| Barockmusik- neu gedacht |
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Die Berliner Barock Solisten beim Rheingau Musik Festival im Kloster Eberbach |
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Das "Rheingau Musik Festival" hat seine Pforten für die diesjährige Saison wieder geöffnet, und alle strömten hin. Vom 25. Juni bis zum 3. September werden nun wieder die verschiedensten Musikgattungen in Konzerthäusern, Weingütern und Klöstern des Rheingaus zu hören sein. Eine der ersten Aufführungen am 28. Juni im Kloster Eberbach galt dabei der Instrumentalmusik des Barocks. Dafür hatte man die Berliner Barock Solisten gewinnen können, einen "Ableger" der Berliner Philharmoniker. Als Instrumentalsolisten traten Albrecht Mayer (Oboe) und Georg Faust (Violoncello) auf.
Die Berliner Barock Solisten In der Barockmusik nehmen die Italiener eine führende Stellung ein. Namen wie Corelli (1653-1713), Albinoni (1671-1751) und Vivaldi (1678-1741) sind Musikliebhabern ein Begriff und stehen für eine ausgewogene, zwar gefällige aber dennoch ausdrucksstarke Musik, die einerseits noch von der kirchenmusikalischen Herkunft zehrt, andererseits jedoch zunehmend weltliche Elemente mit ihren dynamischen Charakteristiken aufweist. Da Johann Sebastian Bach 1685-1750) der wohl bedeutendste Barock-Komponist überhaupt war, durfte er bei diesem Konzert natürlich nicht fehlen und war - wie Vivaldi - gleich zwei Mal vertreten. Der weniger bekannte Venezianer Alessandro Marcello (1669-1747) rundete das Programm dieses Abends ab. Das zahlreiche erschienene Publikum - mit 1300 Besuchern war die Basilika des Klosters nahezu ausverkauft - zog sich dank der sommerlichen Schwüle gerne in die kühlen Mauern des Klosters zurück und genoss dabei nicht nur die lebendige Barockmusik, die vom Schnittpunkt von Haupt- und Querschiff aus in alle vier Richtungen ausstrahlte. Die Akustik der Basilika kam dem kammermusikalischen Charakter der Musik entgegen und sorgte für einen klaren, transparenten Klang. Arcangelo Corellis Concerto grosso D-Dur op. 6 Nr. 1 eröffnete den Abend. Das viersätzige Werk zeichnet sich durch Leichtigkeit, variable Tempi und schwungvolle Motive aus, die in den Barock Solisten professionelle Interpreten fanden. Mit diesem Einstieg stimmten sie das Publikum in federnder Manier auf eine barocke Atmosphäre ein, die ja immer auch etwas von Lebensgenuss in sich trug.
Das Konzert A-Dur für Oboe, Streicher und Basso Continuo BWV 1055 von J. S. Bach stellt eigentlich eine Kopfgeburt dar. In der Literatur nur als Cembalokonzert bekannt, könnte es jedoch eine Neufassung eines frühen Oboen-Konzerts sein, und als solches hat man es rekonstruiert. Zugegeben, eine gewagte Konstruktion, aber solange Bach als Urheber verbürgt ist, legitim. Albrecht Mayer verlieh diesem Stück mit seiner Virtuosität und Ausdrucksstärke eine durchschlagende Wirkung und ließ nie den Eindruck eines konstruierten Musikstücks aufkommen. Diese Musik konnte man getrost Bach Vater zurechnen. Der volle, selbstbewusste Klang des Orchester kontrastierte dabei äußerst wirkungsvoll mit dem hohen und teilweise filigranen Auftritt der Solo-Oboe. Spontane "Bravos" und lang anhaltender Beifall waren der Lohn für diese Interpretation. Antonio Vivaldis Konzert in h-Moll für Violoncello, Streicher und Basso continuo RV 424 klang eigentlich nicht wie ein "typischer" Vivaldi, den man sonst ja nach wenigen Takten erkennt. Allerdings gehört auch dieses Konzert eher zu den Raritäten, da das Violoncello zur Entstehungszeit dieses Werkes gerade erst als Soloinstrument entdeckt wurde und bis dahin nur ein Schattendasein als Orchesterinstrument geführt hatte. Der sonore, satte Klang des Instruments verlieh dieser Komposition eine Wirkung, die man sonst nur von späteren vergleichbaren Werken aus der Feder von Haydn oder Brahms kennt. Georg Faust entlockte dabei seinem Cello alle die schwermütigen Klangfarben, die so gut zur Barockmusik passen. Den Abschluss des ersten Teils bildete das Konzert d-Moll für Oboe, Streicher und Basso continuo von Alessandro Marcello, einem begüterten "vornehmen Dilettanten", der nicht auf die Akzeptanz eines zahlenden Publikums angewiesen war und eine für damalige Zeit erstaunlich eigenständige und nicht nur unterhaltsame Musik verfasste. Besonders der Mittelsatz (Adagio) mit seiner ausdruckstarken Lyrik beeindruckt bei diesem Werk, und Albrecht Mayer brachte vor allem diese lyrischen Moment sehr überzeugend auf der Oboe zum Ausdruck. Der zweite Teil begann mit Tomaso Albinonis Sonata a cinque g-Moll op. 2Nr. 6, einem viersätzigen Stück für kleine Besetzung, das sich vor allem durch seinen musikalisch experimentellen Charakter und kompositorische Feinheiten auszeichnet. Die sparsame Besetzung ermöglicht dabei eine transparente Stimmführung und nachvollziehbare Kontrapunktik, welche beide in den Musikern der Barock Solisten würdige Interpreten fanden.
Vivaldis Konzert h-Moll für vier Violinen, Violoncello, Streicher und Basso continuo op. 3 Nr. 10 RV 580 kam dann endlich als wiedererkennbarer Vivaldi daher. Sein unverkennbare Streicherklang dominierte von Beginn an die Musik, und auch Melodieführung und Motive weckten Assoziationen an andere Werke des Komponisten. Den krönenden Abschluss des Abends bildete - wie sollte es auch anders sein - Johann Sebastian Bach mit seinem Konzert d-Moll für Oboe, Violine, Streicher und Basso continuo, ebenfalls eine Rekonstruktion des Werkes BWV 1060, wiederum neu gesetzt nach Vermutungen über eine ursprüngliche Version für die Oboe. Noch einmal konnte Albrecht Mayer sein technisches und interpretatorisches Können beweisen, was er mit hohem Engagement bis hin zum physischen Einsatz auch tat. Sein Oboen-Spiel bleibt nicht statisch auf die Wiedergabe der Musik begrenzt; er lebt seine Musik und wendet sich während des Spiels, so bei den Einsätzen, den jeweiligen Partnern im Orchester zu und animiert sie buchstäblich zu einem forciertem Einsatz. es machte richtiggehend Spaß, diesem Solisten und auch dem Ensemble zuzuschauen. Insofern blieb der Konzertgenuss nicht dem Akustischen verhaftet, sondern erstreckte sich ganzheitlich auf die anderen Äußerungsformen der musikalischen Protagonisten. Am Ende bedankte sich das Publikum mit lang anhaltendem Beifall für einen barocken Musikabend, der in der Tat die Atmosphäre dieses Zeitalters nachempfand und den Zuhörern eine Ahnung vermittelte, wie es musikalisch an den Höfen der barocken Potentaten zugegangen ist. Frank Raudszus |