todeslandschaft verbreiten die Protagonisten - Merlin, Parzival, Courmane - im "Outfit" des "showbiz" unverständliche Botschaften aus der Welt des Pops und des Jetsets. Parzival als Wiedergänger von Michael Jackson, Merlin als Guru der Medienbranche. Mit dem Parzivalthema hat dieser Auftritt nichts mehr zu tun, und die Aussagen bleiben wohl absichtlich im Dunklen: einerseits, um die Leere der Medienwelt zu dokumentieren, andererseits, da kein nachvollziehbarer Bezug zum Parzivalthema mehr besteht. So dient "9/11" hier als dramaturgischer "deus ex machina" eines Stückes, das sich zu keinem tragfähigen Schluss mehr aufraffen kann. Zwar skandiert Parzival zu einem früheren Zeitpunkt eine grenzenlose Freiheit als sein Lebensziel, doch diese Freiheit erkennt er selbst in seinen Worten als asymptotisch, das heißt sich dem Ziel nur annähernd, es aber nie erreichend. Verbal klingt dies hübsch philosophisch und metaphysisch, doch in die Handlung lässt es sich nicht mehr konsistent abbilden, und eine Ausdeutung des (mathematisch-)asymptotischen Begriffs bleibt dem Zuschauer überlassen. So er über mathematische Kenntnisse verfügt, wird er dabei auf Widersprüche zwischen Begriff und Werlescher Bedeutung stoßen, andernfalls setzt das Unverständnis eben früher ein. Fazit: die Aussage dieses Stückes bleibt im besten Fall unklar, um nicht zusagen kraus. Die Neudeutung der Parzival-Parabel bleibt auf halbem Wege im Dickicht eines undurchdachten Konzepts stecken und rettet sich schließlich in den dankbaren bedeutungsschwangeren Untergang des World Trade Centers, das sich bereits Mordred als Sitz seiner weltumspannenden Herrschaft zusammenphantasiert hatte.

Wie bereits eingangs erwähnt, müht sich das kopfstarke Ensemble um eine ausdrucksstarke Interpretation dieses Textes und bringt es auch zu vielen beeindruckenden Einzelleistungen, doch stößt es angesichts des in sich unstimmigen Stücks bald an seine Grenzen. Volker Muthmann zeigt als Parzival eine durchaus überzeugende Ausdrucksbreite, Iris Melamed als Blanchefleur, Maike Troscheit als Kundry und Britta Hübel als Courmane, um nur einige zu nennen, fügen dem Ganzen scharf konturierte Frauengestalten hinzu. Die Männerrollen dagegen agieren - von Merlin (Aart Veder) einmal abgesehen - weit gehend am Rande der Lächerlichkeit, was bei Werles Darstellung der Tafelrunde als einer Räuberbande nicht weiter verwunderlich ist. Daher können die Darsteller auch nur Szenenapplaus für ihre Slapstickbemühungen ernten.

Das Publikum nahm die Aufführung mit freundlichem Beifall auf, der sich für einzelne Darsteller zu zaghaften Ovationen steigerte. Die Regie erntete zwar kein Buh, dafür auch keinen Extra-Beifall.

Die nächsten Aufführungen finden am 9., 12. und 20. April statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller