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Die
alte Frage nach den Gründen von Treue und Untreue bei
Männern und Frauen gipfelt üblicherweise in gegenseitigen
Vorwürfen der Geschlechter, das jeweils andere sei das
eigentlich unbeständige und untreue. Der französische
Autor Pierre Carlet de Chamblain de Marivaux (eine
Ansammlung pseudo-adliger Namen, die er sich teilweise
selbst zugelegt hat) hat dieses Frage in den Mittelpunkt
seines 1744 entstandenen Stückes "La Dispute"
("der Streit") gestellt und schafft dort eine
ungewöhnliche Ausgangssituation.
Zwei
ältere adlige Paare einer überlebten, dekadenten
Gesellschaft streiten sich darüber, ob Männer oder Frauen
von Geburt an eher zur Untreue neigen. Um diesen Streit ein
für alle mal zu klären, lässt der Prinz je drei weibliche
und männliche Säuglinge in völliger Abschottung ohne
Kontakt zum - gleichaltrigen - anderen Geschlecht erziehen.
Zur Zeit ihrer Geschlechtsreife sollen sie dann unter der
Beobachtung der lüstern-gelangweilten Urheber aufeinander
"losgelassen werden", um zu sehen, was geschieht.
Im
Kleinen Haus des Schauspiels hatte Henrike Bromber ein
karges Bühnenbild aufgebaut: ein flacher Kasten von einigen
Metern Seitenlänge erhebt sich als einziges
"Mobiliar" in der Mitte der Bühne. Auf seiner
Vorderseite erscheinen die Dialoge der vier alten Adligen zu
dem besagten Thema Zeichen für Zeichen als Prolog in
Computerschrift. Dann wird ein junges Mädchen von einem
älteren Dienerpaar - ihre Erzieher - mit verbundenen Augen
hereingeführt und sich selbst überlassen. Eglé, so heißt
das Mädchen, muss sich erst in dieser unbekannten Welt
zurechtfinden, in der ein Spiegel ihr zum ersten Mal ihr
eigenes Abbild zurückwirft und sie über ihr Aussehen
entzücken lässt. Als plötzlich ein hübscher junger Mann
erscheint, Azor, sind beide anfangs erschrocken und
misstrauisch, da sie sich gegenseitig nicht einordnen
können. Doch bald siegt die Natur und die beiden finden ein
anfangs naives Wohlgefallen aneinander, das bald in
unbewusste erotische Spielereien und eine schwärmerische
Liebe übergeht. Marivaux verkürzt hier den Weg vom ersten
Kennenlernen zur Liebe bewusst, um schnell zur wesentlichen
Aussage seines Lehrstücks zu kommen. Denn ein Lehrstück
ist "Der Streit", wenn man die etwas gestelzten
und nicht unbedingt altersgemäßen Dialoge dieser beiden -
angeblich völlig naiven - jungen Leute genauer betrachtet.
Hier reden nicht junge Menschen in verwirrenden
Lebenssituation, sondern der Autor mit seiner Botschaft
durch ihre Münder. Aber sei´s drum, auch das kann
kurzweilig sein, wenn denn das Spiel Witz und Hintergrund
hat. Diese beiden Ingredienzien stellen sich auch bald ein,
als ein zweites Mädchen, Adine, auf Eglé trifft und nun
ein "Zickenstreit" um die größere Schönheit und
das Recht auf Bewunderung entbrennt, der sich nur noch durch
das Dienerpaar beenden lässt. Die Geschichte eskaliert, als
Mesrin, Adines in Liebe zu ihr entbranntes männliches
Pendant aus dem menschlichen Labor des Prinzen, auf das
erste Paar trifft und Eglés Interesse weckt. In einer
mitreißenden Szene serviert Eglé ihren Freund Azor ab,
nachdem sie ihm mehr oder weniger deutlich ihren Überdruss
gezeigt hat, und lässt sich von Mesrin umgarnen. Als Azor
daraufhin die Situation überraschenderweise akzeptiert und
mit Adine als neuer Freundin auftritt, ist nicht nur Eglé
dupiert und frustriert, sondern es ist auch der Beweis
erbracht, dass Liebe nicht beständig ist und dass die Sucht
nach dem Neuen Treue und Beständigkeit hinwegfegt.
Allerdings hinterlässt diese Entwicklung verletzte und
enttäuschte Individuen. Der Auftritt eines dritten Paares,
das sich tatsächlich unempfänglich für die Reize anderer
möglicher Partner zeigt und wahre Liebe zur Schau trägt,
ist eher als ironisches Apercu zu verstehen.
Der
Epilog der Alten kommt als Quintessenz wieder als
Computerschrift auf die Bühne. Die Frage ist für beide
Seiten geklärt, aber in jeweils anderer Interpretation. Das
spielt jedoch keine Rolle, da sich die Alten sowieso
gegenseitig nicht zuhören und nur ihre Sottisen und Spitzen
gegeneinander loslassen und sich ansonsten wieder dem
Alkohol und dem Kokain widmen. Das Experiment ist vorbei,
die jungen Leute können irgendwohin entsorgt werden.
Bei
Marivaux kommen die Frauen eindeutig schlechter weg. Die
beiden jungen Männer gerieren sich eher wie große Jungs,
verfallen in Gockelgehabe, lassen aber bis auf wenige
Eifersuchtsattacken auf ihre Kameradschaft nichts kommen.
Die Frauen sind sich dagegen von Anfang an spinnefeind, und
Eglé zeigt sich geradezu als Klischeé der wankelmütigen,
wechselfreudigen Frau. Nebenbei zeigt sich dabei aber auch,
dass die Frauen das Geschehen lenken und die Männer es mit
sich geschehen lassen, in der Meinung, sie seien die Lenker.
Das
Ensemble des Schauspiels Frankfurt legte mit dieser
Inszenierung unter der Leitung von Regisseur Alexander Brill
eine temporeiche und unterhaltsame Aufführung hin, wobei
sich vor allem die jungen Darsteller hervortaten. Vor allem
Franziska Hermann als Eglé und Andrea Bachhuber glänzten
in ihrer Koketterie mit den jungen Männern und dem
beinharten Konkurrenzkampf durch eine breite Palette
psychologischer Feinheiten und durch heftigen physischen
Einsatz bis hin zum "Frauen-Catch". Dejan Bucin
als Azor und Till Frühwald als Mesrin liefern zwei große
Jungs im vollen Saft ihrer Jugend ab, die jedoch von den
psychologischen Fallen und Tricks der Erotik nichts
verstehen. Marianne Mosebach, Christoph Busch, Ewald Ernst
Bremermann und Ursula Kolb geben ein herrlich abgelebtes und
überpudertes Quartett dekadenter und übersättigter
Adliger, während Stefanie Romacker und Eckard Heuer ihren
Part als Diener- und Erzieherpaar wie zwei eiskalte
Bodyguards in schwarzen Anzügen und mit Sonnenbrille
abliefern.
Das
Publikum zeigte sich von der Premiere sehr angetan und
spendete ausgiebig Beifall, von dem am meisten auf Franziska
Hermann entfiel, die auch die umfangreichste Rolle zu
bewältigen hatte. Hinter dem Vorhang hörte man direkt nach
dem Verklingen des letzten Beifalls Begeisterungsrufe und
lautes Lachen. Das Ensemble freute sich zu Recht.
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