Kammermusik mit Herz und Verstand

8. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt mit dem Vogler-Quartett

 

Das Vogler-Quartett und Cellist Daniel Müller-Schott

Streichquartette waren im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert einige der wenigen Möglichkeiten, anspruchsvolle Musik auch im häuslichen Kreis zu hören. Dabei war mangels technischer Abspielgeräte das eigene Spiel auf den Instrumenten erforderlich. Wegen der besseren Mobilität waren vor allem Streichtrios, - quartette und -quintette beliebt. Das Klavier ließ sich halt nicht so gut zu Freunden transportieren. Heute hat sich diese Funktion der privaten "Streichergruppen" leider verloren, da die Musik von der CD oder DVD kommt und das Selbstspielen nicht mehr "nötig" ist. So bleibt die Rezeption dieser Musik auf die Konzertsäle beschränkt, wo sie zwar in unvergleichlich höherer Qualität, aber eben doch ohne Eigenbeteiligung des normalen Rezipienten ertönt. Das Staatstheater Darmstadt brachte am 18. Mai gleich drei besondere Kompositionen dieses Genres auf höchstem Niveau zu Gehör, und - um es gleich vorweg zu sagen - wer für diese übrigens ausverkaufte Veranstaltung keine Karten mehr bekam, war wirklich zu bedauern. Mit dem Vogler-Quartett aus Berlin und dem "Ausnahme"-Cellisten Daniel Müller-Schott trat nämlich eine hochkarätige Künstlergruppe auf, wie man sie sonst selten zu hören (und zu sehen) bekommt.

Joseph Haydn

Zum Auftakt erklang Joseph Haydns Streichquartett in F-Dur op. 77. Die hohe Werkzahl und ihr Entstehungsdatum (1799) weisen sie als Spätwerk des 1732 geborenen Komponisten aus. Mozart war zu diesem Zeitpunkt bereits acht Jahre tot und man darf annehmen, dass Haydns Werke nach dem Tode des großen Zeitgenossen sicherlich Spuren dessen Wirkens aufweisen. Dies gilt umso mehr, als man um die aufrichtige Bewunderung Mozarts seitens des fast ein halbes Jahrhundert älteren Haydn weiß. Das Streichquartett zeichnet sich denn auch durch eine Komplexität aus, die deutlich über frühere Werke dieses Genres Joseph Haydns hinausgeht. Zwar gilt immer noch der von Haydn selbst als neues Maß eingeführte viersätzige Aufbau mit schnellen Ecksätzen, einem Menuett und einem langsamen Satz, jedoch verlassen diese Sätze - vor allem Menuett und Andante - den bis dahin üblichen Ausdrucksraum. Das Menuett kommt nicht mehr als einfaches Tanzstück daher, nach dem sich die Damen und Herren der Hofgesellschaft auf dem Parkett drehen, sondern vermischt auf kunstvolle Weise Zweier- und  Dreiermetrik miteinander und gewinnt dadurch an Dynamik und Ausdrucksweise. Das Andante wiederum variiert ein vorgegebenes Thema in einem dynamisch aufsteigenden Vortrag und beschränkt sich dabei durchaus nicht auf eine lyrische Grundstimmung. Alle Sätze atmen eine Ausdruckskraft und -breite, die man ihrem Schöpfer angesichts seines für damalige Verhältnisse bereits fortgeschrittenen Alters (67 Jahre) nicht zugetraut hätte. Diese Einleitung des Programms stellte deutlich mehr als ein Stück zum "Aufwärmen" dar und forderte von den Zuhörern von Beginn an Konzentration und musikalisches Mitdenken. Das Vogler-Quartett präsentierte dieses Werk mit hoher Konzentration und durchaus mit einer musikalischen Intensität, die man bei Haydn-Streichquartetten nicht immer gewohnt ist. Zwar verließen die Musiker nicht das klassische Ebenmaß, doch sie vermaßen seine Grenzen bereits bei Haydn auf erfrischende Weise.

Der Russe Anton Arensky

Danach sprang das Programm um hundert Jahre ins "fin de siècle" zu dem Russen Anton Arensky, der zu Unrecht in eine gewisse Vergessenheit geraten ist und sich hier als Meister der Streichermusik zeigt. Sein Streichquartett Nr. 2 in a-moll betrauert den Tod Tschaikowskys und bringt die Trauer mit einer Vielfalt musikalischer Ideen und Ausdrucksmittel zur Geltung. Die Moll-Stimmung durchweht - natürlich - die gesamte Komposition, die Spätromantik in Verbindung mit Elementen der russischen Musiktradition ist unverkennbar. Die weit ausladende Themen und Motivbögen erinnern in ihrer Intensität bisweilen an Mahler, der zweite Satz variiert - sozusagen als Verbeugung vor dem Toten - ein Thema  Tschaikowskys, und der Finalsatz greift in ebenfalls emotionell aufgeladener Art ein russisches Volkslied auf. Die Vielfalt der Themen und rhythmischen Elemente, die immer wieder überraschenden Wechsel der Motive unter Verzicht auf eine strenge Form wie auch die Ausdrucksbreite und die nie sentimentale Empfindsamkeit dieser Musik überraschte die Zuhörer und brachte den meisten einen Komponisten "hautnah" zu Gehör, von dem sie bis dahin wahrscheinlich noch nichts gehört hatten. Auch hier zeigte sich das Vogler-Quartett, nun unterstützt von Daniel Müller-Schott am zweiten Cello, von seiner besten Seite. Ja, man kann wohl sagen, dass die Wirkung dieser Musik weit gehend auf die äußerst konzentrierte und im Detail nachempfindende Interpretation der vier Musiker zurückzuführen ist.

 

Franz Schubert

Nach der Pause folgte dann der Höhepunkt mit Franz Schuberts Streichquartett C-Dur op. post. 163. Diese 1828 entstandene und erst Jahre nach Schuberts Tod zum ersten Male aufgeführte Werk besticht vor allem durch die mutige Auflösung der üblichen Strukturen. Das beginnt schon mit dem ersten Satz, der durchaus nicht frisch und schnell sondern mit einem einzelnen, lang ausgehaltenen Akkord beginnt, aus dem sich erst langsam so etwas wie ein Thema entwickelt. Diese Technik der Verzögerung, ja des "Anhaltens" der Musik wendet Schubert in Folge konsequent immer wieder an. Die Musik scheint bisweilen still zu stehen, dann wieder melden sich vornehmlich Klopftöne aus den Celli oder auch aus den Violinen, und immer wieder steigen aus diesen Momenten des Innehaltens typisch Schubertsche Themen auf, die eine fast beklemmende Sehnsucht ausdrücken, die nie zur Erfüllung gelangt. Der erste Satz entwickelt dabei eine geradezu marathonische Länge, ohne sich dabei auch nur einen Augenblick nur zu wiederholen oder in Längen abzugleiten. Wer einmal von den berühmten "himmlischen Längen" Schubertscher Musik gehört hat, kann sie hier nachempfinden. Das Adagio verbreitet eine schwermütige und klagende Stimmung, und auch das Scherzo kommt durchaus nicht lustig daher, auch wenn es sich durch eine dynamische und recht bewegte Rhythmik auszeichnet. Doch auch hier überwiegt wieder eher eine halb aufbegehrende, halb verzweifelte Stimmung. Der Finalsatz nimmt dann die typische Musik der k.u.k-Zeit auf, wie sie sich später in der Kaffeehaus-Musik etablierte. Doch bei Schubert wirken diese Themen nie nur lustig oder gar flach. Es klingt eher wie Kaffehaus-Musik auf der sinkenden "Titanic". Die durchaus an "Grinzing" und "Heurigen" erinnernden Themen klingen hier alles andere als touristisch oder nur unterhaltsam. Immer wieder dringen vor allem die Celli mit ihren klagenden und drängenden Motiven durch und dominieren über lange Strecken den Gesamteindruck. Nur selten setzen sich die Violinen an die Spitze der Bewegung, dann jedoch fordernd und mit einem unbeugsamen Optimismus, nur um dann dich wieder den Celli den Vortritt zu überlassen. Für die Zuhörer wurde dieses Stück zu einem spannenden Mehrkampf der Stimmen und Stimmungen, die sich gegenseitig bestärkten, aber auch in Frage stellten. Diese elementare, kompromisslose Auseinandersetzung zwischen den einzelnen Stimmen und Instrumenten entwickelte einen nie endenden, sich immer wieder neu aufbauenden Spannungsbogen, der bis zum letzten Akkord hielt und die Zuhörer einen Moment wie betäubt zurückließ, ehe die "Bravorufe" vorne und hinten ausbrachen. 

Das Publikum zeigte seine Begeisterung durch lang anhaltenden Applaus, der die Musiker mehrmals auf die Bühne zurückrief. Zugabe jedoch gab es angesichts des langen und im wahrsten Sinne des Wortes erschöpfenden Programms nicht. Es hätte auch nicht gepasst, hier noch ein Kabinettstückchen anzuhängen.

Frank Raudszus