Melancholischer Dreiklang aus Sprache, Tanz und Lied

Das Wiesbadener Ballett-Ensemble mit Astor Piazollas Tango-Oper "Maria de Buenos Aires" in Darmstadt

 

Astor Piazollas schwermütige "Tango-Operita" über das arme Mädchen Maria, die in Buenos Aires als Straßenmädchen lebt und früh stirbt, stand schon einmal im Programm des Staatstheaters Darmstadt. Im April 2002 degradierte die mittlerweile ein wenig gealterte Diva Milva den argentinischen Tango in einer "Personality Show" ein wenig zum Erfüllungsgehilfen ihres Gesangs. Jetzt hat das Wiesbadener Ballett unter der Leitung von Ben van Cauwenbergh das melancholische Portrait einer südamerikanischen Großstadt und ihrer Bewohner in einer tänzerischen und musikalischen Choreografie auf die Bühne gebracht und darin das eigentliche Thema - den Tango und dessen Ausdruckskraft - in den Mittelpunkt gestellt.

Der Inhalt besteht eher aus einer Collage sich wiederholender Szenen denn aus einer sich dramatisch entwickelnde Handlung. Das arme Mädchen Maria flieht vor einem Straßenjungen nach Buenos Aires, wird dort zur Prostituierten und stirbt. Ein Magier erweckt sie wieder zum Leben, sie lernt einen Sänger kennen, wird schwanger und bringt sterbend den Tango zur Welt. Soweit die von Piazolla gezimmerte Legende. Die Geschichte um Maria dient vorrangig als Hintergrund für die Eigenart des argentinischen Tangos, der so nichts mit seiner europäischen Tanzform zu tun hat. Der "Tango Argentino" umfasst ein breites Spektrum an Rhythmen, Harmonien und Motiven und drückt mehr ein Lebensgefühl als die bloße Freude am Tanzen aus. Seine überwiegende Erscheinungsform ist nicht zackig und feurig sondern tief melancholisch, und der Rhythmus durchaus nicht auf den - in Europa fast militärischen strammen - Vierviertel-Takt beschränkt. Im "Tango Argentino" kann man sich verlieren, die Welt vergessen und sie entdecken. Auch der dazugehörige Tanz hat nichts Steifes oder Forsch-Erotisches, wie oft in Europa missdeutet, sondern strahlt eine schwermütige Erotik aus, die über die selbstvergessenen Bewegungen zu der introvertierten Musik die Realität zu vergessen hilft.

So inszeniert auch Ben von Cauwenbergh das Stück als getanzte Allegorie auf den Tod. Maria liegt anfangs als Tote auf der Bühne, während das Ensemble sie einzeln oder in Paaren umtanzt. Dann erscheint der magische Sprecher und erweckt sie langsam zum Leben. Diese "Reanimierung" variiert van Cauwenbergh im Folgenden des Öfteren, wie einen ewigen Kreislauf, der sich im Tango niederschlägt. Dabei lässt er multiple Marias sozusagen als Reinkarnationen oder "Alter Egos" nebeneinander auftreten. Mal ist es die neue Maria neben der alten, mal die vernünftige neben der in den Tag hinein lebenden. Doch hinter diesen mehrfach auftretenden Marias steht keine anklagende oder aufklärerische Absicht, van Cauwenbergh macht aus "Maria de Buenos Aires" nicht eine Anklage an eine gewissenlose oder gleichgültige Gesellschaft. Die wiedergeborenen Marias klagen nicht die Umwelt an oder versuchen, die Verhältnisse zu ändern, sondern verfallen über kurz oder lang dem gleichen Schicksal wie die erste Maria. Die Geschichte wiederholt sich, es gibt keinen erkennbaren Fortschritt, wer einmal unten ist, wird dort immer bleiben. So lässt sich durchaus auch Piazollas ursprüngliche Idee interpretieren, der in erster Linie den Tango als Ausdrucksmittel für die Nöte und die hoffende Hoffnungslosigkeit des Volkes inszeniert und erst in zweiter Linie an die gesellschaftlichen Verhältnisse denkt. Die Inszenierung hält sich insofern an diese Vorgabe, als sie die Aussage nicht verbiegt zu einem vordergründigen Diskurs über die Ursachen.

Das Stück lebt vollständig von der außerordentlich eindringlich und ohne jegliche Sentimentalität aufspielende Tango-Band, die sich im Bühnenhintergrund mal ebenerdig, mal luftig erhöht präsentiert, mit schwarzen Hosen, Hemden und Hüten, und von dem Tanz-Ensemble, das den restlichen Bühnenraum ausfüllt. Die Bewegungen der Tänzer und Tänzerinnen interpretieren in vielfachen Variationen das Lebensgefühl des Tangos, sind immer verhalten , etwas verzögert, scheinen nicht zu wissen wohin, drehen sich um eine imaginäre Achse, suchen nach einem Halt, den es nicht gibt. Der Sprecher und der Sänger kommentieren und illustrieren die Vorgänge, der Sprecher mit einem fast diabolischen Sarkasmus in langen spanischen Texten, die in ihrer poetischen Dunkelheit Assoziationen aller Art wecken und bewusst auf eine vordergründige Verständlichkeit verzichten. Die deutschen Übertitel dienen nicht einem Verständnis der Handlung sondern versuchen, die mal surreale, mal symbolistische Poesie ins Deutsche zu übersetzen, um dem Publikum eine Ahnung von der Ausdrucksstärke der spanischen Texte zu vermitteln. Man sollte nicht zu lange nach dem Sinn der Sätze suchen sondern eher auf ihren lautmalerischen Klang und die wie Blumen aufbrechenden Assoziationen achten. Ähnlichen Charakters sind die vom Sänger ("El Cantor") vorgetragenen Lieder, die voll hintergründiger und melancholischer Anspielungen sind.

Im zweiten Teil traten einige Längen auf, wenn die Variationen der Geschichte keine neuen Aspekte mehr bringen und die gesprochenen Texte sich ausdehnen. Hier vermisste man ein wenig eine erkennbare Struktur in der Choreografie, die im ersten Teil noch deutlich vorhanden war. Doch das wirkte sich nicht gravierend auf den Gesamteindruck aus. Dank der überzeugenden Leistungen des Tanz-Ensembles und der Intensität der Musik blieb der Spannungsbogen - mit leichten Schwankungen - bis zuletzt erhalten.

Das Publikum war von dieser Aufführung durchweg begeistert und spendete sowohl dem Ensemble wie auch der Band und dem Choreografen Ben van Cauwenberg lang anhaltenden Beifall.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Jens Kaufheld