| Die Mär vom melancholischen Mephistopheles |
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Christopher Marlowes "Dr. Faustus" in den Darmstädter Kammerspielen |
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Wäre Christopher Marlowe nicht bereits im Alter von dreißig Jahren bei einer Messerstecherei im Wirtshaus umgekommen, wer weiß, welche Werke uns dieser hoch begabte Zeitgenosse Shakespeares noch hinterlassen hätte. Doch wie im Falle Mozart ist dieses "was wäre, wenn" müßig, da sein Leben nun einmal so verlaufen ist. Erstaunlich, dass ausgerechnet ein Engländer sich dieses in Deutschland bereits Mitte des 16. Jahrhunderts weit verbreiteten Stoffes angenommen hat, um ihn zu dramatisieren, während der im Ursprungsland nur als Sammlung schauerlicher Anekdoten sein Unwesen im niederen Volk trieb. "Faust" also, der macht- und wissensgierige Mensch, der keine Grenzen kennt und sich sogar mit dem Teufel verbündet, um seine hoch fliegenden Wünsche zu befriedigen: bei Marlowe wird aus dem zwielichtigen Scharlatan der deutschen Reformation - man konnte dort in dieser Figur den unbotmäßigen Wunsch nach Aufklärung und Individualismus geißeln - ein Getriebener, der zwar in Machtphantasien schwelgt, aber doch die Stufe des reinen Scharlatans weit überschreitet. Tatsächlich sucht er die menschlichen Grenzen zu überschreiten, die tief sitzenden Begierden und Sehnsüchte zu verwirklichen. Liest man Marlowes Biographie, erkennt man die Projektion der eigenen Befindlichkeit auf den Protagonisten, und umgekehrt sagt jener auch viel über den Autor aus. Unmäßigkeit des Lebensanspruchs, Sprengung des engen gesellschaftlichen und geistigen Korsetts der Zeit, Suche nach dem Absoluten, das hier noch grob konturiert wird, prägen die Figur des Dr. Johann Faustus, der schließlich scheitern muss, weil es keinen Kompass gibt für den richtigen Kurs bei dieser Suche. Die Feinarbeit an diesem Konzept wird später ein thüringischer Schriftsteller hessischen Ursprungs nachliefern............
Auch dieser Faust hat bereits Medizin und (leider auch) Theologie studiert und räsoniert im Eingangsmonolog ausgiebig über diese beiden Wissenschaften (Philosophie und Juristerei lässt er geflissentlich aus). Dazu traktiert er eine Leiche auf dem Seziertisch und versucht, ihr künstliches Leben einzuhauchen. Auch ohne Pudel gelingt ihm das mit den richtigen Säften und Sprüchen, so dass der nackte Corpus sich plötzlich und ruckartig als Fleisch gewordener Mephistopheles aufrichtet - Darsteller Hubert Schlemmer ist in dieser Szene nicht zu beneiden. Von Stund an muss der so magisch beschworene Fürst der Unterwelt auf Geheiß Luzifers, seines Zeichens Herr der Unterwelt, dem Dr. Faustus zu Diensten sein: Frauen herbeischaffen, einen Termin beim Papst organisieren, diesen dann dank Unsichtbarkeit beliebig drangsalieren, Alexander den Großen und die schöne Helena herbeizaubern, einem Ritter Hörner aufsetzen, Weintrauben aus dem Nichts herschaffen und allerlei anderer Zinnober, der mit dem Drang nach allumfassender Macht und Welteinsicht herzlich wenig zu schaffen hat. Aus der losen Folge von Zauberkunststücken, wie sie im Volksbuch gesammelt sind, wird bei Marlowe der ernüchternde Missbrauch einer großen Gelegenheit. Nicht die planvolle Nutzung der plötzlich gewonnen Macht zur Erreichung eines selbst gesteckten, hohen Zieles, sondern die kurzfristige Bedienung allzu menschlicher Schwächen - Eitelkeit, Rachsucht, Angeberei - prägen die Aktionen des Dr. Faustus. Der Mensch ist nicht zu Höherem geboren und wird immer an seiner Scholle kleben, selbst wenn man ihm alle Hilfsmittel der Welt an die Hand gibt. Während Faustus noch glaubt, auf Erden zu wandeln und ein Vierteljahrhundert Zeit zu