| Unterhaltendes Musiktheater mit Niveau |
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Musical "Evita" im Staatstheater Darmstadt |
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Wie also geht man mit diesem Stoff im Deutschland des Jahres 2005 um, wo der Wunsch nach guter Unterhaltung eine eventuelle kultartige Verehrung bei weitem überwiegt? Man statte dieses Stück einerseits mit einer gewissen Distanz aus - und die Möglichkeit besteht in der Rolle des Ché - und man füge mittels theatralischer Effekte Temperament hinzu. Regisseur Vernon Mound hat sich beider Maßnahmen bedient. Den Ché - hier ist natürlich Ché Guevara gemeint, der tatsächlich während Eva Perons "Regime" in Buenos Aires Medizin studierte und die Perons ablehnte - positioniert er anfangs als Berichterstatter über Evas Aufstieg, später als schärfsten Kritiker, der auch vor den Vorwürfen von Terror und Zensur nicht haltmacht. Diesem Kritiker, der zunehmend die Rolle des Narren am Königshof einnimmt, der zwar alles sagen darf, damit jedoch nichts erreicht, steht das Volk gegenüber, das Eva Peron geliebt und verehrt hat. Dabei hat sicherlich Eva Perons Strategie eine Rolle gespielt, bei der sie - mit Rückendeckung ihres Mannes - der führenden Schicht der Großgrundbesitzer Privilegien und Teile ihres Besitzes zugunsten der armen Bevölkerung abnahm. Inwieweit diese Maßnahmen sozialem Engagement entsprangen oder doch nur kühlem Machtkalkül, sei dahingestellt. Das Volk bietet in Mounds Inszenierung dem Chor und dem Tanzensemble des Staatstheaters ausreichend Gelegenheit, sich in Szene zu setzen. Straßen- und Cafészenen sowie Demonstrationen gehören dazu ebenso wie der Aufmarsch der Massen an Eva Perons Sarg. Die Tänzer lassen dazwischen einzeln oder in Gruppen den "Tango Argentino" aufleben, der dem Stück das typisch südamerikanische Flair verleiht. Diese temperamentvollen Einlagen lockern die ansonsten ziemlich geradlinige Handlung nicht nur auf, sondern verschieben sogar den Schwerpunkt ein wenig von der Protagonistin auf ihren zeitgenössischen Kontext. Sarkastisch-ironisch auch die pantomimische Szene, in der die Generalsjunta Kopf um Kopf dezimiert wird, bis nur noch Peron als späterer Machthaber übrig bleibt. Den Kult um Eva Peron ironisiert Mound mit einem gläsernen Sarg à la Schneewittchen, der mit der aufgebahrten Eva aus dem Bühnenhimmel herabsinkt und sich dem herbeiströmenden Volk zum Abschied präsentiert. Die Generäle geraten bei Mound zu eher lächerlichen denn gefährlichen Zinnsoldaten, die denn auch im wahrsten Sinne des Wortes nicht viel zu sagen haben. Peron selbst bleibt durch Eva Perons geschickte Politik an der Macht, obwohl er gerade ihretwegen - schließlich ist sie ein Emporkömmling aus der untersten Schicht - von der herrschenden Schicht her unter Beschuss steht.
Eva Peron trägt in diesem Musical durchaus ambivalente Züge. Ihr Machtstreben und -bewusstsein kommt deutlich zum Ausdruck, so wenn sie nach ihrem Umzug nach Buenos Aires die Männer in kurzer Abfolge wechselt - auf der Bühne nahezu im Sekundentakt wie chancenlose Bewerber beim Abendessen abfertigt - und sich in der Hierarchie "hochschläft", oder wenn sie mit Ché, der als Berichterstatter immer wieder auch - zumindest verbal - ins Geschehen eingreift, über ihre durchaus nicht streng demokratischen Methoden diskutiert und ihren Machterhalt als oberstes pragmatisches Ziel nennt. Auf der anderen Seite wirken ihre sozialen Aktivitäten nicht nur wie karitatives Management zwecks besserer Presse, sondern man nimmt ihr die persönliche Betroffenheit über die Zustände ab. Eva Peron stellt sich dar als ein Mensch, der seine Chancen nutzt, darüber aber nicht alle menschlichen Standards vergisst. Das ist in den Augen der ideologischen Puristen - oder puristischen Ideologen - Verrat an der Idee und am Volk, für Eva ist es einfach das konkrete Leben, das schließlich nur einmal und nicht ewig währt. Ihr Ende naht dann relativ schnell und mit erfreulich wenig Sentimentalität: die Abschiedsszene zwischen ihr und Juan Peron fällt halb sachlich, halb tapfer-optimistisch aus, und der Tod kommt im nüchternen Klinikbett. Danach erscheint sie noch einmal als ihre eigene Verklärung, jedoch weniger um einer Überhöhung ihrer Person willen sondern um damit die posthume Idealisierung und "Verkultung" durch das Volk und die Medien zu zeigen. Der um sie wabernde Disconebel lässt sich durchaus als die Vernebelung des Nachrufs deuten.
Während die Inszenierung in der ersten Stunde vor der Pause nur langsam an Fahrt aufnimmt - etwas langatmig wird der Aufstieg Eva Perons erzählt -, gewinnt sie im zweiten Teil deutlich an Tempo und Dynamik. Das liegt natürlich auch daran, dass sich in diesem Teil die dramatischeren und krisenhaften Szenen häufen. Hat man anfangs die Aufführung noch zurückgelehnt auf sich wirken lassen, rutscht man nun doch bisweilen auf die vordere Sitzkante, um das Geschehen - vermeintlich - besser verfolgen zu können. Die Darsteller tragen einen wesentlichen Teil zum Gelingen der Inszenierung bei. Nina Pressing spielt eine permanent präsente Eva, um die sich tatsächlich alles dreht. Stimmlich ebenso so souverän wie schauspielerisch, gelingt es ihr, die verschiedenen Gesichter der Eva Peron zur Schau zu stellen und nicht im Unterhaltungsstil eines typischen Musicals zu verharren. Ihr zur Seite nimmt sich Werner Volker Meyer als Juan Peron etwas zurück, um deutlich zu machen, wie sehr Eva Peron die Beziehung der beiden bestimmt. Peron ist bei ihm einer der weniger unfähigen Generäle, ohne deswegen zum vertrauenswürdigen Regierungschef zu werden. Seine Affekte sind daher immer etwas verhalten, Peron soll sich bei Werner Volker Meyer in seiner Rolle als führender Politiker zwar ob der Macht geschmeichelt aber unwohl fühlen. Als Dritter im Bunde löckt Ché alias Randy Diamond wider den Stachel. In deutlich verständlichem Deutsch - was bei Ausländern nicht immer der Fall ist - spricht und singt er seine Texte und sorgt so für ein gutes Verständnis der Abläufe und Hintergründe beim Publikum. In seiner Rolle als protestierender - ernsthafter - Politclown greift er auch zu Mitteln des Körperausdrucks wie kurze tänzerische Einlagen oder expressive Bewegungen. Damit drückt er die Zerrissenheit des intellektuellen Beobachters aus, der beide Seiten der Eva Peron erkennt, deshalb aber ihre machtbesessene Seite nicht akzeptieren kann. Randy Diamond avanciert dadurch im Laufe des Abends zum eigentlichen Star des Abends, weil er als einziger eine wirklich spannungsgeladene Persönlichkeit darstellt, die sich mit dem Geschehen auf der politischen Bühne inhaltlich auseinander setzt. Diese Auseinandersetzung verleiht ihm von allen das schärfste psychologische Profil, und dafür erhielt er zum Schluss auch den meisten Beifall, dicht gefolgt von Nina Pressing. Sonderapplaus erhielten der Chor und das Tanzensemble für ihre vielseitigen Darstellungen des Volkes sowie das Orchester unter der Leitung von Norbert Biermann, das nicht - wie bei der Oper - im Orchestergraben sondern hinter der Bühne spielt. Die weiteren Vorstellungen sind bereits jetzt bis Weihnachten ausverkauft! Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |