WEnn die Haut zum Stein des Anstoßes wird....

Ausstellung "Die nackte Wahrheit" in der Frankfurter Kunsthalle Schirn

 

Die vorletzte Jahrhundertwende trug unter anderem den Namen "Fin de siècle". Was eigentlich nur die sachliche Bezeichnung einer kalendarischen Tatsache darstellte, entwickelte sich schnell zu einer Metapher für Zeitenende, Untergang und Dekadenz. Typisch für dieser Epoche war die Erstarrung im Konventionellen, Althergebrachten und die Verleugnung der körperlichen Natürlichkeit aus einer bigotten, das Geschlechtliche als Sünde brandmarkenden Religiosität. Das galt besonders für das "kakanische" Österreich, in dem vermeintlich nur ein starrer katholischer Wertekanon den Deckel auf dem langsam vor sich hin köchelnden Vielvölker-Topf geschlossen halten konnte. Auch die Wiener Architektur dieser Zeit mit ihrem falschen weil alte Epochen nachahmenden Stil spiegelt diese Erstarrung wieder.

Mitten in diese Verkrustung stieß eine Reihe von bildenden Künstlern, allen voran Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka. Sie wagten es plötzlich, Menschen in ihrer ganzen natürlichen und nicht stilisierten Nacktheit wiederzugeben. Schon vorher hatten Vorläufer wie Makart nackte Menschen - vorzugsweise Frauen - im Umfeld historisierender Bilder dargestellt. Dabei war die erotisierende Wirkung durchaus beabsichtigt, wenn auch kaschiert durch den "politisch korrekten" Bildungskontext. Nacktheit wurde in diesem Fall nur als antik weil idealisiert verstanden, obwohl zumindest jeder Mann auch heute beim Betrachten dieser Bilder unwillkürlich an Herrenmagazine denkt. Ein klarer Fall von Doppelmoral also. Und in diese verlogene Gesellschaft hinein platzierten die erwähnten Künstler ihre provozierenden Bilder. Primäre Geschlechtsmerkmale stellten sie ebenso ungeschminkt wie anatomisch korrekt dar, die Schönheit des idealisierten Körpers ersetzten sie durch die Realität durchschnittlicher oder gar alter und hässlicher Körper. Ein besonderer Skandal war Klimts dreiteiliges Deckengemälde - Medicin, Philosophie, Jurisprudenz - für die Wiener Universität, das bis in das österreichische Parlament hinein hohe Wellen der Entrüstung schlug, weil es die drei Themen in einer sehr realistischen Weise in Szene setzte. Andere Künstler - so Egon Schiele - gingen sogar ins Gefängnis, weil in ihren Privaträumen (!) Skizzen obszönen (weil hoch erotischen) Inhalts hingen und weil sie angeblich junge Mädchen als Aktmodelle portraitierten. Hier gingen die Tatsachen dann in Legenden und Unterstellungen über, und jeder Ankläger bastelte sich sein eigenes Sündenregister der neuen Künstlergeneration zusammen.

Diesen gesamten Kontext spiegelt die Ausstellung "Die nackte Wahrheit" in der Frankfurter "Kunsthalle Schirn" wider. Nicht nur vermitteln die dort ausgestellten Bilder und Skizzen einen guten Überblick über Themen, Probleme und Obsessionen der Künstler, sondern eine Reihe von großflächigen Faksimiles aus der damaligen Tagespresse gibt dazu die Stimmung der Öffentlichkeit ("gesundes Volksempfinden") wieder. Dabei finden sich nur wenige Stimmen, die der neuen Kunstrichtung auch positive Aspekte abgewinnen; meist schimmert zwischen den Zeilen mehr oder minder deutlich Ablehnung oder Entrüstung durch, wenn sie nicht sogar gleich mit dem journalistischen Holzhammer daherkommen. Heutigen Besuchern, die durch die Vielfalt und die - sexuelle - Aggressivität der Medien längst konditioniert und abgehärtet sind, erscheint die damalige Aufregung eher grotesk, und die Rezeption der ausgestellten Bilder beschränkt sich weit gehend auf die ästhetische Seite; doch gerade die erklärenden Texte sowie die zeitgenössischen Zeitungsausschnitte vermitteln einen deutlichen Eindruck von der vehementen Wirkung dieser Künstler zu ihrer Zeit.

Die Ausstellung ist bis zum 24. April 2005 wie folgt geöffnet: Dienstag und Freitag bis Sonntag 10-19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10-22 Uhr. Der Eintritt beträgt 8 €, der umfangreiche begleitende Katalog kostet ca. 29 Euro.