haben, um seine Ziele zu verwirklichen, ist er bereits jetzt dem Teufel anheim gefallen, denn: die Hölle, das ist das Hier und das Jetzt! Zu oft lässt dieser Faustus den Augenblick verweilen, weil er doch so schön ist, und schon sind die 24 Jahre vorbei und er sieht sich plötzlich mit der Tatsache konfrontiert, dass er den vom Teufel eingehandelten Bewegungsspielraum nur für "Dummejungen-Streiche" und Eitelkeiten genutzt hat und dafür jetzt der ewigen Höllenpein ausgesetzt ist. Doch Marlowe markiert den Abgesang des unmäßigen Verlierers nicht durch possenhafte Entführung seitens koboldartiger Teufelchen, sondern lässt das Stück in einem hintergründig verzweifelten Monolog des Protagonisten enden, damit zum Anfang zurückfindend. Dieser letzte Monolog stellt sich als Rekapitulierung der vergebenen Chancen und Imagination des kommenden Grauens sowie als verzögerte Fortsetzung des so zukunftsgläubigen und machtbesessenen Anfangsdialogs dar. Wer will, kann darin eine Metapher des menschlichen Lebens sehen, muss es aber nicht. Denn Marlowes Geschichte vom besessenen Johann Faustus ist in erster Linie ein Volksstück mit reichlich plastischer Moral und lässt erst beim zweiten Hinschauen philosophischen Tiefgang durchschimmern. Mephistopheles kommt nicht als zynischer Intellektueller à la Gustav Gründgens oder als platter Teufel mit rauchendem Schweif daher, sondern eher als "Großkundenbetreuer" der Hölle, der das Geschäft schon seit Jahrhunderten kennt und betreibt und ob der immergleichen Erfahrung mit den unvollkommenen Menschen bereits desillusioniert ist. Obwohl Faustens Seele für die Hölle ein großer Gewinn zu sein scheint, ist er ihm eher unwillig und leicht angewidert zu Diensten, erfüllt aber alle Wünsche wie von Luzifer angeordnet. Geschäft ist Geschäft, auch wenn es keinen Spaß macht.
Der polnische Regisseur Andrej Woron - von Haus aus eigentlich Maler - lässt denn auch das Volksstückhafte deutlich in den Vordergrund treten. Das beginnt schon bei dem von ihm selbst entworfenen Bühnenbild, ein Volkstheater mit einfachen, an Stangen befestigten Vorhängen, die in mehrfacher Ausfertigung die verschiedenen Bühnenebenen abdecken oder öffnen. Bühne auf der Bühne also. Die Kostüme passen sich diesem Stil an und wirken bewusst improvisiert, so wie halt ein fahrendes Theater mit den - knappen - vorhandenen Requisiten auskommen muss. Auch die sieben Todsünden werden laut Mephisto-Darsteller Hubert Schlemmer, der plötzlich als Ensemblemitglied auftritt, wegen allgemeiner Sparzwänge auf drei beschränkt und grotesk verbildlicht. Mit wenigen Strichen - Studenten in eher aktueller Verbindungsmontur - schafft Woron einen Bezug zur heutigen Zeit, ohne in forcierte Aktualisierung zu verfallen. Diese Anspielungen wie auch die zeitweise saloppe heutige Umgangssprache - so reden die Studenten den Famulus Wagner unter Verwendung von Ausdrücken wie "Ey", "Prof" und "Assi" an - schlagen schnappschussartige Brücken in die heutige Zeit, im Großen und Ganzen bleiben die Szenen jedoch zeitlos-burlesk. Die Szene mit dem Papst hätte Woron im erz-katholischen Polen sicher kaum so auf die Bühne bringen können, lässt diese Szene - wie im deftigen Volkstheater der Marlowe-Zeit üblich und durchaus zu Recht - doch jeden Respekt vor den gar nicht so heiligen Kirchenoberen fehlen. Da wird der gesamte Kirchenstaat einschließlich des obersten Hirten der Lächerlichkeit preisgegeben. Das Darmstädter Publikum nahm´s gelassen und zeigte angesichts der gerade laufenden Karikaturen-Hysterie humorvolle Toleranz. Die Volksszenen kommen wegen ihrer Derbheit natürlich immer gut an, so wenn die in Hund und Affe verwandelten Raufbolde sich im Wirtshaus besaufen und dem Magier bittere Rache schwören.
