Liebesleid eines liederlichen Lebemanns

Giuseppe Verdis Oper "Falstaff" im Staatstheater Darmstadt

 

Im Jahre 1893 erschien Giuseppe Verdis Oper "Falstaff" als sein letztes Werk dieser Gattung. Nach über fünfzig Jahren als Opernkomponist lieferte er mit "Falstaff" seinen Beitrag zum musikalischen "Fin de siècle" und zum Anbruch einer neuen Musikgattung, die von Wagner angestoßen und von Richard Strauss fortgeführt wurde. 

Das besondere an dieser Oper ist nicht die Handlung; die lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: der alternde und stets klamme Lebemann Falstaff sucht bei den - verheirateten - Damen Alice und Meg eine lukrative Liaison. Da diese sich dummerweise gut kennen, zeigen sie sich gegenseitig Falstaffs "Rundbrief" und beschließen, ihm eine Lektion zu erteilen. Sie vereinbaren mit ihm zum Schein ein Rendezvous, bei dem sie den dreisten Tölpel hereinlegen wollen. Da leider Alices Ehemann nicht eingeweiht ist, eskaliert die Angelegenheit, da er Wind von einer angeblichen Liaison seiner Frau bekommt. Vor dem empört hereinstürzenden Ehemann können die Frauen den "Liebhaber in spe" gerade noch in eine Wäschetruhe verfrachten, die sie dann vom Personal in den Fluss kippen lassen. Dem überlebenden Falstaff lassen sie noch eine zweite Rendezvous-Einladung mit Meg Page zukommen, die er in seiner Selbstüberschätzung ernst und annimmt. Nachts an dem einsamen Treffpunkt beider Eiche verwirren sie ihn erst mit einem improvisierten Elfenreigen, um ihn dann mit Hilfe ihres gesamten Gefolges ein wenig zu verprügeln. Falstaff muss am Schluss einsehen, dass seine erotische Attraktivität wohl doch begrenzter ist als - von ihm - gedacht, nimmt das Schicksal als Prügelknabe jedoch mit einem gewissen Galgenhumor auf sich.

Carlo Hartmann als Falstaff

Die deftig-komödiantische Handlung ermöglicht natürlich vielerlei szenische Möglichkeiten für effektvolle Auftritte. Vor allem die Rolle des Falstaff bietet einem Sänger und Schauspieler eine ideale Gelegenheit, alle Register zu ziehen. Saufen, großspurige Reden, Anbandelungsversuche und kräftige Abreibungen haben schon immer das Publikum begeistert, und nicht nur die typischen Zuschauer der "opera buffa". Hier gilt es also aus dem Vollen zu schöpfen und die pralle Lebenslust und auch den plumpen Überschwang mit Tempo und Witz zu inszenieren. Dabei heißt es jedoch aufzupassen, nicht in Plattheit zu versinken und sich nicht auf die gängigen Klischees zu beschränken. In Darmstadt hat Intendant John Dew persönlich die Inszenierung übernommen und auch gleich beim Bühnenbild einen Akzent gesetzt.

Dieses besteht im Grunde genommen darin, dass es keins gibt. Auf der nackten Bühne, vor einer ebenso schwarzen und leeren Rückwand und bei offen gelegter Technik der Seitenwände spielt sich das Geschehen mit nur wenigen Requisiten ab. Das Ensemble karrt die Möbel und Requisiten für die jeweiligen Szenen spielerisch selbst heran, und fast möchte man diese Art der Bühnenausstattung als Seitenhieb auf die Sparappelle der Politik auffassen. Angesichts seiner britischen Herkunft wäre John Dews diese Art trockenen Humors durchaus zuzutrauen. Doch der Verzicht auf bühnenbildnerisches Zeitkolorit schadet der Inszenierung durchaus nicht. Tempo und Witz der Aufführung lassen den Mangel an Augenschmaus durchaus vergessen. Dabei verlegt Dew die Handlung durch wenige Handgriffe in die Gegenwart. Der Ehemann von Falstaffs vermeintlicher Geliebten erscheint bei seinem ersten Auftritt als Golfspieler mitsamt Schläger, und die Frauen tauschen die Inhalte der Falstaffschen Liebesbriefe beim Einkauf im Supermarkt aus. Die gefüllten Einkaufswagen erlauben dem einschlägigen Experten sogar gewisse Rückschlüsse auf den Discounter. Dass die drei Damen - Alice Ford, Meg Page und Mrs. Quickley - mit ihrer Kleidung die rot-grün-gelbe Ampelkoalition widerspiegeln, lässt sich als verstecktes Apercu auf die politische Gegenwart deuten (falls da nicht der nackte Zufall wirkt), bilden die drei doch tatsächlich eine ungewöhnliche Koalition, um dem dickfelligen, wohllebigen und uneinsichtigen Patron (das Wahlvolk?) den Marsch zu blasen. Wie dem auch sei, politisch wird dieser Koalition wohl keine Zukunft beschieden sein, dafür siegen die drei Damen auf ganzer Linie, und Alice Ford kann ihrer Tochter Nanetta mit einigen Tricks auch noch den von Vater Ford unerwünschten Fenton als Ehemann zuschanzen.

Dagegen führt die nächtliche Szene zurück in eine tiefe deutsche Romantik. Eine riesige Eiche fügt sich aus dem Boden und aus dem Bühnenhimmel majestätisch zusammen, und davor posiert der dickleibige Falstaff (Carlo Hartmann) mit einem gehörnten Helm. Der Berg von Bayreuth lässt unübersehbar grüßen! Der nächtliche Reigen des Chors ergänzt dieses Zitat der Romantik um das damals so beliebte Elfen- und Satyrspiel und gibt obendrein den Damen des Chors die Gelegenheit, sich auch einmal als Tänzerinnen zu beweisen.

Das "Damenquartett": v. l. Susanne Serfling (Nannetta), Anja Vincken (Mrs. Alice Ford), Elisabeth Hornung (Mrs. Quickly) und Yannchen Hoffmann (Mrs. Meg Page)

Der Musik Verdis gebührt besondere Beachtung. Von ihm sind wir einprägsame Arien und weit gezogene Melodiebögen gewohnt. Musik von Verdi pfiff zu bestimmten Zeiten jeder Gassenjunge, und noch heute liegen uns viele Motive in den Ohren. Das Orchester nimmt oft viel Raum ein und tritt neben dem Bühnengeschehen gerne als eigenständige Kraft auf, die den Emotionen auf der Bühne eine zweite Darstellungsebene eröffnet. Nicht so in "Falstaff". Hier dämmert bereits das 20. Jahrhundert mit Richard Strauss herauf. Von Wagner hat Verdi im "Falstaff" die Technik des durchgehenden Gesangs übernommen. Die Musik ist vollständig in die Szenerie integriert und umgekehrt. Das Rezitativ hat sich zu Gunsten eines gestalteten Gesangs verabschiedet, und reine Sprechpartien, früher wichtig für das Verständnis der Handlung, sind völlig verschwunden. Alle Handlungsabläufe und Emotionen werden durch musikalische Mittel interpretiert, wobei im Zweifelsfall das Verständnis nicht aus dem Text sondern aus dem emotionellen Ausdruck der Musik kommt. Das ist bei einer eher burlesken Handlung einerseits einfacher, andererseits schwieriger. In Ermangelung existenzieller Konflikte kann die Musik das einzelne Handlungselement nur unzureichend erklären, auf der anderen Seite sprechen natürlich Saufgelage und erotische Annäherungsversuche auch ohne musikalische Interpretation ihre eigene Sprache. In dieser Hinsicht erscheint auch die Übersetzung des italienischen Textes auf der elektronischen Anzeige zwiespältig. Bei grober Kenntnis der Handlung - Programmheft vorher lesen - erübrigt sich das Verständnis der einzelnen Bemerkungen, zum Beispiel zwischen Falstaff und seinen mitsaufenden Dienern, sind sie doch von mäßigem Informationsgehalt und enthalten die üblichen Beschimpfungen und Schlüpfrigkeiten. Das fast nicht zu vermeidende Mitlesen der Übersetzungen lenkt dabei nur vom aktuellen Geschehen auf der Bühne ab, und am Ende hat man zwar brav den Text gelesen, aber die Hälfte der Bühnenkomik verpasst. Doch dieses Dilemma ließe sich wohl nur mit einer deutschen Fassung des Librettos lösen, die wiederum auf Kosten der Authentizität gehen würde....

Falstaff im nächtlichen Reigen unter der Eiche

Zurück zur Musik, die sich beinahe nach impressionistischer Manier in viele kurze und fein durchgearbeitete Figuren zerlegt. Nicht mehr die große Geste steht im Vordergrund, sondern die musikalische Kommentierung und Ergänzung jeder einzelnen Geste und nahezu jeden Wortes. So folgt die Musik nicht großen Linien sondern schreitet von Augenblick zu Augenblick fort, immer die jeweilige Befindlichkeit der handelnden Personen widerspiegelnd und die Situation markierend. Wie bereits ausgeführt, verweist diese Struktur bereits auf die Musik von Richard Strauss, so z.B. auf den Rosenkavalier. Es versteht sich von selbst, dass diese Art von Musik wesentlich höhere Anforderungen an das Zusammenspiel von Bühnenpersonal und Orchester stellt als die "klassische" Oper, gilt es hier doch, auf den Moment genau zu reagieren. Das Orchester unter der Leitung von Timor Oliver Chadik löste diese Aufgabe mit Bravour und zeigte damit wieder einmal den Reifegrad, den es im Laufe der Jahre unter Marc Albrecht und Stefan Blunier erreicht hat.

Dem entsprechen die Leistungen des singenden Personals. Allen voran ist natürlich Carlo Hartmann als Falstaff zu nennen, der mit dieser Figur seine Traumrolle gefunden hat und restlos in ihr aufgeht. Laut seinen eigenen Aussagen muss man schon einmal über 100 Kilo auf die Waage gebracht haben, um Falstaff spielen zu können, und obwohl sein Kostüm offensichtlich ausgestopft ist, ist ihm durchaus zuzutrauen, dass er es schon einmal auf dieses Gewicht gebracht hat. Seine Stimme und sein Leib dominieren die gesamte Bühne, und die ganze Konstellation dieses Librettos macht es anderen schwer, neben ihm zu bestehen. Das schafft jedoch Werner Volker Meyer, der Ford, dem Ehemann von Alice, stimmlich wie darstellerisch ein ausgeprägtes Profil verleiht, das dem Zuschauer im Gedächtnis verbleibt. Diese Leistung ist umso mehr zu würdigen, als Ford eigentlich von der Handlung her keine tragende Figur darstellt und mehr oder minder als "Brandbeschleuniger" für Falstaffs Entsorgung via Wäschetruhe dient. Andreas Wagner spielt und singt den verliebten Verehrer Nanettas im Rahmen, den diese Rolle erlaubt, mit Souveränität, die anderen Nebenrollen - Saufkumpane und der biedere Ehekandidat für Nanetta - sind ebenfalls gut besetzt.

Bei den weiblichen Rollen überzeugt vor allem Elisabeth Hornung mit ihrem tiefen Alt und ihrem schauspielerischen Witz. Herrlich ihr "Reverenza" bei den verschiedenen Treffen mit Falstaff. Anja Vincken als quirlige und fintenreiche Alice steht ihr in nichts nach. Susanne Serfling gibt eine frische Nanetta im Pettycoat der fünfziger Jahre, und Yannchen Hoffmann rundet das Gruppenbild der Damen gekonnt mit der Rolle der Meg Page ab.

John Dew ist mit "Falstaff" ein temporeicher und witziger Saisonstart gelungen, und seine Einladung an Carlo Hartmann, die Hauptrolle zu übernehmen, hat sich als goldrichtig erwiesen.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller