| Entführung ohne Happy End |
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Mozarts "Entführung aus dem Serail", in Darmstadt gegen den Strich gebürstet. |
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Die Geschichte kippt in dem Moment, wenn das Publikum sich bereits mit dem Gedanken an die Heimfahrt beschäftigt. Der böse Osmin hat die Flüchtlinge festgesetzt und bedroht sie mit Waffen und Worten "(Oh, wie werd' ich triumphieren..."), man weiß jedoch, dass sich Bassa Selim zur Großmut durchringen und die Liebenden mit allen guten Wünschen nach Hause schicken wird. Nicht so bei Philipp Kochheim und seiner Darmstädter "Entführungs"-Inszenierung. Während noch Bassa Selim (Harald Schneider) mit versteinertem Gesicht die gefesselten und mit Augenbinden für eine Exekution vorbereiteten Gefangenen anstarrt, macht sich Osmin über Blonde her, schlägt den ihr zur Hilfe kriechenden - "eilenden" würde der Situation nicht gerecht werden - Pedrillo zusammen und schleppt die sich wehrende Blonde von der Bühne. Bassa Selim gibt seine Gefangenen zwar frei, aber eher mit verhaltener Wut und einem bis auf den Grund verletzten Herzen. Und noch während Belmonte und Constance dem Bassa Selim für seine Großmut danken, kriecht Blonde auf die Bühne, offensichtlich von Osmin brutal vergewaltigt. Dieser steht mit verschränkten Armen im Hintergrund, Bassa Selim ignoriert die Tragödie. Belmonte und Konstanze sind entsetzt, Pedrillo führt die zusammengebrochene Blonde still von der Bühne, Belmonte geht - ohne Konstanze - nach rechts ab, und diese bleibt allein auf der Bühne, singt leise die ersten Takte der Arie über die Liebe - Schluss. Kein jubelndes "Ende gut, alles gut", kein Wort von Bassa zu Osmin; dieser triumphiert am Ende tatsächlich.
Diese überraschende Wendung am Ende der Oper zeigt durchaus Konsequenz und ist in sich schlüssiger als der von Mozart und Librettist Stephanie entworfene Ausgang. Die plötzliche Großmut eines schwer in seiner Eitelkeit und Liebe getroffenen Potentaten, der die Macht über Leben und Tod besitzt und obendrein noch in Belmonte den Sohn seines Erzfeindes erkennt, ist eher der inneren Zensur des Librettos geschuldet als der Realität. Ein guter Herrscher war am Wiener Hof allemal besser zu "verkaufen" als ein rachsüchtiger Wüterich. So wurde denn bei Mozart Bassa Selim zum König der Großmut und Osmin zu einem eher kuriosen Großmaul, das keine wirkliche Macht über die beiden Paare besitzt. Regisseur Philipp Kochheim macht jedoch aus diesem Turban tragenden und Krummsäbel schwingenden Kinder-Buhmann einen brandgefährlichen, brutalen Body-Guard der Neuzeit. Sonnenbrille, schwarzer Anzug und schwarzes T-Shirt gehören ebenso zu seinem "Outfit" wie die Pistole im Achselhalfter und die Drahtschlinge zum Erwürgen. Mit seiner geradlinigen, dennoch geschmeidigen Brutalität kontrolliert er sogar seinen Herrn Bassa Selim. Weit davon entfernt, vor ihm zu kriechen, kennt er dessen inneren Wünsche und Begierden besser als dieser selbst und weiß sie gut zu nutzen. Die Vergewaltigung Blondes stellt für ihn kein größeres Risiko dar, da er ganz genau weiß, dass Bassa Selim alles andere als Mitleid für seine Gefangenen aufbringt. Der Bassa Selim der Darmstädter Inszenierung entlässt seine Gefangenen eher aus politischem Kalkül denn aus Großmut. Eine Vergewaltigung stellt in diesem Kontext nur einen unerheblichen Kollateralschaden dar. In diesem Sinne ist Bassa Selim ganz ein Kind der heutigen - und wohl auch der damaligen - Welt. Macht korrumpiert, und menschliche Kategorien verlieren angesichts persönlicher Rachegefühle und fehlender Korrektive schnell an Bedeutung.
Doch Kochheim beschränkt sich nicht auf diesen plötzlichen Umschwung am Ende, sondern bereitet ihn systematisch vor. Ein Indiz dafür ist die humorlose und gefährliche Charakterisierung des Osmin. Hier lauert vom ersten Moment an eine tödliche Gefahr. Doch auch die beiden Paare bilden bei ihm nicht den Gegenentwurf zur Welt des Osmins und des Bassa Selim. Die bei Mozart ursprünglich mit einem Augenzwinkern angelegten Eifersuchtsszenen von Belmonte und Pedrillo gerinnen hier zu bitterem Ernst. Konstanze und Blonde geht es bei Bassa Selim durchaus nicht schlecht. Bassa überschüttet Konstanze mit Mode von Dior bis Givenchy (Achtung: "Product Placement"...;-)), was diese sich durchaus gefallen lässt, und Blonde heizt in einem stillen Stündchen den darüber sehr erfreuten Osmin in einer Art und Weise an, dass man es nicht mehr als reine Taktik betrachten kann. Obwohl sie sich vor Osmin fürchtet, fasziniert sie doch sein brutaler Machismo, und wäre nicht Pedrillo die meiste Zeit um sie herum, könnte man für nichts garantieren. Die Eifersucht der beiden Männer entbehrt also durchaus nicht des Grundes, und das Misstrauen bleibt, auch wenn sich die beiden Frauen ob der - durchaus nicht falschen - Unterstellungen beleidigt zeigen und längere Zeit nicht mit den beiden reden. In einer Schlüsselszene nach dem Streit sitzen die vier vorne an der Rampe und schweigen sich an. Das Orchester gönnt sich eine Generalpause von mindestens fünf Minuten, in denen nichts weiter geschieht, als dass keiner von den vieren das erste Wort zu einer Versöhnung findet. Das ehemalige, naive Vertrauen ineinander ist zerstört, das Misstrauen groß. Und so verlassen sie ihre Plätze ohne Aussprache, nur mit dem Vorwand, nun endlich packen zu müssen. Die extreme Dauer dieser sprachlosen Einlage verleiht der Szene besondere Bedeutung: unter dem Druck externer Macht und unmittelbarer Bedrohung zerbricht auch die Solidarität der Opfer. Dass Not zusammenschweißt, erweist sich als Mär. Letztlich ist jeder sich selbst der Nächste, und Solidarität reicht nur soweit wie die eigene Sicherheit. Die geplante Flucht dient jetzt nicht mehr einem zukünftigen Zusammenleben in Liebe und Vertrauen sondern nur dem Zweck des Überlebens.
Philipp Kochheim hat einigen Mut damit bewiesen, dieser generell als liebe- und spaßvolles Singspiel inszenierten Oper eine derart düstere Aussage mit auf den Weg zu geben. Allerdings hat er dabei auf grobe Klötze verzichtet, da er sich mit der Musik Mozarts arrangieren musste. So enthält die Darstellung Osmins auch komische Elemente, etwa bei dem Techtelmechtel mit Blonde oder dem Besäufnis mit Pedrillo. Auch letzterer erscheint bis auf die Schlussszene als Spaßvogel und unverbesserlicher Optimist, den nichts erschüttern kann und der immer einen flotten Spruch auf den Lippen führt. Ähnliches gilt für Blonde, die das Flirten nie lassen kann. Insofern bleibt die Inszenierung über weite Strecken im Rahmen des Librettos; doch die tödliche Gefahr in Gestalt eines unberechenbaren Bassa Selim und eines gewalttätigen Osmins lauert immer zwischen den Arien und den Szenen. Die Textfassung dieser Inszenierung hat das Ensemble eigenständig neu erstellt und auf die heutige Umgangssprache umgestellt. Die oftmals saloppe Ausdrucksweise vor allem Pedrillos und auch Osmins sorgen dabei für einige Lacher, Anhänger der klassischen Inszenierungen werden dies aber nicht unbedingt goutieren. Die blumigen Wendungen des ursprünglichen Librettos sind nämlich durchweg dem heutigen "Coolness"-Slang gewichen. Doch im Kontext des modernen Bühnenbildes - Schauplatz ist die Edelwohnung Bassa Selims mit weißen Sitzgarnituren und Hausbar - und anderer Requisiten wie Handy und Stereoanlage gewinnt auch die Sprache eine konsistente Wirkung. Dasselbe gilt für die durchweg modernen Kostüme, wobei Blonde das Weibchen herauskehrt und Konstanze als Dame auftritt.
Bei den Darstellern haben die scheinbaren Nebenfiguren Osmin, Blonde und Pedrillo die Nase vorn, da sie einfach die dankbareren Rollen haben. Witz, Leichtlebigkeit, Brutalität - kurz: alle aus dem Rahmen fallenden Charaktereigenschaften, machen sich auf der Bühne immer besser als Ernst und Sittsamkeit. Insofern wirkt vor allem Mark Adler als Belmonte ein wenig farblos. Stimmlich ist bei ihm wenig auszusetzen, wenn er auch in manchen Partien etwas leise wirkt, aber schauspielerisch hat er leider nur den "edlen" Part des liebenden Helden, zu dem weder der schnelle Witz noch etwa Brutalität passt. Eleonore Marguerre hat es da als Konstanze ein wenig besser, da sie vor allem mit einer Reihe publikumswirksamer Arien bedacht ist und sich dadurch sehr gut in Szene setzen kann. Sie meistert die anspruchsvollen Partien mit Souveränität und auch darstellerischer Qualität, doch auch bei ihrer Rolle gilt: vornehme Zurückhaltung, keine Ausfälle. Da können Andrea Bogner als Blonde und Jordi Molina als Pedrillo natürlich ganz anders vom Leder ziehen. Andrea Bogner glänzt als quirlige, nie um eine Idee verlegene Blonde, die das Herz auf dem rechten Fleck hat, und besticht vor allem in der Szene mit Dimitrij Ivashenko (Osmin) und in den Koloratur-Arien. Nicht zuletzt gelingt ihr der Umschwung zu der gebrochenen Person am Ende überzeugend. Jordi Molina zeigt wieder einmal seinen strahlenden Tenor und genießt ansonsten die über weite Strecken seinem komischen Talent zusagende Rolle des Sprüche klopfenden Pedrillo. Dimitrij Ivashenko bringt die schmierige Brutalität des Osmin so glaubwürdig zum Ausdruck, dass man richtiggehend Angst vor ihm bekommen kann, und muss sich dafür von Pedrillo/Molina noch mit russischen "Dawai, dawai"-Rufen in seinen unfreiwilligen Schlaf schieben lassen. Harald Schneider aus dem Schauspiel-Ensembnle schließlich tritt in der reinen Sprechrolle des Bassa Selim auf, gewinnt damit dieser Figur jedoch völlig neue Züge ab. Sein Bassa tritt am Schluss mit großer Schuld und Verbitterung ab.
Das Orchester unter der Leitung von Timor Oliver Chadik bemüht sich - passend zu dem kleinen Ensemble auf der Bühne - um einen kammermusikalischen Klang, wobei die Transparenz und die eher nüchterne Interpretation der Musik der Inszenierung entgegenkommen. In gewissem Sinn sieht man die bittere Ironie des Regisseurs auch in der Musik aufblitzen und das fröhliche Singspiel zur doppelbödigen Kommentierung des abgründigen Bühnengeschehens mutieren. Insofern passt bei dieser Inszenierung alles zusammen, auch wenn sie vielleicht nicht den Beifall aller Mozart-Freunde finden wird. Das Publikum am 22. November applaudierte jedoch lange und begeistert und dankte den Darstellern für ihre überzeugenden Leistungen. Das Regieteam musste sich bei dieser Aufführung dem Publikum nicht stellen. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |