|
Die
"Szene " des tänzerischen Ausdrucks hat sich in
den letzten zehn Jahren gespalten in eine Sparte des
klassischen Balletts, das Geschichten wie
"Dornröschen" und "Schwanensee" auf der
Bühne nacherzählt, und in die neue Variante des
Tanz/Theaters, das die musikalische Vorlage stark reduziert,
oftmals sogar verschwinden lässt, die Handlung einer zu
erzählenden Geschichte in den Hintergrund verweist und den
tänzerischen Ausdruck von Gefühlen und Befindlichkeiten
als Selbstzweck setzt. Zwischen diesen beiden Antipoden
schien sich eine Interpretationslücke aufzutun, die
ihrerseits wieder viel Raum für neue Ansätze bietet.
Das
Zürcher Ballett, seit 1996 unter der Leitung von Heinz
Spoerli, füllt diesen "Zwischenraum" mit seinem
neuen Programm in bestechender und überzeugender Weise aus.
In Frankfurt präsentierte Heinz Spoerli am 2. März in
einem abendfüllenden Programm drei Choreographien, die bei
aller Unterschiedlichkeit eine Gemeinsamkeit aufweisen: mit
kreativer Bewegungsgestaltung eine vorgegebene Musik in Tanz
umzusetzen, ohne damit gleich eine Handlung im klassischen
Sinn erzählen zu wollen. Die Musik und die Bewegungen der
Tänzer auf der Bühne stehen im Mittelpunkt des Geschehens.
Die
erste Choreographie, "All Shall Be", bringt Johann
Sebastian Bachs Suite D-Dur, BWV 1068, auf die Bühne. Zu
der vom Museumsorchesters Frankfurt im Orchestergraben
interpretierten Musik präsentiert das kopfstarke Zürcher
Ensemble eine tänzerische Umsetzung, die den einzelnen
musikalischen Motiven detailliert nachgeht. Nacheinander
treten bis zu zwölf Tänzer in Dreiergruppen auf, mischen
sich, treten wieder auseinander, bilden Figuren und folgen
mit ihren flüssigen Bewegungen den dynamischen Mustern der
Musik Bachs. Dabei nutzen sie die volle Breite und Tiefe des
Bühnenraums. Zu den ganz in Rot gekleideten Tänzern kommen
später ebenfalls rot gekleidete Tänzerinnen, ebenfalls in
Gruppen, hinzu, um sich dann zu Paaren mit den Tänzern zu
vereinigen und verschiedene Paar- und Gruppenfiguren zu
tanzen. In der "Air" der Suite verdunkelt sich der
Raum, die meisten Tänzer kauern am Boden, und wenige Paare
tanzen in gemessenen, abgezirkelten Bewegungen durch die
kauernde Gruppe. So folgt jeder Satz dem musikalischen
Muster der Vorlage, wobei die Choreographie durchaus das
klassische Ballett zitiert. Harmonie der Bewegungen, bei den
Tänzerinnen ausgesprochen weibliche Bewegungsabläufe, und
Gefälligkeit wie Flüssigkeit der Figuren sind elementare
Charakteristiken dieser Produktion. So gesehen verneigt sich
der Choreograph nicht nur vor dem herkömmliche
Ballettpublikum sondern auch vor der Musik Bachs, die sich
nicht gerade für avantgardistische Experimente anbietet.
Einziger Negativpunkt war die Leistung des Orchester, das
vor allem bei den Blechbläsern deutliche Schwächen in der
Intonation und bei den Einsätzen zeigte. Diese Schwächen
wirkten sich dann auf das gesamte Orchester in Form einer
fehlenden Balance des dynamischen Ablaufs aus.
Der
zweite Programmpunkt, eine tänzerische Umsetzung der
Ouvertüre zu Rossinis "La gazza ladra" ("Die
diebische Elster") unter dem Namen "Skew-Whiff",
trägt dagegen eher den Charakter eines
"Bewegungs-Workshops" zu einer vorgegebenen Musik.
Drei Tänzer und eine Tänzerin - die erst später dazu
stößt - übernehmen die musikalischen Motive und
dynamischen Abläufe unmittelbar in ihre Bewegungen. Dabei
steht jedoch nicht mehr unbedingt die Eleganz und Schönheit
der Bewegung im Vordergrund, sondern die Vielfalt der
körperlichen Ausdrucksmittel. Da verbiegen sich die Tänzer
zu lebenden Bildern, Statuen gleich, um sofort danach in
Zuckungen zu verfallen, die einen Trommelwirbel der Musik
oder schnelle Streicher-Pizzicati widerspiegeln. Dabei
entwickelt die Choreographie viel kreativen Humor, so wenn
sich die Tänzer von Zeit zu Zeit am Bauchnabel wie eine
Puppe aufzuziehen scheinen, um weiter tanzen zu können,
oder wenn Überraschung, Unverständnis und - gespieltes -
Unvermögen nicht nur die Bewegungen, sondern auch Mimik und
Gestik der Darsteller prägen. Diese von den Choreographen
Lightfoot/Leòn des "Nederland Dans Theaters"
kreierte Produktion erntete denn auch beim Publikum viele
spontane Lacher, auch wenn sie vielleicht gar nicht so
humorig gedacht war. Denn in der Beziehung zwischen den drei
Tänzern und der Tänzerin spiegeln sich auch die Spannungen
zwischen den Beteiligten des künstlerischen Prozesses bei
der Entstehung einer neuen Choreographie. In dieser Hinsicht
bietet diese Produktion auch einen Blick in das Innenleben
einer Tanzcompagnie. Auch erotische Anzüglichkeiten finden
in dieser Kreation ihren Platz, wirken jedoch nie
deplaciert, und vor allem die körperliche Leistung der
Protagonisten auf der Bühne ist hervorzuheben, erinnern die
präsentierten Bewegungsabläufe in ihrem Schwierigkeitsgrad
doch oft Zirkusakrobatik.
Im
dritten und abschließenden Programmpunkt dieses Abends
widmet sich Heinz Spoerli mit seiner Tanzcompagnie
schließlich einem "Skandalstück" der
Ballet-Literatur, dem "Sacre du printemps" von
Igor Strawinsky, das bei seiner Uraufführung 1913 in Paris
beim Publikum einen Aufruhr verursachte, der bis zu
Schlägereien zwischen Gegnern und Anhängern führte und
anschließend sowohl Presse als auch Justiz in Atem hielt.
In dieser Ballettmusik hat Strawinsky alte heidnische
Frühlingsriten wieder aufleben lassen, bei denen die
Götter beschworen werden und eine junge Frau als Opfer an
diese ausgewählt wird. Strawinskys Musik entspricht dem
düsteren, urtümlichen Sujet und entbehrt jeder
Gefälligkeit. Hart und dissonant treffen die Klänge
aufeinander, so etwas wie ein Thema entwickelt sich nur
sporadisch und flüchtig in den Holzbläsern, und wenn man
sich gerade in das Thema hineingehört hat, wird es wieder
von harten Schlägen der Schlaginstrumente oder extrem
reibenden Streichersequenzen zerrissen. Zu diesen
mythisch-heidnischen Motiven lässt Spoerli das gesamte
Tanzensemble in archaisch getrimmten Kostümen auftreten,
die Frauen mit offenen Haaren, die Männer mit nacktem
Oberkörper. Im Hintergrund symbolisieren zwei waagerechte
Balken primitive Wohn- und Schlafstätten, ein Berg aus
Sand, auf den wie in einer Sanduhr aus der Höhe ständig
Sand rieselt, leuchtet im Schein der Lampen wie der heilige
Gral. Von diesem "Heiligtum" geht der archaische
Tanz aus, zu ihm führt am Ende alles zurück. Dazwischen
spielen sich die Riten der heidnischen Gemeinde ab: man
läuft im Kreis um einen imaginären Mittelpunkt oder um das
auserwählte Opfer, die Opfer-Kandidatinnen wehren sich
gegen ihr Schicksal, werden jedoch von den Männern immer
wieder eingefangen, aus einem anfangs scheinbar chaotischen
Durcheinander schält sich sukzessive das Muster heraus.
Immer wieder wendet sich die Aufmerksamkeit dem heiligen
Berg zu, und am Ende wird das Opfer auf diesem Berg sterben.
Die
Bewegungen dieser Choreographie tragen - dem Sujet
entsprechend - keine gefälligen Züge. Archaische Motive
wie Angst, Unterdrückung, Ehrfurcht und Überlebenswille
spiegeln sich deutlich in den Figuren wieder, der aus Furcht
geborene Zusammenhalt der Menschen kommt in eng aneinander
gepressten Gruppen zum Ausdruck. Das Ganze spielt sich mit
hohem Tempo ab und verlangt von den Darstellern noch einmal
hohen körperlichen Einsatz. Die Musik liefert dazu ein
bedrohliches akustisches Szenario und verstärkt den
optischen Eindruck des Bühnengeschehens auf perfekte Weise.
Beklemmung, aber auch Faszination ergreifen die Zuschauer
und entlassen sie bis zum Schluss nicht mehr aus ihren
Fängen. Das
Orchester konnte sich bei Rossinis "Diebischer
Elster" und beim "Sacre du Printemps"
deutlich steigern; man hatte das Gefühl, es habe sich nun
warm gespielt, und am Ende überzeugte es bei Strawinsky
ohne Abstriche.
Das
Publikum musste nach dem Schluss des "Sacre du
Printemps" erst aus der Beklemmung erwachen, ehe ein
starker und sich stetig steigernder Beifall einsetzte. Viele
"Bravos" mischten sich unter den Applaus und
unverständlicherweise gab es für Heinz Spoerli auch einige
"Buhs" aus den hinteren Reihen. Aber das scheint
heute ja schon zum Standard-Repertoire zu gehören: Beifall
für die Darsteller, Watschen für für die Regie. Es blieben jedoch so wenige, dass sie schließlich im
allgemeinen Beifall untergingen.
Weitere
Aufführungen finden am 3., 4., 5. und 6. März statt,
jeweils um 20 Uhr.
|