Improvisation als Dauerzustand

Das Staatstheater Darmstadt stellt den Spielplan 2005/2006 vor

 

Als im September 2004 die Renovierungsarbeiten am Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt begannen, waren alle Beteiligten und Betroffenen noch guten Mutes und rechneten mit der Wiedereröffnung des Hauses zur Spielzeit 2005/2006. Nun, im Mai 2005, lässt sich frei nach Brecht klagen "Ja mach nur einen Plan...", oder, platter: "Der Mensch denkt, aber...". Natürlich stand dieses Thema während der Spielplan-Konferenz am 12. Mai im Vordergrund, auch wenn es offiziell nicht zur Tagesordnung gehörte; denn schließlich ging es ja um die Auswahl der Stücke. Und Intendant John Dew musste der versammelten Presse die - mittlerweile längst durch inoffizielle Kanäle durchgesickerte - schlechte Nachricht überbringen, dass sich die Arbeiten um sage und schreibe ein Jahr verzögern würden, das große Haus also erst zur Saison 2006/2007 zur Verfügung stehen werde, so Gott will.....

Das Führungsteam des Staatstheaters mit (v.l.n.r.):

GMD Stefan Blunier, Tanztheater-Direktorin Mei Hong Lin, Intendant John Dew, Schauspieldirektor Martin Apelt und Verwaltungsdirektor Michael Obermeier

In gewisser Weise stellte sich diese kalendarisch "runde" Verzögerung als Glücksfall heraus, konnte man doch das ursprünglich für die kommende Spielzeit geplante Programm gerade um ein Jahr verschieben und musste "nur" die Interimszeit der kommenden Saison mit einem entsprechenden Programm überstehen. Da man nach gut neun Monaten Baustellen-Ambiente einige Erfahrungen mit den eingeschränkten Möglichkeiten gewonnen hat, kann man diese jetzt für den Spielplan 2005/2006 nutzen. Die Sitzprobleme in den Kammerspielen - verschiedene statisch notwendige Pfeiler stören die Sichtlinien - wurden mittlerweile soweit möglich verringert, die Platzprobleme im Orchestergraben des Kleinen Hauses - hier finden die Opernaufführungen statt - weit gehend behoben. So kann man also einigermaßen erleichtert in die neue Saison gehen, auch wenn natürlich der tägliche Betrieb weiterhin eine große Herausforderung darstellt und das Ensemble stark einschränkt.

Zu Beginn der Pressekonferenz drückte John Dew ausdrücklich seine Zufriedenheit mit dem unter den obwaltenden Umständen Erreichten aus. Obwohl in der laufenden Saison rund 50.000 Plätze weniger zur Verfügung stehen, ist die Zahl der Besucher gegenüber demselben Vorjahreszeitraum (1.9. - 30.4.) nur um etwa 20.000 gesunken. Das Tanz/Theater unter seiner neuen Leiterin
Mei Hong Lin hat sogar einen Zuwachs um 8.000 Besucher erzielt. Das neue Führungsteam, das im letzten September noch etwas skeptisch über die Akzeptanz des Darmstädter Publikums dachte, fühlt sich mittlerweile durchweg angenommen, und John Dew berichtete von überwiegend positiven Rückmeldungen von Zuschauern und Kritik. Allerdings, so seine scherzhafte Nebenbemerkung, wechselten sich das lokale und das Frankfurter Feuilleton fast wie bei einem Kartell mit pedantischer Genauigkeit bei guten und schlechten Kritiken ab........

Zum Programm der kommenden Saison lassen wir hier am besten das Staatstheater mit seinem Originaltext zu Wort kommen, denn der Rezensent kann dazu noch nicht viel sagen:

Weil viele Stücke vor dem Hintergrund des halbierten Platzangebotes im Kleinen Haus nicht häufig genug gespielt werden konnten, hat sich die Theaterleitung zu bestimmten Änderungen im Abonnement entschieden. So werden Premierenabonnenten in der Oper künftig nur noch fünf Premieren und fünf weitere Vorstellungen der anderen Opernproduktionen erhalten können. Das Löwen- und das Lilien-Abonnement im Musiktheater werden dadurch aber auch preiswerter.

