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Das
Amerika in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg, vor allem
der berühmt-berüchtigte "Mittelwesten", galt als
Hochburg der puritanischen Spießigkeit, besonders
hinsichtlich Erotik und Alkohol. Dagegen begann sich jedoch,
vor allem in den Großstädten des Ostens, die Jazz- und
Swingkultur durchzusetzen, die gerade von der Freizügigkeit
nicht nur in der Wahl der musikalischen Ausdrucksmittel
lebte. Die Filme der 30er Jahre mit den der Prohibition
geschuldeten verbotenen Trink- und Pokergelagen zeigen dies
deutlich. So fand denn dieser Trend auch auf der
Komödienbühne Einzug, und was dem Europäer die Operette
war, zeigte sich in Amerika im Gewand der "Musical
Comedy", kurz "Musical". In "Anything
Goes" hat Cole Porter eine Reihe unsterblicher Songs
kreiert, die noch heute zum Standardrepertoire jeder
besseren Big Band gehören. Um diese Songs herum
konstruierte man meist eine ziemlich alberne und groteske
Handlung unter dem Motto: hauptsächlich Lacher ernten! Auch
"Anything Goes" folgt diesem Trend und baut sich
ein Handlungsgerüst, das nicht gerade tief gehende
menschliche Konflikte thematisiert, sondern auf das
altbewährte Duo "Sex & Crime" setzt, jedoch
unter Weichspüler Humor. Kriminalität ist hier eher
grotesk bzw. simuliert, und auch der Sex hält sich sogar
verbal stark im Rahmen. Meist muss man zwischen den Zeilen
hören. Doch den Amerikanern ging es um eine schmissige
Musikrevue mit viel Tanz und kurzweiligem Witz, und in
dieser Kategorie waren die Musical-Schreiber Meister.
Ein
Passagierdampfer überquert den Atlantik von Amerika nach
"merry old England". Auf ihm unter anderem eine
Dame der Gesellschaft mit ihrer bildhübschen Tochter und
deren Verlobtem, einem englischen Lord. Weiterhin ein
Börsenmakler, der seinem jungen Assistenten vorher noch
eingeschärft hat, gewisse Aktien zu verkaufen. Doch dieser
junge Mann, Billy, ist unsterblich in die angehende
englische Lady verliebt und hat sich als blinder Passagier
auf das Schiff geschlichen. Eine flott-frivole Tänzerin,
die ihrerseits wiederum an Billy interessiert ist, hat sich
mit ihrer gesamten feschen Tanztruppe eingeschifft, ein
echter Priester verliert ein wenig bei so hübschen Damen
die Übersicht, um dann irrtümlicherweise als verkleideter
Gangster abgeführt zu werden, während eben dieser im
Priester-Outfit und Maschinenpistole im Geigenkoffer samt
flotter Gangsterbraut per Schiff nach England fliehen will.
Zwei etwas verrückte Chinese, ein etwas biederer Kapitän
und viele Matrosen ergänzen das groteske Personalaufgebot.
Man kann sich vorstellen, welche Verwechslungen, Irrtümer
und Intrigen sich auf dem Schiff abspielen, bis schließlich
Billy seine Traumfrau bekommt, der englische Lord an der
Tanzchefin "kleben" bleibt und der Börsenmakler
wider erwarten steinreich wird.
Das
Ganze hat Regisseur Stefan Huber originalgetreu im Stil der
dreißiger Jahre inszeniert. Harald Thor hat dazu das
Oberdeck eines Luxusliners mit großem Schornstein
(bisweilen rauchend!), Niedergängen und einer fast echten
Reling nachgebildet, während das Orchester im Graben unter
der Leitung von Philip Armbruster dazu die schwungvolle
Musik liefert. Ältere Besucher, die sich an die Zeit vor
Elvis und Beatles erinnern oder die Musik der Dreißiger
lieben, werden die Evergreens sofort wiedererkennen und im
Geiste mitsummen. Markus Buehlmann hat dazu eine schmissige
Choreografie für die Tanztruppe des Nationaltheaters
erarbeitet, die meist in Matrosenuniform auftritt, gewürzt
mit leichten Damen. Wenn dann die Chefin der Tanztruppe mit
ihren Damen im engen, hautfreien Dress oben aus dem
Schornstein tritt, erinnert das den Einen an klassische
Revuen, den anderen an die "Königin der Nacht".
Und wenn der falsche Priester mit der MP herumfuchtelt und
im nächsten Moment den fromm betenden Geistlichen gibt,
erinnert das an "Some like it hot" oder andere
Krimis der Zeit. Zitat ist alles! Stefan Huber verzichtet
auf jegliche Aktualisierung des Stoffes. Die Kostüme
spiegeln die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen wider, die
Frisuren ebenso, und selbst der Dampfer erinnert an die
großen Zeiten der Nordantlantik-Route, bevor die Boeings
die Transportaufgabe übernahmen und damit das große
Motivbecken der Schnelldampferzeit trocken legten.
Gesellschaftskritische
Töne wie bei der "West Side Story" oder harte
Schnitte wie bei "Falco"
gehören nicht zum Stil dieser Musicals, sondern hier feiert
die unbeschwerte Unterhaltung Triumphe. Allerdings wirken
diese Musicals heute angesichts der erwähnten Nachfolger
hinsichtlich Handlung, Witz und Tempo ein wenig hausbacken
und naiv. Doch schon wegen der Traditionspflege und aus
einer berechtigten Nostalgie heraus haben auch diese
älteren Musicals ihren Platz im Repertoire, und "Anything
Goes" ist dabei sicherlich eines der besseren.
Das
Publikum zeigte sich begeistert von der frischen und
temporeichen Aufführung und dankte dem umfangreichen
Ensemble durch lang anhaltenden Beifall.
Frank
Raudszus
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