Rache als Schicksalsmacht

Guiseppe Verdis Oper "Der Troubadour" auf der Seebühne in Bregenz

 

Den italienischen Opernkomponisten wird gern die Vorliebe für südliche Leichtigkeit und Heiterkeit nachgesagt. Diese Charakterisierung lässt sich auf ihren bedeutendsten Vertreter sicherlich nicht anwenden. Ob "La Traviata" oder "Sizilianische Vesper", um nur zwei zu nennen: immer geht es am Ende unausweichlich schlecht aus. Dabei bedient sich Verdi meist "großer" Themen, sentimentale "Tragik" ist nicht seine Sache. Im "Troubadour", der in diesem und dem nächsten Jahr den Schwerpunkt der Bregenzer Festspiele bildete, stehen ebenfalls die Unheil stiftenden Leidenschaften und ihre unvermeidlich tödlichen Folgen im Vordergrund.

Eine alte Zigeunerin soll einst den jüngeren Sohn des Grafen Luna verhext haben und endete dafür auf dem Scheiterhaufen. Als deren Tochter Azucena eben diesen Sohn entführt und ihn aus Rache ebenfalls verbrennen will, verwechselt sie ihn mit dem eigenen Sohn. Zerrissen von Schuldgefühlen, zieht sie Manrico - so nennt sie den Grafensohn - als ihren eigenen auf. Jahre später kämpft Manrico im Bürgerkrieg gegen den jungen Grafen Luna, seinen eigenen Bruder, wessen sich beide natürlich nicht bewusst sind. Beide lieben Leonora, diese aber zieht den rebellischen Manrico dem arrivierten Grafen vor. Als dieser in dem Rebellenführer auch einen intimen Feind erkennt, wachsen bei ihm die Rachegefühle. Nachdem ihn Manrico bei einem ersten Duell besiegt, aber am Leben gelassen hat, nimmt der Graf Azucena gefangen, um ihren vermeintlichen Sohn Manrico mit ihrem Leben zu erpressen. Nach einigem militärischen Hin und Her - das Libretto ist hier nicht unbedingt konsequent - gerät Manrico in die Gewalt des Herzogs. Leonora bietet sich dem Grafen als Ehefrau im Tausch gegen Manricos Freilassung an und nimmt sich nach dessen Zustimmung das Leben. Gegen diese Absprache richtet der Graf richtet Manrico persönlich unter den Augen Azucenas hin, um in diesem Augenblick zu erfahren, wen er getötet hat. Am Ende haben zwar alle ihre Rache befriedigt, aber durch eigene Schuld die nächsten Angehörigen verloren. 

Die Handlung ist eingebettet in einen Bürgerkriegsrahmen. Dieser spielt jedoch inhaltlich - Ursachen und Auswirkungen - keine Rolle sondern bildet lediglich die Staffage. Die Zensur der österreichischen Behörden des 19. Jahrhunderts - Italien begehrte gegen die k.u.k.-Besetzung auf - dürfte bei dem Verzicht auf eine kritische Darstellung dieses Bürgerkriegs eine wesentliche Rolle gespielt haben. So konzentriert sich die Handlung auf das Quartett Azucena, Manrico, Graf Luna und Leonora und deren dramatische Verwicklungen, die vornehmlich aus Rachegedanken entstehen. Die Zigeunerin Azucena hat sich und der Welt nie den Irrtum bei der Kindsverbrennung verziehen, auch wenn sie Manrico wie ihren Sohn aufzieht. Zwar empfindet sie durchaus mütterliche Liebe zu ihm, aber der Rachegedanken bestimmt ihr Verhalten bis zuletzt, als sie dem Tod Manricos zuschaut, ohne ihr Wissen vorher preiszugeben. Das Gleiche gilt für den Grafen Luna, der Manrico in erster Linie als privaten Konkurrenten und dann erst als Rebellen tötet. Zwischen diesen drei Protagonisten spielt sich das Geschehen hauptsächlich ab, Leonora übernimmt dabei lediglich die Rolle eines Katalysators, eine eigene tragende Rolle füllt sie nicht aus. Zur Mitte der Oper beschließt sie, ins Kloster zu gehen, und später bringt sie sich um, beides beliebte dramaturgische Methoden, um eine Person rechtzeitig aus dem Verkehr zu ziehen. Die wahren Protagonisten fallen von des Feindes Hand oder treten zum Schluss selbst als Mörder auf. Die Beschränkung auf das zentrale Thema der Rache und die konsequente Ausgestaltung der Handlung auf dieser Basis lässt auch kleinere Ungereimtheiten des Librettos zweitrangig erscheinen. Die offensichtlich unausweichliche Zuspitzung der Handlung bis zum tödlichen Finale führt zu einer dramaturgischen Wucht, die sich auch in der Bregenzer Inszenierung widerspiegelt.

Schon das Bühnenbild von Paul Steinberg übt eine düstere, zerstörerische Wirkung aus. Den gesamten Bühnenrückraum nimmt eine mächtige, zergliederte Raffinerie-Nachbildung des zwanzigsten Jahrhunderts ein. Rostrote Zylinder mit Laufgängen und Eisentreppen repräsentieren die Welt der Herrschenden, denen sich die Müllhaldenwelt - ausrangierte Öltonnen und Kanalisationsauslässe - der rebellierenden Zigeuner entgegenstemmt. Flammen, die in dramaturgisch zentralen Momenten aus den Türmen schießen, verweisen auf die Bedeutung des Feuers in dieser Oper - das Feuer des Scheiterhaufens und das der tödlichen Leidenschaften. Dazu tritt der Chor als bewaffnete Wachmannschaft der Anlage auf, in Uniformen, die an asiatische Kader erinnern, und mit stoischer Konsequenz und Unbarmherzigkeit. Unbeschwertes Lärmen findet man sowohl bei den Soldaten wie auch bei den Rebellen nicht. Alle sind zum Kampf bis zum bitteren Ende bereit. 

Doch das ist, wie bereits erwähnt, lediglich das "Ambiente" der Oper, die Handlung selbst nimmt wenig oder keinen Bezug auf die gesellschaftlichen Hintergründe dieses Kampfes. Die auf diese Weise hergestellt Atmosphäre verdeutlicht und intensiviert jedoch die psychologische Befindlichkeit der Protagonisten, die selbst längst über das Stadium irgendwelcher Kompromisse hinaus sind und in gewisser Weise bereits mit ihrem Leben abgeschlossen haben, auch wenn sowohl Manrico als auch der Graf an eine Heirat mit Leonora denken.

Regisseur Robert Carsen lässt die Oper in etwas über zwei Stunden ohne Pause über die Bühne gehen. Abgesehen davon, dass eine Pause bei diesen Zuschauermengen - einem Fußballspiel ähnlich - schon rein logistisch große Probleme aufwerfen würde, kommt diese kompakte Spielführung dem Stück sehr zugute und verleiht ihm das nötige Tempo, das letztlich die Zuschauer förmlich in die Handlung hineinzieht. Kaum ein Moment der Entspannung ist dem Publikum gegönnt, jede Szene führt konsequent hin zu dem sich abzeichnenden Ende. Dabei lässt Carsen die Darsteller über die gesamte Breite und Höhe des Bühnenbilds agieren. Am Anfang, wenn die Verhältnisse scheinbar noch eindeutig und stabil sind, erscheint Graf Luna oben auf den Laufgängen seines (Öl-)Imperiums, während Manrico und die Seinen vor der Szene agieren. Ein breiter Zaun,  wie zur Abwehr - "Achtung Lebensgefahr" - mit gelben Schockfarben gekennzeichnet, trennt die beiden Bereiche. Später vermischen sich die Auftritte. Manrico, nach seinem erfolgreichen Duell gegen den Grafen, verkehrt nun auf "Augenhöhe" mit diesem, was sich in Auftritten von oben zeigt. Danach holt ihn jedoch der Zaun wieder ein, der nun als Symbol für das Gefängnis steht. Die Darsteller wirken teilweise verloren vor der übergroßen, drohenden Kulisse, und das irritiert zu Beginn. Später jedoch ergibt sich diese Verlorenheit zwingend aus der Handlung, in der die Protagonisten der Wucht und der Unüberschaubarkeit der Ereignisse nicht mehr gewachsen sind und sich buchstäblich in dem bedrohlichen Lebensraum verlieren. So gesehen erweist sich eine anfangs fragwürdige Konstellation von Bühnenbild und Darstellern später als richtungsweisend und zielgerichtet.

Zur Musik Verdis muss man hier nicht näher erklären. Sie ist der Handlung und auch der Kulisse mehr als angemessen. Wucht, Dramatik und emotionelle Tiefe kommen hier in elementarer Weise zum Ausdruck. Wenn auch die Musik nicht direkt aus dem Orchestergraben sondern über entsprechend starke Lautsprechersysteme zum Publikum gelangt, tut dies der Wirkung keinen Abbruch. Natürlich kann hier keine intime Atmosphäre entstehen, aber die erwartet man bei Verdi und speziell bei dieser Oper sowieso nicht. Das Gleiche gilt für die Sänger. Natürlich kann man auf einer Freiluftbühne dieser Ausmaße nicht die "Naturstimme" erwarten. Auch lyrischen Aspekten ist die Umgebung nicht gerade sehr wohl gesonnen, obwohl die elektronische Verstärkung auch hier Einiges bewirken kann. Doch die expressive Emotion kommt auf dieser Bühne voll zum Tragen. Dabei ist hervorzuheben, dass die Stimmen in Bregenz in keiner Weise unter der elektronischen Verstärkung leiden. Über den gesamten Frequenzbereich der menschlichen Stimme sind keinerlei technisch bedingte Verzerrungen zu verzeichnen.

Womit wir bei den Stimmen wären. Mit Zeljko Lucic (Graf Luna), Sondra Radvanosky (Leonora), Larissa Diadkova (Azucena) und Alfredo Portilla (Manrico) hatte man internationale Künstler von Rang verpflichtet, die ihrem Ruf in vollem Umfang gerecht wurden. Beeindruckend vor allen anderen Larissa Diadkova, die der Azucena eine besondere Ausdrucksstärke zwischen Leidenschaft und Wahnsinn verlieh. Sie verkörperte die innere Zerrissenheit dieser Frau zwischen Liebe zu ihrem Ziehsohn und Rache für ihre Mutter auf überzeugende Weise. Ihre Solo-Arien waren Höhepunkte dieses Opernabends. Dagegen verblieben die Darsteller der Leonora, des Manrico und es Grafen Luna eher im Rahmen ihrer übersichtlicheren Figuren, die keine inneren Brüche und Konflikte zu meistern hatte, ohne damit ihre Leistung schmälern zu wollen. Alfredo Portilla bestach durch seine klare und sehr präsente Stimme, Zeljko Lucic durch die Zwischentöne und Sondra Radvanovsky durch ihr lyrisches Talent.

Thomas Rösner leitete die Wiener Symphoniker mit sehr viel Umsicht und behielt jederzeit engen Kontakt zur Bühne, den er in Bregenz nur über den Umweg eines Monitor sicherstellen kann. Das Zusammenspiel zwischen Bühne und Orchestergarben klappte jedoch ausgezeichnet, und das Orchester wurde zum vollgültigen Partner der Akteure auf der Bühne.

Das Publikum belohnte das gesamte Ensemble mit lang anhaltendem Beifall, was vor allem angesichts der kühlen Witterung bemerkenswert war. Nur wenige Zuschauer stahlen sich vorzeitig weg, um dem unvermeidlichen Gedränge am Ausgang zu entgehen.

Der "Troubadour" wird auch im nächsten Jahr den Schwerpunkt des Festspielprogramms bilden.

Frank Raudszus