"Reality TV" auf der Bühne

Im "Prater" der Berliner Volksbühne präsentiert Gob Squad die "Prater Saga 3"

 
Die Moderatorin auf dem Sofa
 
"Gob Squad" ist ein deutsch-amerikanisches Theater-Kollektiv, das sich eher mit "Performances" als mit dem konventionellen Theater beschäftigt. Dazu passt die Philosophie, auf einen dedizierten Regisseur zu verzichten und die Stücke als Gemeinschaftsarbeit der Beteiligten auf die Bühne zu bringen. Im "Prater" der Berliner Volksbühne, einem früheren Tanzlokal, hat die Truppe (Johanna Freiberg, Berit Stumpf, Sarah Thom, Sean Patten, Bastian Trost und Simon Will) jetzt einen Text von René Pollesch inszeniert. Der Titel "In diesem Kiez ist der Teufel eine Goldmine" besagt alles und gar nichts und steht in seiner Sinnlosigkeit für die Weigerung einer definierten Aussage.

Ausgangspunkt der Inszenierung ist die Flut der "Reality Shows" im Fernsehen. Dessen Macher meinen festgestellt zu haben, dass die Zuschauer auch mit noch so spannender Fiktion nicht mehr an den Schirm zu fesseln sind. Die pure Übersättigung lässt eine Spannungssteigerung kaum noch zu. So appelliert das Fernsehen an den voyeuristischen Instinkt und bietet dem Zuschauer "echte" Menschen mit "richtigem" Leben, auch wenn es wie im Container noch so platt und fad ist. Der Erfolg gibt ihnen - leider - Recht. Dieses Muster spielt Gob Squad auf der Bühne nach. Zwei separate Bühnen und ein zentraler Videoschirm vor einer Art "Container-Box" bilden den Aktionsraum. Die beiden Bühnen simulieren Fernseh-Studios, in denen die Moderatoren das Geschehen ankündigen und kommentieren, die eigentliche Handlung spielt sich auf der Kastanienallee vor dem Prater sowie in besagter Box und auf der Videoleinwand ab.
 

Der androgyne Einkäufer bei den Vertragsverhandlungen

 
Die Darsteller für die Texte von Pollesch sucht Gob Squad zur Zeit der Aufführung auf der Straße. Die Diskussion mit vorbeikommenden Passanten erscheint auf der Leinwand, das Publikum erlebt also das "Casting" der Darsteller und damit auch das Risiko des Scheiterns - niemand erklärt sich bereit - hautnah mit. Der theatererfahrene Skeptiker nimmt natürlich ein abgekartetes Spiel mit vorbereiteten Schauspielern an, muss sich jedoch später bestätigen lassen, dass die Suche nach den Darstellern tatsächlich "blind" in der Menge der Passanten erfolgt (ist).  Und tatsächlich haben sie Erfolg: für die drei Rollen - Bigman, Twopence Twopence und Sugarmami - finden sich auch drei Darsteller, sinnigerweise zwei junge Frauen für die ersten beiden und ein Mann für Sugarmami. Die Zusammensetzung ändert sich natürlich bei jeder Aufführung, und die Darsteller müssen sich ihren Anteil des Gagenbudgets - an diesem Abend 88 Euro - vor der Kamera gegen einen beinharten "Einkauf" selbst aushandeln.

Die "Handlung" - es ist eigentlich gar keine - besteht darin, dass der steinreiche "Bigman" unglücklich ist und sich in "Twopence Twopence" verliebt. Sugarmami kommt jedoch unerwartet nach Hause und erwischt die beiden. Die Texte von René Pollesch behandeln jedoch nicht dieses dürre Handlungsgerüst, sondern bestehen weitgehend aus Aphorismen und ambivalenten Gedankensplittern über Liebe, Einsamkeit und Geld. Die Laiendarsteller hören Ihre Texte über Kopfhörer und müssen sie auf der Bühne umsetzen. Ein komplexes verbales Gerüst für eine dramatische Handlung würde die Laiendarsteller natürlich überfordern, und so belässt Pollesch es bei diesen Äußerungen, die in der Mitte zwischen Soap-Satire und surrealistischem Tiefsinn angesiedelt sind.

 
Vor dem Prater beim "Anwerben" der Darsteller
 
Die drei Darsteller agieren in der Glasbox hinter der Leinwand und sind abwechselnd oder gleichzeitig auf dieser und "live" zu sehen, wobei vor allem die gleichzeitige Präsenz verfremdende Effekte zeitigt. Hier gehen Realität (im Container) und Fiktion (auf der Leinwand) nahtlos ineinander über und lassen den Zuschauer über die Beziehungen zwischen den beiden Ebenen ins Grübeln kommen. Zwar ist auch die Geschichte im Container "Fiktion", jedoch mit unvorbereiteten Darstellern, die keine Illusionswelt aufbauen können. Außerdem zeigt diese "Manipulation" der Zufallsdarsteller, dass auch die Realität des Lebens mittlerweile längst eine inszenierte ist, hier durch Gob Squad für das Publikum, anderswo durch Presse, Fernsehen und andere Medien. Die Botschaft lautet: es gibt keine Realität mehr, alles ist vermittelt durch die Medien; und wer sich in seinen eigenen vier Wänden in der "echten" Realität wähnt, hat sich auch diese längst nach der fiktiven Vorgabe der Medien eingerichtet....

Für das Publikum ergeben sich aus der Situation natürlich viele komische Situationen, die zum Lachen reizen. Doch dabei mutiert das Publikum unversehens und ohne es zu merken zu Voyeuren im Stile "Big Brother". Wer glaubt, als externer und "objektiver" Zuschauer sozusagen über der Inszenierung zu stehen, sieht sich getäuscht: das Publikum wird ebenso zum Teil der Inszenierung wie die "professionellen" Programm-Macher (Gob Squad) und die Laien-Darsteller. Jeder spielt seine Rolle in dieser satirischen Nachbildung des "Reality-Formats", die durch ihre selbstreferenzielle Grundstruktur selbst zu einer "Reality Show" wird.
 
Das Ganze weist noch experimentelle Züge auf, die zwangsläufig zu Längen und aussagearmen Sequenzen führen. Wer eine deutliche Aussage erwartet hat, sei sie satirisch oder ernst gemeint, bleibt ratlos, wer jedoch das Experiment mit all seinen Unwägbarkeiten akzeptiert, erlebt einen durchaus anregenden Abend.
 
Alle Photos © David Baltzer