John Dew selbst wird in der kommenden Spielzeit Verdis Falstaff und L´incoronazione di Poppea (Die  Krönung der Poppea) von Claudio Monteverdi inszenieren. Für  L´incoronazione di Poppea konnte ein ausgewiesener Experte für Barockmusik, Michael Schneider, für die musikalische Leitung gewonnen werden; Generalmusikdirektor Stefan Blunier übernimmt bei Falstaff die musikalische Leitung. Zwei Gluck-Opern, die an aufeinander folgenden Abenden Premiere haben werden, liegen in den Händen des Oberspielleiters der Oper, Philipp Kochheim: Iphigénie en Aulide und Iphigénie en Tauride. Verantwortlich für die musikalische Leitung ist auch hier Stefan Blunier. Außerdem inszeniert Kochheim Mozarts Entführung aus dem Serail. Benjamin Brittens Albert Herring wird von William Relton, einem englischen Regisseur, in Szene gesetzt. Auch die Freunde des Musicals werden im Herbst auf ihre Kosten kommen. Ab dem 19. November hat das Staatstheater Lloyd Webbers Evita im Programm. Auch hier kommt ein englisches Regieteam zum Zuge.

Im Tanztheater wird die Chefchoreografin und Tanzdirektorin Mei Hong Lin zwei Tanzabende herausbringen: The Juliet Letters, das auf einer musikalischen Zusammenarbeit  von Elvis Costello und dem Brodsky-Quartett basiert, sowie das orchesterbegleitete Last Minute, bei dem mit Jochen Ulrich und Katrin Hall zwei weitere Choreografen mitwirken. Mit Musik von Astor Piazolla führt die Operita María de Buenos Aires wiederum nach Argentinien. Als Kooperation mit dem Staatstheater Wiesbaden wird sie von Ben van Cauwenbergh choreografiert.

Schauspieldirektor Martin Apelt wird im Schillerjahr ebenfalls eine Iphigenie im Programm haben. Nach dem Euripides dichtete Friedrich Schiller Iphigenie in Aulis, ab Dezember auf dem Spielplan. Schiller auch zum Auftakt: Mit Turandot, Prinzessin von China, Schillers  poetischen Gleichnis über die Liebe in der Inszenierung von Axel Richter, beginnt die Spielzeit im Schauspiel. Mit Tschechows Kirschgarten,  dem Besuch der alten Dame von Dürrenmatt und Calderóns Das Leben ein Traum stehen faszinierende Theaterklassiker neben einer Uraufführung des diesjährigen Büchnerpreisträgers Wilhelm Genazino, Lieber Gott mach mich blind, bei der Henri Hohenemser Regie führen wird. Als deutschsprachige Erstaufführung wird Jens Poth Fausto Paravidinos Die Krankheit der Familie M inszenieren. Für die dramatische Gegenwartsliteratur stehen auch Oleanna von David Mamet sowie Yasmina Rezas Ein spanisches Stück. Je zwei Inszenierungen übernehmen wiederum Peter Hailer und Hermann Schein. Hailer wird den Calderón sowie die Feydeau-Komödie Heiratskandidaten in Szene setzen, Schein führt Regie bei Tschechow und Dürrenmatt. Der polnische Regisseur Andrej Woron wird Christopher Marlowes Doktor Faustus in Szene setzen, einen Vorläufer des Goethe-Klassikers. Als Kinderstück inszeniert Martin Ratzinger Kalif Storch. Spartenübergreifend stehen eine Reihe von Neuproduktionen unter dem Titel „Die Griechen – unser Ursprung“. Dazu zählen das Schauspiel Iphigenie in Aulis sowie die beiden Gluck-Opern. In dieser Spielzeit gehörten L´Orfeo, Ariadne auf Naxos und Platée in diese Reihe.

Acht Sinfoniekonzerte und drei Konzerte in der Centralstation unter dem Titel Musik des 20. Jahrhunderts sowie die Fortsetzung der Mozart plus …-Reihe in der Orangerie und zehn Kammerkonzerte präsentiert Generalmusikdirektor Stefan Blunier, der damit zwei gut eingeführte Reihen an Spielorten außerhalb des Staatstheaters weiterführt.

Frank Raudszus