| Träume, in Rhythmus und Bewegungen gegossen |
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Das Varieté "Da Capo" gastiert mit seinem neuen Programm "Alé - eine Streetperformance" in Darmstadt |
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Schon wieder sind zwölf Monate vergangen, und das Varieté "Da Capo" hat erneut sein Zelt auf dem Darmstädter Karolinenplatz aufgeschlagen, um dort vorweihnachtliche Zirkusatmosphäre zu verbreiten. Die Lichterketten locken zum Besuch und versprechen spannende Unterhaltung. Im Zeitalter der totalen medialen Virtualität wirkt diese Zirkuswelt in gewisser Weise anachronistisch und fasziniert gerade deswegen.
Wie für ein Varieté dieses Zuschnitts üblich, verbinden die Vorführungen einer Tanztruppe die einzelnen Nummern. Dieses Mal hat man die Musik nach dem Techno-Schwerpunkt des letzten Jahres etwas zurückgenommen und eine durchweg professionelle Damentruppe präsentiert - mit Unterstützung klassischer Tänzer und ehemals Ensemble-Mitglieder des Staatstheaters Darmstadt - eher eingängige und gefälligere Choreografien, ohne deswegen jedoch an Tempo einzubüßen. Die zweite, komische Seite der Übergänge deckt der mittlerweile international bekannte russische Clown Jigalov ab, das heißt, eigentlich sind seine Auftritte keine Übergänge sondern eigene Programmnummern. Doch dem Zuschauer kommen sie wie Übergänge zwischen den akrobatischen Hochleistungsdarbietungen vor, bieten sie doch die Gelegenheit zum entspannten Lachen und bilden somit immer eine Regenerations-Brücke zwischen zwei Adrenalinschüben. Jigalov präsentiert sich im Duett mit seinem Partner als der ewige Verlierer. Klein, hässlich und ungeschickt, versucht er sich ewig an dem ihm nicht Erreichbaren, sei es , dass er singen oder ein Kunststück vorführen will. Alles misslingt ihm: das Singen gerät zum Krächzen, mit dem Mikrofon gerät er in einen aussichtslosen Ringkampf, und selbst die hinterlistigen Streiche, die er seinem Partner spielt, erweisen sich prompt als Rohrkrepierer. Doch Jigalov verliert nie den Lebensmut, sieht sich immer auf der "bright side" und macht das "Victory"-Zeichen zu seinem Erkennungssignal. Dabei kommt er - bis auf die erwähnten Krächzer - fast ohne Stimme aus und drückt alle seine Absichten, Wünsche und Gefühle durch Gestik und Mimik aus. Über ihn lacht man nie schadenfroh sondern stets mit Anteilnahme. Die akrobatischen Darbietungen rekrutieren sich aus dem üblichen Repertoire, wecken jedoch jedes Mal wieder Erstaunen, auch wenn manche Übung erst beim zweiten oder dritten Mal gelingt. Das liegt dann jedoch nicht an der mangelnden Qualität des jeweiligen Künstlers sondern an der atemberaubenden Schwierigkeit der Nummer. Wenn zum Beispiel der Jongleur zum Schluss seiner mitreißenden Nummer mit insgesamt neun (!) Bällen einen Hexentanz aufführt, so nimmt es nicht wunder, dass beim ersten Versuch einige Bälle seitwärts wegspringen. Doch in der Wiederholung klappt es dann. Mit weniger Bällen vollführt er dann alle möglichen Jongleur-Tricks rund um seinen Körper, so dass die Bälle wie von selbst zu ihm zu streben scheinen. Elena Borodina zeigt sich als Meisterin des Handstands, der bei ihr jedoch den sportlichen zugunsten des künstlerischen Aspekts in den Hintergrund treten lässt. Mit den Beinen windet sie einen Schleier um sich, der die Konturen verwischt, und mit denselben Beinen bildet sie Armbewegungen nach, so dass sich schließlich auf dem Podest eine weibliche Gestalt mit erhobenen Armen zum Himmel zu recken scheint. Die Welt wird hier anmutig auf den Kopf gestellt. Nachdem Clown Jigalov seinen Partner hinterlistig aber letztlich erfolglos am Flötenspiel gehindert hat, zeigt der Mann an der Kette seine Fähigkeiten. An der vom Zelthimmel herabhängenden Kette lässt er sich bis auf wenige Zentimeter vor dem Boden herunterfallen, dreht und windet sich um die Kette, als sei es eine feste Stange, und vollführt seine letzten Kunststücke an der verkürzten Kette, deren loses Ende knapp zehn Meter über der Matte hin und her pendelt.... Den absoluten Höhepunkt vor der Pause bietet dann die Kourbanov-Truppe mit ihrer Motorrad-Akrobatik. Auf zwei Harleys rollen deren typische Fahrer hinein: genietete Lederkleidung, Kopftuch und nackte Arme. Um sie herum springen zwei halbwüchsige Jungen, die auf den hochgestreckten Füßen der Harley-Fahrer rotieren, übereinander von Motorrad zu Motorrad springen und eine atemberaubende Show anderer akrobatischer Kunststücke abziehen. Ein Höhepunkt jagt den anderen, und man fragt sich immer wieder, woher die Jungs diese Sprungkraft und Standfestigkeit hernehmen, vom Mut zu diesen gefährlich aussehenden Kunststücken ohne Netz und doppelten Boden gar nicht zu reden. Das Premierenpublikum entließ diese Truppe nahezu mit "standing ovations" in die Pause. Wie der erste Teil aufhört, so beginnt der zweite: mit Tempo und hochklassiger Bodenakrobatik. Gelangweilte junge Männer in Anzug und Weste, mit Hut und Regenschirm schlendern in die Arena und scharen sich unauffällig um eine einzelne, an der Bushaltestelle sitzende Frau. Um ihr zu imponieren, beginnen sie nun wie kleine Jungs Kunststücke vorzuführen. Um die Wette versuchen sie sich in den gewagtesten Vorwärts- und Rückwärtssprüngen sowie mehrfachen Saltos und überspringen sich sogar gegenseitig, nur um feststellen zu müssen, dass die Dame mitnichten beeindruckt ist, sondern auf gleichem Niveau mitmacht. Nun toben alle in einer packenden Choreografie in kurzen Abständen über die Mattenbahn, wobei es zu vielen scheinbar zufälligen "Beinahe-Zusammenstößen" kommt, die natürlich alle bis ins Detail geplant sind. Dem Zuschauer bleibt des öfteren der Atem stehen, und so mancher Turner scheint nach seinem Mehrfachsalto direkt in den ersten Zuschauerreihen zu landen, doch es scheint nur so. Dagegen wirkt die Vorführung des Akrobaten-Paares Viktor und Kati geradezu erholsam. Er - groß und stark - spielt den gutmütigen Tolpatsch, der seine kleine Partnerin auch schon einmal mit einer Hand aufhebt und wie eine Puppe irgendwo abstellt, sie spielt die Unschuld vom Lande, die ihn jedoch vollständig im Griff hat. So präsentieren die beiden ein humorvolles und zeitweise anrührendes Programm, bei dem das akrobatische Können hinter der Paarbeziehung zu verblassen scheint, denn jede Bewegung wirkt eher behutsam denn dynamisch. Doch dahinter steckt höchste Körperbeherrschung, gepaart mit Kraft, Witz und schauspielerischem Talent. Hier wohnte man eher einer Vorführung des modernen Tanztheaters als einer Akrobatik-Nummer bei. Die Frau mit den rotierenden Tüchern lässt eben diese um ihre Füße rotieren, während sie sich im zweiarmigen oder einarmigen Handstand befindet. Diese Ausgangssituation variiert sie zu immer gewagteren Körperhaltungen und - Bewegungen, ohne dabei die Rotation des - normalerweise schlaffen -Tuches zu vernachlässigen. Nach einem Zwischenspiel eines Regenschirm-Balletts steigt die Hexe "Furia" auf das Trapez und vollführt oben in der Zirkuskuppel - nicht ratlos - rasante Schwünge und Sprünge. Fast kommt sie einem wirklich vor wie eine rasende Hexe auf ihrem Besen, nur dass dieses Exemplar im Gegensatz zu ihrem Märchenpendant jung und attraktiv ist. Jigalov versucht zwischendurch mal wieder, als zweiter Frank Sinatra Karriere zu machen, doch sein "I did it my Way" weckt bei seinem Partner nur mitleidiges Kopfschütteln und bei den Zuschauern Lachsalven. Ein Seiltänzerpaar setzt den akrobatischen Schlusspunkt, wobei die beiden auf dem Seil mehr springen - teilweise übereinander - als "tanzen". Auch hier spielt die schauspielerische Seite eine Rolle, stellt sich der männliche Part doch anfangs als lästiger Störenfried dar, der sich dann plötzlich als Könner auf dem Seil entpuppt. Immer liefern die Choreografien um die Akrobatik auch eine kleine - mal witzige, mal herzerwärmende - Geschichte mit. Zum Schluss wacht Herr Biedermann auf seiner Haltestellenbank aus seinem Traum auf, mit glücklichem Lächeln auf dem Gesicht und gar nicht mehr so grau und unscheinbar wie am Anfang. Mit diesem Lächeln auf den Lippen verlassen auch die Zuschauer eine rundherum gelungene Aufführung, die man nur empfehlen kann. Frank Raudszus Alle Fotos © Jens Kaufheld |