Leichte Unterhaltung zum Saisonabschluss 

Benjamin Brittens Kammeroper "Albert Herring" im Staatstheater Darmstadt

 

Etwas zu Lachen sollte es geben an diesem Abend. Die Dramaturgin gab in der Einführung vor der Premiere sozusagen offiziell das Lachen frei. Dass es dann mit dieser menschlichen Äußerung doch nicht soweit her war während der fast dreistündigen Aufführung, lag neben einer eher gebremsten Komik auch an der eingeschränkten Verständlichkeit des Textes. Das seit Wagner übliche künstlerische Konzept, auch verbindende und die Handlung erläuternde Gespräche in einem stilisierten Sprechgesang zu präsentieren, dient zwar der musikalischen Einheit und Spannung, jedoch nicht gerade der Verständlichkeit. Da gerade der englische Humor viel vom Wortwitz lebt, ging hier einiger Anlass zum Lachen verloren. Vielleicht hätten Übertitel - trotz der Aufführungssprache Deutsch - ein wenig geholfen.

Katrin Gerstenberger(Lady Billowss), Werner Volker Meyer (Mr.Gedge), Andreas Wagner (Mr.Upfold), Andreas Daum (Mr.Budd), Sonja Gerlach (Miss Wordsworth)  

Doch zur Sache: Benjamin Brittens (1913 -1976) Oper "Albert Herring" entstand im Jahre 1947, als England noch unter dem Kater des viktorianischen Empire-Rausches litt und die Ständegesellschaft sich noch nicht endgültig von den Sitten und Gebräuchen des 19. Jahrhunderts gelöst hatte. Den gesellschaftlichen Dünkel der Oberschicht und die anbiedernde Eilfertigkeit des aufkommenden Mittelstandes und dessen vorauseilenden Gehorsam wollte Britten ebenso aufspießen wie die knochentrockene und verstaubte Moral des vergangenen Zeitalters. Da kam Guy de Maupassants (ausgerechnet ein Franzose!) Novelle "Der Rosenjüngling der Madame Husson" gerade recht als Vorlage. So bauten Britten und sein Librettist Crozier die Geschichte von dem einfältigen und verklemmten Muttersöhnchen Albert Herring zusammen, der plötzlich zur Ehre des "Maikönigs" kommt, da die örtliche Moralinstanz Lady Billows keine moralisch vollwertige Kandidatin für den Titel der Maikönigin finden konnte. Alle hatten irgendwelche voreheliche Beziehungen oder zeigten andere Anzeichen eines fragwürdigen Lebenswandels. Albert jedoch hilft seiner Mutter im Gemüseladen und widerspricht der herrschsüchtigen Frau nie. Und die Mädchen hat er eh nie angesehen. Um diese Kernpersonen herum gruppierten Britten und Crozier die - im Zweifelsfall entrüstet- kopfnickenden örtlichen Honoratioren mit Pfarrer, Lehrerin, Bürgermeister und Polizeichef sowie als Gegenpol den kraftvollen Metzgergesellen Cid und seine frische Freundin Nancy. Drei unbekümmerte Kinder verweisen auf die hoffentlich freiere und weniger von Vorurteilen eingeschränkte nächste Generation.

Die Handlung selbst kann man mit Fug und Recht als schlicht bezeichnen. Beim "Maikönigsfest" mischt Cid dem frischgebackenen Titelträger Albert heimlich Rum in sein Getränk, um ihn einmal "aufzumischen". Daraufhin erfährt Albert zum ersten Mal so etwas wie Freiheit (des Rausches) und verlässt heimlich den Ort. Als ihn die aufgeregte Gesellschaft - voran seine verzweifelte Mutter - schon als Leiche im Dorfteich sehen und seinen Tod herzzerreißend beklagen, erscheint er in zerlumptem Aufzug nach einer mehrtägigen Sauftour, erklärt sein altes Leben für beendet, verbietet seiner keifenden Mutter den Mund und wirft die ganze Bagage hinaus. Nur Cid und Nancy dürfen bei ihm bleiben, und den Kindern schenkt er zum ersten Mal Obst und Süßigkeiten. 

Sven Ehrke (Albert Herring), Reuben Willcox (Sid)  

Man sieht also, dass elementare Konflikte Mangelware sind in diesem Libretto. Sowohl der Druck vor dem Ausbruch als auch derselbe sind eher englisch-gemäßigt als südländisch-eruptiv. Selbst die herrische Lady Billows, die immer noch die Deutungshoheit über die Moral für sich in Anspruch nimmt, wirkt eher wie eine in ihrer alttestamentarischen Strenge rührende ältere Dame denn als eine echte Bedrohung für die freie Entfaltung der jungen Leute. Gerade Nancy und Cid sind ironischerweise das lebende Beispiel dafür, dass es sich im Umkreis der alten Lady gut leben und lieben lässt. Und all die abgelehnten Titelanwärterinnen kommen gar nur in Gestalt gelber Zettel der sie vorschlagenden Bürger auf die Bühne. Die Anbiederung der örtlichen Würdenträger lässt sich zwar als kleinbürgerliche Bewunderung des Adels erklären, doch gibt dass Libretto in dem Spannungsverhältnis zwischen altem Adel und aufstrebendem Bürgertum wenig Anlässe zu scharfer Satire. Es gibt überhaupt keine echten Gegensätze, von den Kandidatinnen für die Königswürde einmal abgesehen. So muss der extra aus England eingeflogene Regisseur William Relton schon eine kleine Modelleisenbahn auf dem Konferenztisch aufbauen, in der die gelben Vorschlagszettel zu Lady Billows gelangen, um so etwas wie Situationskomik zu erzeugen. Nur hat diese Eisenbahn - wenn sie auch die Technik des 19. Jahrhunderts widerspiegelt - eben mit der Logik der Handlung nichts zu tun. Da sind die drei Kinder, die bei jeder Gelegenheit versuchen, Obst zu stiebitzen oder die Erwachsenen lange Nasen zu drehen, schon ein wenig näher am Kern der Komik.

Sonja Gerlach (Miss Wordsworth), Hyeon Kyoo Lee (Siss); Stephanie Maria Ott (Emmy), Susanne Serfling (Harry)

Wenn also sich das Lachen am Premierenabend dann doch ziemlich im Rahmen hielt, lag das wohl auch an dem mageren Handlungsgerüst. Doch dem hätte die Regie mit einer harten Bürste gegen den Strich zu Leibe rücken müssen und der originellen und witzigen Musik Brittens entsprechende inszenatorische Einfälle zur Seite stellen müssen. Doch schon mit dem Bühnenbild fängt es an: Simon Higlett hat das England von Edgar Wallace wieder aufleben lassen. Ein holzgetäfelter Empfangsraum bei Lady Billows mit Freitreppe zur Galerie oder eine Backsteinstraße mit vernagelten Fenstern und einem richtig gemütlichen Gemüseladen prägen das Bild. "Merry old England" lässt grüßen, und das mit kaum erkennbarer Ironie. Deren Wert bemisst sich zwar bekanntlich an ihrer Nähe zu einer überhöhten Realität, doch sie kann in dieser auch verschwinden. Für die Kostüme gilt Ähnliches. Obwohl die Oper die Zeit um 1947 reflektiert, hat die Regie das Geschehen in die späten Fünfziger verlegt, wohl, um Cid als Elvis-Verschnitt und Nancy als junge Doris Day präsentieren zu können. Doch dazu ist anzumerken, dass dem heutigen Publikum die späten 50er fast genauso fern sind wie die mittleren 40er. Sei's drum, diese zeitliche Verschiebung marginalisiert sich selbst und lässt sich daher hinnehmen. Doch die grundsätzliche Verlagerung in die Zeit der Großeltern vermittelt den Eindruck einer musikalischen Reise in die "gute, alte Zeit", als alles noch so putzig und altertümlich war. Anders gesagt: Dünkel, moralische Deutungshoheit und gesellschaftliche Anbiederung in die Vergangenheit zu verlegen heißt, diese Untugenden zu bagatellisieren und aus dem eigenen Kontext herauszuhalten.

Die Musik Brittens konterkariert das eher beschauliche Treiben auf der Bühne mit schrägen und immer wieder verblüffenden Einfällen. Um jeglichen Eindruck von imperialer Größe zu vermeiden, wählt er ein kleines Orchester und lässt in diesem Ensemble immer wieder einzelne Instrumente in den Vordergrund treten, mal einzelne Bläser, mal das Schlagzeug und sehr oft das Klavier, das die Rezitative begleitet. Durch diese Sparsamkeit der Musik erhält die Oper ein Weillsches Flair, fast meint man bisweilen, sich in der "Dreigroschenoper" zu befinden. Dazu karikiert er die einzelnen gesellschaftlichen Gruppen musikalisch, will sagen, er ordnet jeder Gruppe den Stil zu, der ihrer Geistesverfassung entspricht. Lady Billows kommt immer im majestätisch schreitenden Klangrausch daher, der ihre Worte überdecken würde, hätte Katrin Gerstenberger nicht so eine volltönende Stimme. Der Bürgermeister tritt im Stil eines italienischen Heldentenors auf - im Hintergrund winkt Verdi aus dem Graben -, den Polizeichef begleitet gleich eine ganze Brassband mit schmetternder Marschmusik, und Pfarrer wie Lehrerin lieben eher die heimelige Hausmusik. Die jungen Leute jedoch - außer dem verklemmten Albert - kommen mit unkonventioneller, teils ein  wenig chaotischer Musik daher, die für Freiheit und eigenständiger Sinnsuche steht. Dazu liefert Britten immer wieder augenzwinkernd Zitate aus der Musikliteratur, so das Liebestrank-Motiv aus Wagners "Tristan", wenn Cid den Rum in Alberts Wasserglas mischt. Die Musik also versucht durchaus und mit Erfolg, das Thema unkonventionell und originell anzugehen, und da wäre es schön gewesen, wenn die Regie diesem Fingerzeig gefolgt wäre.

Sonja Gerlach (Miss Wordsworth), Werner Volker Meyer (Mr. Gedge), Elisabeth Hornung (Mrs. Herring), Carine Séchehaye (Nancy Waters)  

Das Ensemble holt aus dem kargen Konzept dabei noch erstaunlich viel heraus, vor allem durch hervorragende gesangliche Leistungen. Katrin Gerstenberger dominiert mit ihrer Stimme bei jedem ihrer Auftritte wie eine "Lady" die Bühne und setzt sich ohne Probleme gegen das Orchester durch, Reuben Wilcox erinnert nicht nur äußerlich an Elvis Presley, sondern steht diesem "Vorbild" auch stimmlich in nichts nach (auch ohne Rock'n Roll), Carine Séchehaye spielt seine Freundin Nancy als so gschamiges wie liebessüchtiges Mädchen der fünfziger Jahre mit Frische und Witz. Werner Volker Meyer hätte seine darstellerischen und stimmlichen Möglichkeiten sicher gerne noch deutlicher eingesetzt, muss sich jedoch - wie der berühmte Panther im Käfig - mit der säuselnden Seele des Pfarrers zufrieden geben. Sonja Gerlach gibt mit klarem Sopran eine liebreizende junge Lehrerin mit dem ewigen Handtäschchen am Arm und viel gutem Willen im Herzen, Andreas Wagner spielt den Bürgermeister stimmlich und darstellerisch als "geschmeidigen" Politiker und Andreas Daum schiebt in Polizeiuniform immer die Brust heraus und schmettert seine quasi-militärischen Ansichten in den Raum. Sven Ehrke hat als einziger Darsteller eine Rolle mit Entwicklung zu absolvieren und meistert diese Aufgabe mit Bravour. Man nimmt ihm sowohl das ängstliche, verklemmte Muttersöhnchen zu Beginn als auch den aufmüpfigen und selbstbewussten jungen Man am Ende ab, der alle in ihre Schranken verweist. Elisabeth Hornung kann als Alberts Mutter sowohl ihre gesanglichen wie auch schauspielerischen Qualitäten zur Geltung bringen und erarbeitet sich mit ihren profilierten Auftritten eine zentrale Stellung. Die anderen Mitglieder des Ensembles - Diane Pilcher als Haushälterin sowie Stephanie Maria Ott, Hyeon Kyoo Lee und Susanne Scherfling als drei freche Kinder - erfüllen ihre Aufgaben ebenfalls souverän, und die Statisterie des Staatstheaters ergänzt das Bild durch lebhafte Hintergrundszenen. Das Orchester modelliert unter der Leitung von Timor Oliver Chadik die Musik Brittens geradezu Ton für Ton und genießt es offensichtlich, einmal nicht im großen "tutti"-Gewand sondern im feinen kammermusikalischen Kleid aufzutreten. Es machte Spaß, den skurrilen musikalischen Einfällen nachzuspüren und die Querverweise und Zitate zu identifizieren.

Das Publikum war trotz gebremster Witz und Satire begeistert und bedachte alle Mitwirkenden ausnahmslos mit lang anhaltendem Beifall.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller