Zickenkrieg à la Italienne

Carlo Coldonis "Trilogie der Sommerfrische" im Staatstheater Darmstadt

 

Carlo Goldoni (1707-1793) muss in seinem erlernten Beruf des Juristen einen sehr guten Einblick sowohl in die finanziellen als auch die emotionalen Verhältnisse seiner Mitmenschen gewonnen haben. Sein genauer und unbestechlicher Blick auf all die menschlichen Schwächen hat ihm ein reiches Repertoire grotesker Geschichten verschafft, die er in seinen Theaterstücken mit leichter Hand und untrüglichem Gespür für die komische Seite des menschlichen Zusammenlebens umgesetzt hat. Mit der "Trilogie der Sommerfrische" hat das Staatstheater Darmstadt ihm jetzt nach seinem Zeitgenossen und erbittertem Widersacher Carlo Gozzi ("König der Hirsche") die ihm angemessene Reverenz erwiesen.

Leander Lichti (Tognino), Britta Hübel (Rosina), Christina Kühnreich (Giacinta) und Maika Troscheit (Sonja)

Wie in den meisten Komödien des 18. Jahrhunderts geht es auch hier um Liebe und Geld, die beiden elementaren menschlichen Antriebskräfte. Die eigentliche Geschichte ist so einfach wie allgemeingültig: der verschwenderische Leonardo hat ein Auge auf Giacinta, die hübsche Tochter des Nachbarn Filippo, geworfen, wobei seine Leidenschaft neben dem Äußeren der jungen Dame wohl auch der zu erwartenden Mitgift gilt. Um die Verbindung endgültig in "trockene Tücher" zu bringen, will er samt Schwester Vittoria und Diener Paolo die Familie Filippo in die Sommerfrische begleiten. Zu seinem Leidwesen treibt sich bei Filippo jedoch auch der junge Guglielmo mit offensichtlich identischen Absichten herum. Während Giacinta die doppelte Verehrung zu genießen und die jeweilige Glut auf gleich bleibender Temperatur zu halten weiß, sieht sie sich durch die Konkurrenz Vittorias bedroht, mit der sie in einem "Kopf-an-Kopf"-Rennen um den Platz der "First Lady" am Orte kämpft. Obendrein beeinflusst der undurchsichtige Geschäftsmann Fulgencio massiv Vater Filippo zugunsten Leonardos, wohl weil er bei letzterem finanziell engagiert ist. 

So sind die besten Voraussetzungen für eine aufregende Sommerfrische geschaffen, und bereits am Vorabend jagt der wankelmütige Filippo den armen Guglielmo durch ein Wechselbad der Gefühle, wenn er ihn erst auf Giacintas Wunsch zur Mitfahrt einlädt, dann auf Fulgencios Drängen auslädt und auf Giacintas Protest wieder einlädt. Leonardo, der gerade mit Vittoria eine nervtötende Diskussion über Abreise oder Dableiben wegen fehlender standesgemäßer Kleidung hinter sich gebracht hat, sieht durch Filippos Wankelmut seine eigenen Pläne scheitern und wechselt sich mit seiner Schwester in Depression und Hochstimmung ab.

Iris Melamed (Vittoria) und Tino Lindenberg (Guglielmo)

So ist es wahrhaft erstaunlich, dass es schließlich doch noch zu gemeinschaftlichen Ausfahrt in die Sommerfrische kommt - mit Leonardo und Guglielmo. Giacintas halbherzige Heiratsversprechungen gegenüber Leonardo und heimliche Liebesbeweise gegenüber Guglielmo schaffen einen kurzfristig stabilen aber explosiven "modus vivendi". Wie in einem klassischen Musikstück besteht der Rest der Trilogie darin, das anfangs vorgestellte Thema bis zum mehr oder minder glücklichen Ende zu variieren und zu verschiedenen grotesken Höhepunkten zu führen. Da geht es einerseits um Liebe - Giacinta liebt eigentlich Guglielmo und nicht Leonardo, Vittoria verliebt sich ebenfalls in den smarten Jüngling - und andererseits um Geld und die gesellschaftliche Stellung. Da wird gelogen, angegeben und hochgestapelt, dass sich die Balken biegen, und dabei, wie damals so üblich, sind die heiratsfähigen Frauen nur disponible Bauern auf dem Schach(er)brett der Geschäfte. Als sich die Geschehnisse in der Sommerfrische - wie zu erwarten war - gefährlich zuspitzen, verlagert Leonardo den Schauplatz mittels eines fingierten Briefes wieder zurück in die Stadt, wo ihn jedoch bereits seine Gläubiger erwarten. Damit kann der dritte Teil der "Trilogie" beginnen.  Am Ende kommt es zwar zu den üblichen Heiraten, aber der Zuschauer ahnt wohl, dass die Beteiligten nicht das ursprünglich ersehnte Glück finden werden. Gesellschaftliche Konventionen und geschäftliche Überlegungen triumphieren über Emotionen, und nur die sehnsüchtigen Blicke zur Seite bleiben. Allein die abseits des gesellschaftlichen "mainstreams" geschlossenen Ehen versprechen beiden Partnern den erhofften emotionellen Zugewinn, denn: wo finanziell nichts zu gewinnen ist, bleiben die Gefühle unter sich. So kippt der Autor am Ende noch einige bittere Tropfen in den komödiantischen Festtagswein, und das Stück gewinnt damit eine höhere weil realitätsnahe Qualität. 

Goldoni hat die erotischen und geschäftlichen Verwicklungen mit viel Gespür für ihre komischen Aspekte arrangiert.  Dazu dient ihm unter anderem - ein bewährtes Mittel - der Diener Paolo, der die tatsächlichen Verhältnisse im Hause Leonardos durchaus durchschaut und auch um dessen traurigen finanziellen Verhältnisse weiß. Obwohl selbst durch den nahenden Bankrott seines Herrn betroffen, sieht er deutlich, dass ihm in dieser Gesellschaft keine andere Möglichkeit bleibt, als so lange wie möglich auszuharren, denn einen besseren Posten denn als Diener bei einem "Herrn" wird er kaum finden. Wie bei Molière steht auch bei Goldoni das Dienstpersonal für Bodenständigkeit und gesunden Menschenverstand, kann diesen jedoch nicht gegen die bestehenden Verhältnisse durchsetzen. Die herrschenden Kreise dagegen zeichnen sich durch zunehmenden Realitätsverlust, Hochstapelei, Unbeherrschtheit und bockiges Insistieren auf Wunschvorstellungen aus. Jeder macht jedem etwas vor - auch Filippo hat nicht das Geld, das Leonardo bei ihm vermutet - und letztlich auch sich selbst. Diese Gesellschaft treibt wie ein steuerloses Schiff vor sich hin: wenn kein Sturm aufkommt, noch eine Weile, ansonsten.......

Der Chor der Köche mit Koffern

Regisseur Hermann Schein, der schon die "Elisabeth" auf die Bühne gebracht hat, hat dem Stück nicht nur viele komische Seite abgewonnen, sondern vor allem durch verschiedene geschickte Regieentscheidungen zu viel Tempo verholfen. So lässt er beide Handlungsorte - Leonardos und Filippos Wohnung - auf der Bühne ineinander übergehen. Identische Hauseingänge auf der linken und rechten Bühnenseite deuten an, dass es überall gleich zugeht, und die gesamte Bühnenrückwand nimmt zu Beginn eine Front sauber aufgestapelter Koffer ein, die auf den tief sitzenden Reisewunsch der Gesellschaft verweist: immer auf der Flucht vor sich und der Realität. Als Auftakt zum zweiten Akt fliegt diese Wand plötzlich auseinander, und dahinter wird eine Truppe von Köchen sichtbar, die unter Absingen typisch italienischer Gassenhauer beginnt, die Koffer auf der Bühne zu drapieren. Überhaupt steht der Gesang bei dieser Inszenierung im Vordergrund. Schon die Eröffnung besteht aus einem italienischen Schlager-Duett von Leonardo und Paolo, und letzterer präsentiert im zweiten Akt ein prächtiges "O sole mio"-Solo (ohne Begleitung!), das ihm sowohl von der Bühne als auch vom Publikum spontane Ovationen einbringt. Anschließend rast er als völlig überforderter und ausgebeuteter Kellner zwischen den ungeduldigen und herrischen Sommerfrischegästen hin und her. Darüber hinaus lässt der Regisseur die Schauspieler die Mimik gezielt und akzentuiert einsetzen. Die Tatsache, dass Goldoni den Schauspielern im Wahrsten Sinn des Wortes "die Maske vom Gesicht gerissen" und ihnen die Darstellung mit ihren ureigenen mimischen Ausdrucksmitteln beigebracht hat, findet in dieser bewussten Mimik ihren Widerhall. Man könnte diese so deutliche wie unangestrengte Nutzung der Gesichtsmuskeln als Reverenz an den Autor verstehen. Besonders wirksam wird die mimische Betonung bei der heuchlerisch-freundlichen Szene zwischen Giacintha und Vittoria, bei der beide hinter freundlichen vordergründig-süßlichen Freundlichkeiten einen erbitterten Zweikampf ausfechten, bei der keine auch nur einen Zentimeter Boden preisgibt und jede Gemeinheit mit doppelter Schärfe und honigsüßem Lächeln vergolten wird. Christina Kühnreich (Giacintha) und Iris Melamed (Vittoria) spielen hier ihr gesamtes mimisches Können aus und lassen die wahre Bedeutung der scheinbar so freundlichen Bemerkungen sowohl als Austeilende wie als Einsteckende nur an ihren Gesichtszügen erkennen. Diese Szene, die noch einige Male in abgekürzten Varianten auftaucht, gehört zu den Höhepunkten der Inszenierung. Ähnlich der Besuch der vor Neugier schier platzenden Constanza und ihrer Nichte Rosina bei Giacinta, bei dem sie auf skandalöse Neuigkeiten hoffen.

Till Sterzenbach (Filippo) und Maika Troscheit (Sonja)

Womit wir schon mitten in der Ensemble-Kritik sind: in dieser Saison hat man im Darmstädter Schauspiel noch keine so dichte und homogene Ensemble-Leistung gesehen. Jede(r) Einzelne versprühte die Lust am Spiel, was wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass die Schwerpunkte der Handlung ziemlich gleichmäßig auf das gesamte Ensemble verteilt sind. Natürlich gibt es die typischen Protagonisten wie Leonardo (Andreas Manz), Giacinta (Christina Kühnreich), Vittoria (Iris Melamed) und Guglielmo (Timo Lindenberg). Neben ihnen führen jedoch die Rollen der anderen kein Schattendasein. Filippo, dargestellt von Till Sterzenbach, nimmt sogar eine "strategische" Stellung in der Handlung ein, obwohl er mehr oder minder herumgestoßen und an der Nase herumgeführt wird. Martin Maria Eschenbach und Leander Lichti können sich bei der Interpretation zweier jugendlicher Leichtfüße ebenso erfolgreich profilieren wie Britta Hübel als Rosina, Maika Troscheit als Constanza, Sonja Mustoff als Witwe auf verzweifelten Freiersfüßen oder Harald Schneider als undurchsichtiger Fulgenzio. Selbst Aart Veder, nur für eine einzige kurze Szene auf der Bühne, kann sich gekonnt in Szene setzen. Von den Protagonisten ist natürlich Hubert Schlemmer zu nennen, der "Diener der Saison" (bereits im "Puntila" in einer solchen Rolle), der hier wieder einmal in seinem Element ist und die verzweifelte Schlauheit der kleinen Leute zum Ausdruck bringt. Dabei hat er, wie bereits gesagt, genügend Gelegenheit, auch sein sängerisches Talent zu zeigen. Christina Kühnreich nutzt die Rolle der Giacinta zu einem großartigen Gebärdenspiel und zeigt, wie schnell sie von dem mit dem erotischen Feuer spielenden Kätzchen zu einer knallharten Verhandlungspartnerin oder zu einer "Zicke" ersten Ranges werden kann. In dieser Fähigkeit steht ihr Iris Melamed in nichts nach. Till Sterzenbach glänzt mit seinem variantenreichen Spiel, bei dem er mit einer Handbewegung oder mit seiner Körpersprache mit einem Schlag die gesamte innere Welt des geplagten Filippo offen legt. Dieser von aller Mensch belagerte und von seiner eigenen Tochter beherrschte Vater verliert bei Sterzenbach trotz seines schwachen Charakters nie seine Würde, und am Ende gönnt man ihm sogar sein spätes Glück bei Sonja. Andreas Manz gibt einen so hochstaplerischen wie verzweifelten Leonardo, dem der drohende Absturz zusehends den Atem nimmt, und Tino Lindenberg schließlich fügt sich als Guglielmo mit Leidensmiene in das leidvolle Schicksals des Verlierers, dessen aufkeimenden Hoffnungen immer wieder den "Verhältnissen" zum Opfer fallen. Sein Leidensweg durch Hoffnung und Verzweiflung lässt sich deutlich an seiner ebenfalls akzentuierten Mimik ablesen.

Auch wenn bei diesem Spiel um Liebesleid und -freud einige auf der Strecke bleiben, gleitet die Inszenierung nie in falsche Tragik ab. Goldoni sieht das Leben als eine Folge von Siegen, die Niederlagen bedeuten können, und Niederlagen, die sich später durchaus als segensreich erweisen können. Seine Beschreibung der Gesellschaft beschränkt sich auf genaue Beobachtung und verzichtet auf moralische Bewertung. Und letztlich lädt das gesamte Geschehen für den Autor zum Lachen ein, was Harald Schneider als Fulgenzio zum Schluss wörtlich nimmt.

Das Premierenpublikum dankte dem gesamten Ensemble einschließlich der Regie mit lang anhaltendem Beifall und sparte auch nicht mit Bravo-Rufen für die Hauptdarsteller. Man kann davon ausgehen, dass dieses Stück zu einem "Renner" wird, vereint es doch intelligenten Witz mit temporeicher Handlung.

Die nächsten Aufführungen finden am 2., 9., 15., 22. und 26. Juni statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller