Satire über (Un)Recht, Rache und Raffgier

Friedrich Dürrenmatts schwarze Komödie "Der Besuch der alten Dame" im Staatstheater Darmstadt

 

Wer hat in seinem Leben nicht schon einmal schweres Unrecht erlitten, und sei es nur subjektiv gefühltes! Und wie nagt dann die Rachsucht, wie füllen sich die Tagträume mit den verschiedenen Möglichkeiten, das vermeintlich geschändete Recht wieder in den Stand der Unschuld zurück zu versetzen! Die Rache ist wahrlich ein elementarer Trieb des Menschen doch die Raffgier mit ihrem "Hang zum Golde" spielt in der Geschichte der Menschheit eine ähnlich starke Rolle. Richtig genutzt und angeheizt kann sie die schönsten Vorsätze zunichte machen.

Jo Kärn (Ill) und Margit Schulte-Tigges (Claire Zachanassian)

 Friedrich Dürrenmatt (1921 -1990) hat diese beiden Themen seiner makabren Komödie "Der Besuch der alten Dame" zugrunde gelegt. In der kleinen, offensichtlich heruntergekommenen Stadt Güllen - nomen est omen - erwarten die örtlichen Honoratioren - Bürgermeister, Pfarrer, Arzt und Lehrer - die Ankunft einer ehemaligen Mitbürgerin, die vor fünfundvierzig Jahren den Ort verlassen hat und mittlerweile zu märchenhaftem Reichtum gelangt ist. Man erhofft sich nostalgiebedingt reichliche Unterstützung, vor allem, da der ehemalige Liebhaber des damaligen jungen Mädchens, der Krämer Ill,  immer noch hier ansässig ist und sozusagen als Katalysator fungieren soll. Die Dame kommt jedoch nicht mit dem normalen Zug, sondern lässt den üblicherweise durchrauschenden ICE - standesgemäß - per Notbremse stoppen und betritt den Bahnsteig unerwartet vor der Zeit. Begrüßungsansprache und -ständchen geraten durch diese plötzliche Änderung geradezu zur Farce. Schon bei dem ersten Zusammentreffen mit den führenden Bürgern der Stadt stellt die Dame - Claire Zachanassian - gleich Einiges klar: sie erwartete damals ein Kind von ihrem Liebhaber Ill, der jedoch die betuchte Nachbarstochter bevorzugte und die Vaterschaft mittels gekaufter Zeugen erfolgreich abstritt, woraufhin Claire in Schimpf und Schande den Ort verlassen musste. Sie wurde Prostituierte, das Kind starb, und schließlich heiratete sie den reichen Armenier Zachanassion, der ihr später ein unermessliches Vermögen hinterließ. Obwohl nun steinreich und bei den Großen der Welt gern gesehen, hat sie die Schmach von Güllen nicht vergessen und will nun Rache üben: an Ill und an den Bürgern, die damals weggesehen und sie vertrieben haben. Kurz und knapp erklärt sie, dass sie der Stadt eine halbe Milliarde - Franken, Dollar, Euro? - und den Bürgern noch einmal den selben Betrag schenken wird, falls man Ill umbringt. Entsetzen bei Ill und seinen Freunden. Helle Empörung und standhafte Ablehnung bei den Ortsgewaltigen. Hier könnte das Stück frühzeitig enden, wenn die Menschen kein Judas-Gen hätten. Doch die Realität sieht natürlich anders aus: schleichend beginnt sich der Ort zu ändern, und der zwangsläufig wachsam gewordene Ill bemerkt es sehr rasch. Seine verarmten Bürger kaufen sich neue Schuhe - gelb ist der Neid -, neue Autos und neue Möbel, alle leben anscheinend plötzlich auf Pump. Seine aufkommende Furcht zerstreut als erster der Ortspolizist, der ihm rabulistisch klar macht, dass er die Milliardärin nicht wegen Anstiftung zum Mord verhaften könne, da deren angebliche Anstiftung zum Mord wegen ihrer offensichtlichen Unsinnigkeit gegenstandslos sei. Der Pfarrer überhört seine konkreten Ängste und empfiehlt ihm, sich um sein Seelenheil zu sorgen, während oben im Turm die neue Kirchenglocke läutet. Außerdem bemerken plötzlich mehr und mehr seiner Mitbürger, dass Ills damaliges Verhalten eigentlich ziemlich schändlich gewesen sei. Vor allem der Bürgermeister bewegt sich in einem geradezu halsbrecherischen Balanceakt auf dem schmalen Grat zwischen staatsbürgerlicher Verantwortung für Recht und Gesetz und der Gier nach dem Geld. Plötzlich läuft jeder mit einem Gewehr durch die Gegend, weil angeblich Claires Panther, den sie als Haustier mitgebracht hat, ausgebrochen ist. Dieser Panther ist natürlich nichts als eine Metapher für die alles überlagernde Geldgier der Mitbürger. Und die Gewehre sorgen bei Ill jedes Mal zu einem kräftigen Adrenalinschub.

Hubert Schlemmer (Arzt), Matthias Kleinert (Lehrer) und Margit Schulte-Tigges

Einzig der Lehrer versucht, sein humanistisches Weltbild mit den Vorgängen in Übereinstimmung zu bringen und so etwas wie Widerstand zu leisten. Doch er ahnt, dass auch er am Ende zustimmen oder zumindest zuschauen wird. Doch selbst er leidet mehr an seinem inneren Zwist als an der äußeren Situation. Der Arzt versucht anfangs noch zusammen mit dem Lehrer, die potentielle Mäzenin zu einer "friedlichen Übernahme" der Stadt zu überreden, verfällt aber nach dem Scheitern des Versuchs in einer mehr oder minder zynische Beobachterrolle. Claire erklärt ihnen nämlich, dass ihr Güllen bereits gehöre und sie bewusst die Armut herbeigeführt habe. So lastet die gesamte moralische Verantwortung auf dem Bürgermeister - qua Amt - und dem Lehrer - qua Gewissen, da sich der Pfarrer in jenseitige Betrachtungen zurückgezogen hat und Ill sich lediglich als unschuldiges Opfer fühlt. Doch als schließlich der Bürgermeister auf die geniale Idee kommt, Ill den Freitod als Sühne für sein vormaliges schändliches Verhalten zu empfehlen, geht Ill dem Tod mittlerweile geläutert und gefasst entgegen und verlangt von seinen Mitbürgern lediglich, sich ihrer Verantwortung selbst zu stellen, was sie noch als Unverschämtheit und mangelnde Einsicht verurteilen. Da auch Claire Zachanassian außer kurzen Zuckungen des Mitgefühls keine Zeichen des Nachgebens zeigt, lassen die lieben Mitbürger schließlich eine Meute gedungener Mörder anrücken. Während man selbst in entspannter Straßenfest-Atmosphäre am Tresen steht, fällt Ill nebenan unter den Hieben und Tritten. Claire gibt dem Dahingeschiedenen einen zarten Kuss und dem Bürgermeister den Scheck. Das Spiel ist aus.

Uwe Zerwer (Polizist), Klaus Ziemann (Priester), Sonja Mustoff (Frau Ill), Jo Kärn, Margit Schulte-Tigges, Harald Schneider (Bürgermeister), Aart Veder (Butler) im Hintergrund   

Regisseur Herrmann Schein hat Dürrenmatts Original gründlich gekürzt, reihenweise Randfiguren und -ereignisse gestrichen und stattdessen neue Elemente hinzugefügt. Neben einer vorsichtigen "Eindeutschung" - oder besser "Entnationalisierung" - des ursprünglich Schweizer Kontextes hat er die verstreuten Hinweise auf die Aktivitäten der Presse bei diesem spektakulären Fall in eine Fernseh-Talkshow zusammengefasst, in der eine stromlinienförmige Journalistin das Ganze als "Event" mit Promi-Charakter hochstilisiert. Diese Straffung und Aktualisierung des Stückes bekommt der Inszenierung ausgezeichnet, erhält das doch ziemlich sprechlastige Stück dadurch Tempo und Farbe, während der moralische Aspekt zwar nicht verschwindet, sich jedoch nicht penetrant in den Vordergrund drängt. Die Situation spricht für sich, man muss sie nicht verbal aufrüsten. Bei der Charakterisierung der Personen hat Schein vor allem den Bürgermeister und den Lehrer in den Mittelpunkt gestellt. Diese beiden Figuren machen - neben Ill, der sich irgendwann seinem Schicksal stellt - als einzige innere Kämpfe und eine gewisse Entwicklung durch. Beide verlieren diesen Kampf zwar, aber zumindest werden sie sichtbar als Menschen mit einem inneren Konflikt. Der Polizist dagegen schiebt lediglich "Dienst nach Vorschrift" und schielt vom ersten Augenblick an auf den Geldsegen, der Arzt übt sich in praktischem Zynismus und stellt am Ende den Totenschein wegen Herzschlags aus, der Pfarrer versteckt sich hinter dem Seelenheil. Allen jedoch stehen die Dollarzeichen in den Augen. Am Ende gibt es auch bei Schein - wie sollte es anders sein - keine Tröstung. Claires Konzept einer geldgesteuerten Rache hat funktioniert und sie lässt neben einem toten Ill die Einwohner mit ihrem Gewissen zurück.

Jo Kärn als gönnerhafter "Alt-Liebhaber" Ill und Margit Schulte-Tigges als eiskalte Claire

Hermann Schein hat auch Claire in die Jetztzeit gerückt. Statt Aga Khan - wer kennt den heute noch - müssen Bill Gates und andere Promis als Duzfreunde herhalten, den Präsidenten der Weltbank lässt sie vor der Tür warten, zwischen ihren lokalen Racheaktivitäten kauft sie Bayer-Aktien und kommentiert aus Finanzsicht die Aktionen von "Gerd und Putin" bei Gasprom. So führt Schein noch zwischenzeitlich einen Schnelldiskurs über die globalisierte Finanzwelt und den viel geschmähten "Turbokapitalismus", jedoch nicht mit erkennbar kritischer Absicht, sondern als konturierenden Kontext der Claire Zachanassian. Ein wenig beleuchtet er damit auch die Faszination des "großen Geldes", unabhängig von der Bestechlichkeit der lokalen Politprominenz im Stück. Geld gewinnt hier einen Eigenwert, der sich schließlich in dem - im Stück unausgesprochenen - Gemeinplatz "Geld regiert die Welt" niederschlägt. Scheins Inszenierung erfährt dadurch auch eine Aufwertung der komödiantische Seite, die mit dem Originaltext wohl eher bieder ausgefallen wäre. Immer wieder spitzt er die Situation mit diesen kurzen, zeitbezogenen Bemerkungen zu und erntet damit punktgenaue Lacher. Die beiden blinden Kastraten, die ihren Zustand Claire zu verdanken haben, die sie als falsche Zeugen einst verraten haben, leisten einen grotesken Beitrag zum komödiantischen Effekt, wenn sie, wie siamesische Zwillinge aneinander hängend, mit kreischenden Fistelstimmen ihr Unglück beklagen. Der Chor des Staatstheater tritt hier in einer Art "Quersubventionierung" als Männerchor des Städtchens Güllen sowie als finale Mörderbande auf und sorgt damit ebenfalls für eine Belebung der Inszenierung. Herrmann Schein hat sich Einiges einfallen lassen, um diesen Text zeitgemäß wiederzubeleben, und es ist ihm in vollem Umfang gelungen.

Das umfangreiche Ensemble steht ihm bei dieser Inszenierung mit einer durchweg runden Leistung zur Seite. An erster Stelle sind dabei Matthias Kleinert als überzeugend zerrissener Lehrer sowie Harald Schneider als schmierig-doppelzüngiger Bürgermeister mit herrlich verhedderten Reden zu nennen. Margrit Schulte-Tigges präsentiert die relativ statische Figur der Claire Zachanassian ebenfalls glaubwürdig und lässt den inneren Zwiespalt dieser Figur zwischen Rache und nostalgischer Wehmut durchscheinen, Jo Kärn ist am besten als jovialer ehemaliger Liebhaber Ill, der die ehemalige Geliebte in schleimig-jovialer Art und mit der Überheblichkeit eines Vorstadt-Casanovas wieder in die Arme schließen möchte, Matthias Fuchs gibt die diversen Gatten der Claire - drei im Schnelldurchgang während des Stücks - mit viel Sinn für die hier angesiedelten Knallchargen und Aart Veder ihren autistischen Butler. Hubert Schlemmer als zynischer Arzt und Klaus Ziemann als bigotter Pfarrer ergänzen das Personaltableau nahtlos, ebenso Sonja Musthoff als bieder-lebensschlaue Frau Ill und Uwe Zerwer als Bier trinkender und tendenziell faschistoider Polizist. Iris Melamed liefert einen Paradeauftritt als hemmungs- und skrupellose TV-Moderatorin, Julia Glasewald und Tobias Mangold treten als gelangweilte Kinder von Ill auf, Volker Muthman wirbelt als desorientierter Bahnhofsvorstand über die Bühne und das Duo Stefan Schuster / Tom Wild spielt die glatzköpfigen, die Augen verdrehenden Blinden.

Das Premierenpublikum dankte mit starkem Beifall und einigen "Bravos" und man darf annehmen, dass sich dieses Stück zu einem "Renner" der Saison entwickelt.

Die nächsten Aufführungen finden am 26. April sowie am 7., 20., 21. und 28. Mai statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller