Varieté reloaded

Caesar Twins and Friends im Chamäleon

 

Nächtliche Streifzüge durch die Clubs im Herzen Berlins müssen im Juli um eine Station erweitert werden. Die "Location" am Hackeschen Markt findet sich üblicherweise nicht auf dem Tourplan und dennoch dürfte das Chamäleon Varieté im Handumdrehen zum Höhepunkt avancieren: das Spektakel der Caesar-Zwillinge und ihrer Freunde lebt den Rhythmus Berliner Nächte. Ihre wilde Mischung von Stil- und Musikelementen unterschiedlichster Art ist multi-kulti, berauschend und unverschämt sexy.

Die "Caesar Twins"

Die eineiigen Zwillinge Pierre und Pablo sind (ein) Herz und (eine) Seele der Bühnenshow. Man könnte sie als Adonis in zweifacher Ausführung bezeichnen - beide 24 Jahre jung, 1,64 m groß, platinblondes Haar, gebräunte Haut und einen Körper, von dem Frau manches Mal schon geträumt haben mag. Der Zuschauer vermag die zwei lediglich anhand ihrer Oberarm umspannenden, verschlungenen Tätowierungen zu unterscheiden. Die beiden stechen aus der diffusen Menge internationaler Varietékünstler hervor, weil sie artistische Perfektion mit dem Lebensgefühl junger Menschen des neuen Jahrtausends paaren. 

Die Show ist ein Medley von Lichtkunst, Artistik, Clubatmosphäre und Zirkuszauber, so dass es wie ein „Remake“ des klassischen Varietés erscheint. Damit spricht es über das traditionelle Varieté-Publikum schlagartig neue, auch jüngere Zielgruppen an. Hier untermalt Deep House Musik die dargebotene Körperkunst, begleitet von Live-Saxophonist André Borges und der Soul-Stimme von Adora. Eine Zeitung aus San Francisco resümiert treffend: „Wenn das der Zirkus des 21. Jahrhunderts ist, dann geht es aufwärts.“ 
Tomasz verführt mit Stimme, Schleier- und Bauchtanz; die Schweizer Seiltänzerin Ziska Riva wirkt einem mittelalterlichen Gauklerfest entsprungen und das Duo Gorodji schwebt in Lufttänzen über die Köpfe der Zuschauer hinweg. 

Seiltänzerin Ziska Riva

Die besondere Ästhetik der Caesar-Zwillinge liegt irgendwo zwischen Ballett, Capoeira und fernöstlichem Kampfsport und verleiht dadurch deren Auftritt überraschende Vielfalt. In manchen Momenten erinnern die Bewegungen an die Zeitlupe der Matrix-Filme. Ihre Akrobatik ist mal ein Ineinander-verschmelzen, mal ein Auseinander-hervorgehen – fast wirkt es wie eine optische Täuschung, wenn die zwei Körper für Sekunden kaum mehr unterscheidbar sind. Dieses Muster greift später ein Schattenspiel wieder auf. Schließlich ist die „virtual reality“ perfekt, als die Brüder einen Kampf aus dem Play-Station-Spiel TEKKEN nachspielen – mit 100%iger Treue zum Original hinsichtlich der spezifischen Kampftechniken einzelner Akteure, in Bezug auf den Soundtrack und sogar die Off-Stimme. 

 

Das Duo Gorodji

Wandlungsfähigkeit spiegeln auch die Kostüme von Pierre und Pablo wider. Anfangs lassen blütenweiße, schmal geschnittene Sommeranzüge die athletischen Oberkörper hervor blitzen, dann fächern sich dunkle, asiatisch anmutende Wickelhosen in luftiger Höhe am Trapez wie Flügel auf. Zum Finale tauchen sie in engen Hosen wie in einer elastischen zweiten Haut in ein 800 Liter Wasser fassendes Kugelbecken ab und wie neugeboren wieder daraus empor.

 

An solch einem Abend taucht man tief in die Hauptstadt-Nacht.

Anna Raudszus


Spielzeiten: 
Dienstag bis Freitag, 21 Uhr. Samstag 19 und 22 Uhr. Sonntag 19 Uhr.
Bis 31. Juli 2005.

www.chamaeleonberlin.com

Chamäleon Musik_Theater_Varieté
in den Hackeschen Höfen
Rosenthaler Straße 40/41
10178 Berlin-Mitte

Tickethotline: 030.4000 590

Die Bilder wurden der Chamäleon-Webseite entnommen.