Die Rahmenhandlung mit den Engeln, die auch schon Marlowe vorsah, gestaltet Woron plakativ mit derben Merkmalen sexuellen Grenzgängertums. Den guten Engel (Volker Muthmann) macht er unter dem reinen weißen Kleid und den unschuldigen Flügeln zum Transvestiten mit Hängebrüsten, dem bösen Engel (Karin Klein) lässt er unter der schwarzen Kutte ein künstliches Gemächte wachsen. Die beiden Engel kommentieren fast jede Szene, mischen sich von außen ein, flüstern Faust ihre Anweisungen ins Ohr und sorgen für die Überleitungen zwischen den einzelnen Szenen und bei notwendigen Umbauten. Ihre Auftritte werden ergänzt von verschiedenen Opfern des Magiers Faust, die ebenfalls zwischen den Szenen auftreten und ihr Leid klagen oder Rache schwören. Dazu kommt die passende Musik von Michael Erhard aus dem Off, ebenfalls mit dem Tenor des Tanzbodens. Der eigentliche Gag kommt dann am Schluss, wenn nach Fausts letztem Monolog plötzlich alle Darsteller erscheinen und übergangslos die Bühne abbauen, bis schließlich nur noch ein großer Thespiskarren übrig bleibt, den sie gemeinsam von dannen ziehen. Erst dann setzt der Beifall ein.
Die Darsteller fühlen sich in diesem Stück offensichtlich sehr wohl, obwohl sie physisch wie psychisch stark gefordert sind. Das gilt in erster Linie natürlich für Harald Schneider, der als Dr. Faustus fast durchgehend präsent ist und alle Stadien der Euphorie, des Machtrauschs, der Lust und der Verzweiflung durchläuft. Er bringt diese halb dämonische, halb hedonistische Figur in ihrer vormodernen Zerrissenheit überzeugend und glaubwürdig zum Ausdruck. Ihm zur Seite steht Hubert Schlemmer als Mephistopheles, und er muss sich gleich zu Beginn als nackte Leiche malträtieren lassen. Den folgsamen Diener der Hölle spielt er mit einem Anflug von melancholischer Gereiztheit und gibt damit klar zum Ausdruck, dass auch Teufel nur Menschen sind. Matthias Kleinert hat neben zwei kleineren Rollen mit Luzifer und dem Papst ausgerechnet zwei Antipoden zu spielen, wobei ersterer als nüchterner CEO der Unterwelt und letzterer als hinfälliger Demenzkranker erscheint. Tom Wild tritt unter anderem als Papst, Kaiser Karl und vor allem als Famulus Wagner auf, der bei Marlowe jedoch eher den Possenreißer gibt. Gerd K. Wölfle hat mit sage und schreibe sechs Rollen - darunter Beelzebub - ein umfangreiches Umkleideprogramm abzuwickeln und nebenbei auch noch schnell die Identität vom Studenten zum Ritter zum Teufel zu wechseln, und Margit Schulte-Tigges erscheint als umherhüpfendes Wesen im Tütü, dann wieder als Teufel, als Kardinal und sogar als Gelehrter und bildet damit ein Gegen(leicht)gewicht gegen die derbe Männerwelt. Thomas Cermak schließlich deckt die restlichen fünf Rollen vom Rosstäuscher über den Kardinal bis zum Teufel ab. Karin Klein und Volker Muthmann übernehmen neben ihren jeweiligen Engel- noch einige Nebenrollen. Das ganze Ensemble liefert in etwas über zwei Stunden viel Witz, Situationskomik bis zu Slapstick und treffende Satire ab. Obwohl die Mär eigentlich schaurig ist, gibt es viel zu lachen, unter anderem, weil es dem 21. Jahrhundert nicht mehr vor der Geschichte mit dem Teufel und dem Blutsvertrag graust. Doch hinter dem deftigen Volksstück lugt immer wieder eine tief pessimistische Sicht auf die Welt und den Menschen durch, die in dieser Inszenierung nicht zu kurz kommt. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |